Full text: Hessenland (28.1914)

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Gesundheit reden. Tut nichts. Die Gesellschaft selbst 
ist ja so vertrottelt, daß sie das nicht merkt. Am Ende 
des Experiments möchte Higgins das Mädchen, das 
natürlich durch das Wohlleben der letzten Wochen zu 
ihrem alten Berus unfähig gemacht ist, einfach wieder 
auf die Straße setzen. Das empfindet sie mit Recht 
als eine Niedertracht. Und als Higgins sie dann be 
halten will, läßt es Shaw (im Buch, auf der Bühne 
wird uns die tröstliche Sicherheit, daß sie bei ihm 
bleibn unentschieden, wie die Sache endet. 
So wird uns zu Gemüte geführt, welch niedrigstehendes, 
ungebildetes Gemengsel die bourgeoise Gesellschaft ist. 
Wie in ihr nur Oberflächlichkeit und Torheit regiert. 
Wie unsere konventionellen Einrichtungen lächerlich sind 
und sündhaft. Wie der Ungebildetste eine Rolle spielen 
kann, wenn er den richtigen Tonfall hat. Wir sagen 
entschuldigend, Shaw meine nicht uns, sondern die 
englischen bürgerlichen Kreise und in dieser be 
wußten Selbsttäuschung, ja sogar ohne ihrer zu be 
dürfen, lassen wir uns vom Zauber der Rede ein 
sangen. Der Angegriffene, mit Sarkasmen überschüttete, 
Verhöhnte klatscht Beifall und — das sei offen zu 
gestanden — amüsiert sich köstlich 
Frl. S t o r m gab das Straßenmädel ausgezeichnet. 
Sie wußte als ungebildete Blumenverkäuscrin, wie als 
Weltdame außerordentlich zu fesseln. Daß sie, um 
ihre mangelhafte Bildung zu markieren, sächselte, 
entspricht wohl kaum den dichterischen Intentionen. Man 
kann auch ohne solche Dialektfärbung das Deutsche 
vulgär sprechen. 
Herr Pape war ein vortrefflicher, ungeschlachter und 
humoristischer Higgins, der sein allen gesellschaftlichen 
Bräuchen widersprechendes Verhalten durch eine große 
Dosis Liebenswürdigkeit erträglich machte, Herr B o h n 6 e 
war ein sehr glaublicher xontlemanlike handelnder Oberst 
Frl. Scholz gab die alte Frau Higgins sympathisch 
und mit echtem Gefühlston. Der philosophische Müll 
kutscher, der Vater der Heldin, soll wohl nach des Dichters 
Absichten schärfere Charakterzüge tragen und wird des 
halb vielfach vom Charakterdarsteller gegeben. Hier hatte 
man ihn Herrn P i ck e r t zugeteilt, der ihn mit vielen 
wirksamen burlesken und erheiternden Nuancen verzierte. 
Die Regie des Herrn H e r tz e r hatte sich eifrig in den 
Dienst des Werkes gestellt. Das großstädtische Nachtbild 
des ersten Aufzuges besonders war sehr hübsch arrangiert 
und außerordentlich wirksam. 
Nicht ohne Erwähnung soll "eine bemerkenswerte Neu 
einstudierung bleiben. Hebbels Judith. In diesem ge 
waltigen Jugendwerk zeigt sich in voller Schärfe die 
Wahrheit des Otto Ludwigschen Wortes, daß Hebbels 
Gestalten „Tag und Nacht in ihrer vollen Wappenzier 
und auf der Jagd nach ihren eignen charakterischen 
Zügen sind". Die Personen philosophieren allzu viel 
über sich selbst, und inmitten aller Glut und allem fort 
reißenden Feuer hebt kühle Reflexion ihr Haupt. Und 
doch zeigt sich auch in diesem Drama des Dichters ur 
sprüngliche, poetische Kraft. Es ist erfreulich, daß das 
Hoftheater die „Judith" wieder in den Spielplan auf 
genommen. 
Herr H e r tz e r hatte mit feinstem Verständnis die 
Regie geführt, und nur eins schien recht verwunderlich: 
Bilder und Statuen waren im jüdischen Volk ver 
pönt, da man dem Gebot „Du sollst dir kein Bild 
machen" die strengste Auslegung gab. Auf der Hof 
bühne setzte sich Judith darüber hinweg und schmückte 
ihr Zimmer mit allen möglichen Bildwerken. Das ist 
stilwidrig 
Frl. G ö r l i n g war eine prächtige Judith, die sowohl 
in ihrer schwärmerischen Begeisterung, wie als rache 
dürstendes Weib zu fesseln wußte, die Innigkeit, Gefühl, 
Leidenschaft zeigte. Herr Hahn brachte uns den brama- 
basierenden Eisenfresser mit philosophischen Anwand 
lungen, den Holofernes, menschlich näher. Der Blinde 
des Herr Zschokke, der Semaha des Herrn Iür - 
gensen, die Mirza des Frl. Feldhofen seien als 
vortreffliche Leistungen aus der Schar der handelnden 
Personen hervorgehoben. 
H. Blumenthal. 
Der Kirchturm zu Niederzwehren. 
Wir geben auf S. 45 zwei Federzeichnungen des 
Kunsthistorikers E. Wenzel vom Äußeren und 
Innern des Kirchturms zu Niederzwehren wieder. 
Der 34 Meter hohe Turm war bekanntlich durch 
das Umbauprojekt der Kirche stark bedroht, bleibt 
aber nun dank dem Einspruch des Konservators 
erhalten. Er gehört zu den bedeutendsten kirchlichen 
Wehrbauten Hessens und entstammt der zweiten 
Hälfte des 15. Jahrhunderts. Seine oberen Ge 
schosse waren zur Verteidigung eingerichtet. Der 
erste Stock erhält sein Licht durch je einen nach 
Norden und Süden gerichteten Schießschlitz, das 
um den Turm laufende Hohlkehlbesims verhinderte 
das Hinausschieben der Sturmleitern. Der zweite 
Stock hat je einen Schießschlitz nach Osten und 
Westen, während der dritte Stock nach allen vier 
Seiten Pechnasen aufweist. In jeder dieser Pech 
nasen hatten drei Mann Platz, der eine zur Hand 
habung der Büchse, der andere, um den an die 
Mauer herankommenden Feind mit Steinen, sie 
dendem Pech usw. zu bewerfen. Die Fußscharten 
in den an den oberen Turmecken auskragenden 
Rondells, die die Nebentürmchen tragen, dienten 
gleichfalls Schieß- und Gießzwecken. Die den Kirch 
hof umgebende mit Schießscharten versehene starke 
Mauer ist dem gegenwärtigen Umbau zum Opfer 
gefallen. In den verschiedenen Stockwerken konnten 
36 Schützen gleichzeitig in Tätigkeit treten. 
Aus Heimat und fremde. 
Hessischer G e s ch i ch t s v e r e i n. In der Mo 
natsversammlung des Kasseler Vereins am 19 Ja 
nuar sprach Rechtsanwalt Or. Theodor Dellevie 
über „vr. Kellner und seine Flucht aus dem 
K a st e l l." Redner, dem neues Aktcnmaterial zur Ver 
fügung gestanden hatte, streifte zunächst die politische 
Entwicklung vr. Kellners, der, im August 1819 in 
Kassel als Sohn eines kurhessischen Beamten geboren, 
das I-^esum l^ickerioiLnum besuchte und sich nach aka 
demischem Studium die Würde eines Doktors der Philo 
sophie erwarb. Nachdem er in den 40 er Jahren in 
Volksversammlungen weniger hervorgetreten war, be-
	        

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