Full text: Hessenland (28.1914)

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worden. So muß denn die neue An 
sicht (Abbildung 2) auf den^ersten Blick 
ungemein bestechend wirken. Anders 
wird jedoch der Eindruck, wenn wir 
diesen Neubau im Detail betrachten. 
(Abbildung 3, S. 42.) Hier tritt sofort 
in die Erscheinung, wie ungemein un 
ruhig diese Fassade mit ihren Erkern 
und Giebeln wirken muß. Sie wird 
unwillkürlich den Blick des Beschauers 
von der Hauptsache, dem Renaissance 
bau des nur durch seinen geschnörkelten 
Giebel wirkenden Rathauses, ablenken 
und so dieses zur Nebensache herab 
drücken. 
Es gibt zwei Möglichkeiten, eine 
gediegene Platzwirkung zu erzielen. 
Entweder, man baut die alten Giebel, 
falls diese erhalten geblieben sind, 
wieder auf, oder man errichtet, ohne 
Rücksicht auf den Stil des Rathauses, 
einen gediegenen, soliden Neubau mit 
einfacher, ruhig wirkender Fassade. 
Die an Denkmälern der Vergangen 
heit so überreiche alte Lullusstadt Hers 
feld muß vor anderen Städten darauf 
bedacht sein, über der Schönheit ihrer 
alten Plätze zu wachen. Das jetzige 
Projekt aber, so überzeugend es nach 
der „neuen Ansicht" auch wirken mag, 
wird früher oder später die Kritik her 
ausfordern. Vielleicht gibt man, so 
lange es noch Zeit ist, an maßgeben 
der Stelle unserer Anregung Gehör 
und prüft sie aus ihre Berechtigung 
hin. Unserm Dafürhalten nach würde 
die Veranstaltung eines kleinen Wett 
bewerbes am leichtesten zur Herbei 
führung einer befriedigenden Lösung 
führen. — ch. 
Müllers. 
Skizze von Elfe Groß. 
(Schluß.) 
Das Weihnachtsfest fiel dieses Jahr recht mager 
für mich aus, denn die ganze Familie Müller war 
anwesend und stand im Nebenzimmer einer reichen 
Bescherung gegenüber. Die Kinderaugen strahlten 
den Kerzenschimmer tausendfach zurück. 
Ein bißchen gebestolz war mir zumute, und ich 
wartete schon auf den Moment, wo alle dankbar 
auf uns zustürzen würden, aber Mutter nahm 
mich fest bei der Hand, schloß leise hinter uns 
beiden die Tür und verschwand mit mir in der Küche. 
An unserer eigenen Bescherung merkte ich aber, 
daß das Christkind diesmal geteilt hatte. Die 
Eltern hatten überhaupt verzichtet, aber Mutter 
hat sich nie so reich beschenkt gefühlt. 
Mir hatte das Christkind statt des bildschönen 
Puppenkindes mit Wachskopf und hellblauen 
Klappaugen eine ganz schlichte mit Holzkopf ge 
bracht, und statt in der gewünschten Staatsrobe 
prangte mein Kind im roten Barchentkleidchen. 
„Die sieht ja aus wie Binchen Müller", sagte 
ich und war recht enttäuscht. 
Da nahm mich meine goldene Mutter auf den 
Schoß: 
„Liebling, ist es nicht schöner, es freuen sich 
sechs statt einer?" 
Und dann küßte sie mich und sprach : 
„Sieh, wenn wir nichts entbehren, dann haben 
wir gar nicht richtig geschenkt."
	        

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