Full text: Hessenland (28.1914)

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Sonetten 1914. 
L Es Ist erfüllt! 
Wir sind das Volk der Arbeit und der Denker 
Und wert, dah man uns ringsum Achtung zolle: 
Dem König wie dem Mann der Ackerscholle, 
Dem Kaufherrn wie dem ärmsten Rosselenker. 
Was geifert Euer Mund, der lügentolle?! 
Was scheltetIhr uns übermüt'ge Zänker?! 
Kam nie die Furcht Euch an, dah es Luch grolle, 
Dies Volk des Rechts, jetzt Euch das Volk der Henker? 
Es ist erfüllt! Wir stehen auf, zu rächen! 
Blank ist der Stahl, den wir ins Herz Euch rennen! 
Wir wollen Luch die Lügenhälse brechen; 
Der deutsche Gott, wie wir ihn kindlich nennen — 
Ihr mögt zum Spott Euch immer dreist erfrechen — 
Der wird zu uns auch heute sich bekennen! 
II. Sturm! 
Wie oft berauschten mich die Sturmsonetten, 
Die einst ein größerer vor mir gedichtet, 
Darin mit heil'gem Feuer uns berichtet, 
Wie wir entfesselt uns von Feindesketten! 
Und wieder liegt er himmelhoch geschichtet, 
Der Neider Haß ringsum, der unsre Stätten, 
Die unsre Ahnen schon gedrängt, zu retten, 
In gift'gen Wünschen längst zugrunde richtet. 
Nun loh'n die Flammen auf! — Die Welt wird dröhnen; 
Doch, wo der Schlachtengraus, das Schwerterklingen, 
Da gell' der Eiegesschrei von Deutschlands Söhnen! 
G, möge Kunde, möge Kunde dringen 
Bald her zu uns! Wir sehnen uns nach Tönen, 
Die laut vom Siege des Gerechten singen! 
HI. Groß ist die Zeit! 
Wir alle werden unversehens besser, 
Nun unser Volk in heil'ger Prüfung leidet; 
Der Brüder Not in unser Leben schneidet 
Wie in die eigne Kehle scharfe Messer. 
Die wir so mancher Großtat Unterlässer, 
Jetzt ist der Tag, da uns die Selbstsucht meidet, 
Und nur der Pflichten höchste streng entscheidet, 
Wird auch der Wangen Farbe blaß und blässer. 
Groß ist die Zeit! Und überreich an Segen; 
Nie göttlicher die Lebensgeister brannten; 
Wir wandeln wie auf erdenfremden Wegen: 
Denn wenn den Tod wir sonst mit Schrecken nannten, 
So jauchzen heute wir ihm laut entgegen! 
Dem großen Tod! Dem selig unbekannten! 
IV. Deutsche Frauen! 
Nun unsre Mannen kühn ihr Blut verspritzen. 
In unerhörtem Sturm zum Siege eilen. 
Da mögen Deutschlands Frau'n nicht müßig weilen 
Und klagend an verwaisten Herden sitzen. 
Nein! Kämpfen wollen sie und helfen, heilen. 
Durchzuckt von der Degeist'rung edlen Blitzen; 
Mag auch das Leiden tiefe Wunden ritzen: 
Sie ringen mit der Not, der bergessteilen. 
Die einst die Seherinnen der Germanen, 
Sie sind im Dunkel uns die Lichtgestalten, 
Die stolze Brust geschwellt von frohem Ahnen; 
Und mit der Wunderkrast, die sie mtfalten 
Im Seelenkampf mit Maßen von Titanen, 
Ersteht das schöne, starke Weib der Alten. 
V. Die inneren Feinde! 
Iu diesen Zeilen scheiden sich die Geister; 
Die einen sind die Mannen, Frauen, Knaben, 
Die sich ins Herz mit glüh'ndem Griffel graben: 
Dir geb' ich mich, mein Vaterland, mein Meister! 
Die andern, die am Mark des Volkes schaben, 
Die fressen wehmutsvoll sich immer feister; 
Ihr Lügenpuls schlägt heimlich dreist und dreister, 
Und schlau geraubt sind ihre kleinen Gaben. 
G, hehre Schar, die du mit Gut und Wunden 
Dich selbswergessend lebst die höchste Treue, 
Du bist wie wunderbares Gottbekunden! 
Zürn' du mir nicht, wenn ich dir Lieder weihe, 
Doch Pest und Tod und peinvoll-dunkle Stunden 
Herniederflehe auf die Heuchlerreihe! 
VI. Ums Heimatglück, ums tiefe, geht der 
Streit! 
Nicht ziemt dem Mann, gleich einem Kind zu weinen; 
Doch als ich einsam auf die Höh' gegangen 
Und am Gemäuer stand, das strauchverhangen, 
Da rannen Tränen nieder an den Steinen. 
Es lag das weite Tal im Mondenfcheinen; 
Mich nahm der schwermutvolle Glanz gefangen; 
Verborg'ne Wellen in der Tiefe sangen 
Das Lied vom Frieden und den Traum vom Einen. 
Der lieben Heimat seelenvolle Schöne, 
Wie Waldesruh, wie Dust von goldnen Ähren 
Durchdrang sie mich trotz dieser Stunden Schwüle; 
Da schrie's in mir, wie wenn ein Wunder stöhne: 
Fluch über alle, die dies Glück uns wehren I! — 
Und Grimm verhärtete die Wehgefühle.
	        

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