Full text: Hessenland (28.1914)

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ihren Koffern nicht wußte, ob er es mit Komödianten 
oder mit wirklichen Grandseigneurs zu tun hatte, 
was zu komischen Verwechselungen führte, aber 
den Ärger mancher Zuschauer erweckte. Jérôme 
selbst lachte über den Schwank, schenkte dem Kom 
ponisten einen Wagen und erhöhte seine Bezüge 
um 2000 Fr., um ihm den Unterhalt von zwei 
Wagenpferden ' zu ermöglichen. Es waren zwei 
Schimmel, die sich Blangini damals anschaffte. 
„Einer davon konnte sich", wie er sagte, „eines 
illustren Ursprungs rühmen, aber er hatte dann 
ein Schicksal, wie manche andere Berühmtheiten. 
Einst war er das Leibpferd des Kurfürsten von 
Hessen gewesen, war dann in den Besitz des west 
fälischen Finanzministers gelangt, der es dem In 
tendanten des Kgl. Hauses überließ, von welchem 
ich es erhielt. In Paris wäre schließlich ein 
Droschkengaul daraus geworden, in Kassel wurde 
es von den Kosaken gestohlen." 
Kurz darauf wurde am Weihnachtsabend 1811 
der General Morio von dem Schmied Lesage 
im Marstall auf der Bellevue erschossen.") Sein 
Leichenbegängnis sollte auf Befehl des Königs mit 
besonderen Ehren gefeiert werden, und Blangini 
erhielt den Befehl ein feierliches Requiem dabei 
aufzuführen. Er nahm dazu das Requiem von 
Mozart, das damals zum ersten Male in Kassel 
aufgeführt wurde, und komponierte dazu in einer 
Nacht das fehlende Litera für vier Stimmen mit 
Orchester. Trotz der Eile der Komposition und 
der flüchtigen Einstudierung fand die Aufführung 
großen Beifall. „Der Tonkünstler, eingeweiht in 
alle Geheimnisse seiner Kunst, flößte in die Brust 
der Zuhörer wehmütige Gefühle des Schmerzes 
und tröstende der Hoffnung, die nach dem Tode 
bleibt. Man glaubte die Religion zu erblicken, die 
eine Hand auf dem kalten Marmor des Grabes 
stützend, die andere erhoben gegen die Pforte der 
Ewigkeit. Die Ausführung, vom Verfasser selbst 
geleitet, war vollkommen." So urteilte der Kritiker 
der Zeitschrift „Westphalen unter Hieronymus Na 
poleon" Blangini war nicht wenig stolz auf den 
Erfolg seines Werkes, von dem er selber sagt , „ich 
war bei der Komposition ohne Zweifel von Mozart 
inspiriert" ! 
Als einen Vorläufer der späteren Abonnements- 
konzerte des Kasseler Theaters kann man den Plan 
Blanginis betrachten, regelmäßige Konzerte der 
Kgl. Kapelle zum Benefiz ihrer Mitglieder zu ver 
anstalten. Für das erste dieser Konzerte kompo 
nierte er eine Kantate „Werther" für großes 
Orchester. Bei der Aufführung war der Saal über 
füllt und Blangini angesichts der 500 Zuhörer so 
aufgeregt, daß er am ganzen Leibe zitterte und 
sich beim Dirigieren setzen mußte. Den Inhalt des 
Werkes bildete der Schwanengesang Werthers eine 
halbe Stunde vor seinem Tode. Werthers Lotte, 
die damals in Hannover lebte, machte extra die 
Reise nach Kassel, um die Kantate zu hören. Leider 
erfuhr Blangini das erst später, so daß er um das 
Vergnügen kam, sie persönlich kennen zu lernen. 
Die geistliche Musik wurde damals in Kassel 
mehr gepflegt, als man eigentlich nach dem leicht 
lebigen Charakter des Hofes annehmen sollte. Das 
lag daran, daß Jérôme auch darin seinen großen 
Bruder zu kopieren suchte, der die Hofgottesdienste 
nach dem Muster der französischen Könige mit 
großem festlichen Prunke ausgestattet zu sehen 
wünschte. So übertrafen die Kirchenkonzerte 
der Hofkapelle alles, was man bisher in Kassel 
von dieser Art gehört hatte. Jérôme hörte jeden 
Sonntag eine große Messe mit Musik. War der 
König auf Napoleonshöhe, so wurden die Musiker 
in Hofwagen hin- und zurückbefördert, erhielten 
ein Mittagsessen aus der Hofküche und zuweilen 
noch dazu 50 Flaschen Bordeaux oder Champagner. 
Überhaupt war Jérôme in jeder Weise freigebig 
gegen seine Künstler, erhöhte auf Wunsch Blanginis 
ihre Bezüge und gab denen, die eine größere 
Familie hatten, besondere Unterstützungen. Blan 
gini setzte auch durch, daß ihre Uniformen aus der 
Hofkasse bezahlt wurden. 
Während der Anwesenheit der Mutter Jérômes, 
Madame LaetitiaBonaparte, kam es beim 
Hochamt zu einem Zwischenfall. Die Messe sollte 
pünktlich um 12 Uhr beginnen. Madame Laetitia 
erschien auch rechtzeitig, aber ohne den König. 
Der Bischof trat vor und begann mit dem feier 
lichen Hochamt, der Hofmann Blangini aber ließ 
den Taktstock ruhen, ohne seinen Musikern einZeichen 
zu geben. Die Priester wurden unruhig und wink 
ten dem Kapellmeister, der aber zuckte einfach mit 
den Achseln und wartete zehn Minuten, bis endlich 
der König eintrat und der musikalische Teil der 
Messe beginnen konnte. Jérôme war sehr ärger 
lich darüber, daß der Bischof nicht auf ihn ge 
wartet hatte. Blangini konnte beobachten, wie der 
König sich während der Messe sehr lebhaft mit 
dem Großkämmerer unterhielt, der plötzlich auf 
stand und quer durch die Kapelle auf die Musik 
empore zuschritt. In der Ahnung des Kommenden 
beschleunigte der Kapellmeister das Tempo nach 
Möglichkeit und war gerade fertig, als der Groß 
kämmerer ihm den Befehl überbrachte, sofort mit 
der Musik aufzuhören, die dem König höchlichst 
mißfalle. Als Jérôme nachher hörte, daß es eins 
der besten Werke Mozarts gewesen sei, das ihm 
so wenig zugesagt habe, schob er die Schuld auf 
Vgl. Hessenland 10, 293 u. 19, 329.
	        

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