Full text: Hessenland (28.1914)

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Mals in weiteren Kreisen bekannt wurde, nicht 
unberechtigten Anstoß genommen, so frei auch in 
der Sturm- und Drangzeit die Anschauungen auf 
diesem Gebiete sein mochten. Vielleicht war auch 
nur Bürgers Saumseligkeit im Antworten schuld, 
über die fast alle seine Freunde klagten. Aber 
eins hat Nathusius in seiner Lebensbeschreibung 
wohl übersehen. Die genannten Beziehungen sind 
ganz am Ende von Bürgers Leben noch einmal 
aufgenommen worden: einer seiner letzten Briefe, 
schon aus seinem Todesjahre 1794, ist an Frau 
Engelhard gerichtet, und sein nachweislich letztes 
Glicht wanderte in ihre Hände. Auf dieses kurze 
Wiederaufleben des eingeschlafenen Briefwechsels 
sei hier einmal hingewiesen, zumal da der An 
laß dazu ein lebendiges Kulturbild jener Zeit dar 
stellt. Zunächst einige Worte über die Dichterin 
selbst, die heutzutage so gut wie vergessen ist; ihre 
harmlose Rokoko- und Schäferpoesie, die später im 
breiten Bette der Empfindsamkeit verläuft, ist uns 
natürlich ganz fremd geworden. Zu ihrer Zeit aber 
wurde sie gern gelesen, und kein geringerer als 
Chodowiecki hat ihre Gedichte mit seinen Kupfern 
geschmückt. 
Sie war die Tochter des aus Nürnberg stam 
menden Göttinger Professors Gatterer und ver 
mählte sich 1870 mit dem Kasseler Kriegssekretär 
und späteren Appellationsrat Engelhard, mit dem 
sie als musterhafte Gattin und Hausfrau in glück 
lichster^ kinderreicher Ehe lebte. Ein liebenswürdiger 
Zug an ihr war, daß sie ihren dichterischen Er 
zeugnissen gegenüber die größte Bescheidenheit 
wahrte. In ihren Jugendjahren dichtete sie über 
haupt nur ganz verstohlen und hütete verschämt 
das Geheimnis ihres Musendienstes selbst vor ihren 
nächsten Anverwandten; ein Zufall brachte es erst 
ans Licht. Als ihre glückliche Gabe aber einmal 
bekannt geworden war und sie sogar ihre Ab 
neigung gegen die Öffentlichkeit soweit überwunden 
hatte, daß sie ihre Dichtungen drucken ließ, war 
sie bald eine gefeierte Persönlichkeit und besonders 
auch in Kassel ein Gegenstand der Huldigungen 
und ein Mittelpunkt der Geselligkeit, in der sie 
mit ihrem von den Eltern ererbten süddeutschen 
Wesen und der von Göttingen mitgebrachten geisti 
gen Anregung nicht geringes Aufsehen erregte. 
Dazu kam noch, daß sie die schöne hessische Residenz, 
die sie in dem Widmungsgedicht an Landgraf 
Friedrich II. „Deutschlands Ehre durch Anmut, 
Seltenheit und Pracht" nennt, in kurzer Zeit lieb 
gewann und allen anderen Städten vorzog. Aus 
ihrem poetisch gestimmten Bekanntenkreis ging nun 
die Anregung hervor, die sie im Jahre 1794 wieder 
mit ihrem alten Freunde und dichterischen Berater 
Bürger zusammenführte. 
Neun junge Mädchen ihrer Bekanntschaft waren 
nämlich in einen Wettbewerb auf dem Gebiete der 
Dicht- oder vielmehr Reimkunst getreten. Diese 
neun Musen Kassels hatten sich die Aufgabe ge 
stellt, in dichterischer Form nach gegebenen End 
reimen an einen Herrn Rommel — wohl ein an 
genommener Name — einen Liebesantrag zu richten. 
Die Entscheidung dieses Wettkampfes übertrugen 
sie der hervorragendsten Dichterin ihrer Heimat, 
und diese wieder legte sie in die Hand Bürgers, 
dem sie die Erzeugnisse der jungen Damen zur 
Begutachtung übersandte. Dieser Musenkrieg hatte 
aber bereits eine Vorgeschichte: ein Sängerwettstreit 
ging ihm voraus, dessen kurz vorher erfolgte Ver 
öffentlichung in jenen reimlustigen Zeiten ihm 
eine gewisse Berühmtheit verschafft hatte; man 
brachte damals solchen Tändeleien, zumal wenn 
der Humor dabei Pate stand, außerordentliches 
Interesse entgegen. Drei geistvolle und literarisch 
angeregte Herren in Marburg, deren Geselligkeit 
durch manches Opfer auf dem Parnaß belebt wurde, 
hatten an einen gemeinsamen Freund, den Juristen 
Geheimrat Erxleben, einen poetischen Neujahrs 
glückwunsch nach vorgeschriebenen Reimen gesandt 
und ihn gebeten, einem der Gratulanten einen ver 
abredeten Siegespreis nach erfolgter Bestimmung 
des gelungensten Poems zuzuerkennen. Me drei 
Kämpfer in diesem Pegasusrennen waren ein Frei 
herr von Wülknitz, Regierungsrat Bunsen (aus 
der bekannten Arolser Familie) und Regierungsrat, 
späterer Oberforstmeister von Wildungen, ein her 
vorragender Weidmann und Schriftsteller, bekannt 
auch durch sein höchst merkwürdiges und eigen 
artiges Testament. Die Endreime, gewissermaßen 
die Zwangsjacke dieser Gedichte, waren: Büffel, 
küßt, Trüffel, Gerüst; scheitern, Qualm, Leitern, 
Salm; Asche, Bär, Tasche, her; Leber, Reiß, 
Heber, Eis; fluchen, Knall, Buchen, Stall; 
schnitzeln, Duft, kitzeln, Kluft. Wie groß das Ge 
schick der Genannten in diesen Verskünsteleien war, 
geht daraus hervor, daß zwei von ihnen, nämlich 
Bunsen und Wildungen, drei ganz verschiedene 
Gedichte gemacht haben, die alle vorgeschriebenen 
Bedingungen erfüllten. Dies kam folgendermaßen. 
Der Adressat der Gedichte, Herr von Erxleben, 
holte zunächst ein ästhetisch-poetisches Gutachten 
seines literarhistorischen Kollegen, Professor Engel 
schall, à,, der in einem launigen Schreiben voll 
angenommener Feierlichkeit und Würde sich für 
Bunsens Gedicht entschied, worauf der in Bricken 
bestehende Preis sofort in munterer Gesellschaft 
„zu allgemeinem Wohlbehagen" verzehrt wurde. 
Der Sieger Bunsen stimmte nun nach demselben 
Schema einen Jubelgesang an, während der eine 
der Unterlegenen, Wildungen, in denselben Reimen
	        

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