Full text: Hessenland (28.1914)

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konnt ist, die Hessen dabei und haben gemeinsam 
mit den Bayern die Entscheidung bei der Er 
stürmung der Festung herbeigeführt. Über diese ihre 
Ruhmestat wurde schon einmal vor Jahren von 
unserem Mitarbeiter G. Siegel eingehend im 
„Hessenland" berichtet, sie verdient aber auch jetzt, 
angesichts des jüngsten Erfolges unserer Waffen 
brüder, noch einmal in kurzen Zügen der Ver 
gessenheit entrissen zu werden. 
Es war nicht das erste Mal, daß die Hessen 
gegen die Türken zu Felde zogen. Schon 1685 
und 1686 hatten sie in Ungarn, 1687 auf Morea 
den Türken ihr „Schurri" in die Ohren geschrieen, 
und als 1716 der Türkenkrieg ausbrach, stellte 
Landgraf Karl dem Kaiser, um ihn in der Rhein- 
felser Frage günstig zu stimmen, durch Vertrag 
vom 15. März 1717 ein Regiment in Sold, und 
zwar das heute noch im Infanterie-Regiment Nr. 82 
fortbestehende Regiment „Prinz Maximilian". 
Diesem wurde, um es auf Kriegsfuß zu bringen, 
noch das Regiment des Obristen von Baumbach 
angegliedert, außerdem je 100 Mann aus den 
zehn übrigen hessischen Regimentern, so daß eine 
Gesamtstärke von 2500 Mann ausziehen konnte. 
Chef des Regimentes war der tapfere Sohn des 
Landgrafen Karl, Prinz Maximilian, während die 
eigentliche Führung Obrist von Wutginau über 
nahm. Oberstleutnant des Regiments war Georg 
Rudolf von Seyferititz, die Bataillone wurden ge 
führt von den Oberstwachtmeistern von Schenk, 
Prinz Christian zu Anhalt-Bernburg und von 
Kietzell. Nach eingehender Besichtigung durch den 
Landgrafen rückte das Regiment, dessen Tambours 
und Pfeifer durchweg aus Mohren bestanden, am 
24. Mai aus Hessen ab, wurden am 8. Juni in 
Donauwörth eingeschifft und landete am 16. Juni 
in Wien, wo es zwei Tage später vom Prinzen 
Maximilian dem Kaiser im Beisein des Hofes 
vorgestellt wurde. Von dem guten Eindruck, deu 
das Regiment hier machte, konnte alsbald der 
hessische Gesandte von der Malsburg an den Land 
grafen berichten. Am 10. Juli traf man int 
kaiserlichen Feldlager bei Semlin angesichts der 
Festung Belgrad ein. Über die nun folgende Be 
teiligung der Hessen an den Kämpfen sind wir durch 
die Arbeiten von Stamfords, von Ditfurths und 
Siegels gut unterrichtet. 
Schon am 13. Juli riß ein Sturm die von 
den Kaiserlichen über Donau und Sau geschlagenen 
Schiffsbrücken weg, und alsbald rückten über 2000 
Janitscharen vor, um die Belagerungswerke zu 
vernichten. Ihr Hauptangriff richtete sich gegen 
die bei der bisherigen Brücke befindliche Schanze, 
deren Besatzung 60 Mann, vorwiegend vom Regi 
ment „Prinz Maximilian", unter den hessischen 
Offizieren von Kanne und von Donop bilocten. 
Stundenlang gelang es der kleinen Schar, in löwen- 
mutigem Kampfe die Schanze gegen die Übermacht 
der mit Wutgeheul anstürmenden Türken zu halten, 
bis Prinz Eugen drei Grenadierkompagnien dem 
Feind in die Flanken schickte. Der vierte Teil 
der Besatzung war gefallen, und Prinz Eugen ge 
dachte der Standhaftigkeit und Bravour der Hessen 
in einem besonderen Bericht an den Kaiser mit 
den rühmendsten Worten. Unter beständigem Feuer 
des Feindes halfen dann die Hessen in der Nacht 
zum 19. Juli eine neue Schanze auswerfen, wobei 
Oberst Wutginau von einer türkischen Gewehrkugel 
getroffen wurde, die ihm von unten durch das Kinn 
und zum linken Ohr wieder heraus drang. Rühm 
lichen Anteil nahm dann das Regiment an dem 
am 16. August 1717 erfochtenen Sieg Eugens 
über das türkische Entsatzheer, das in einer Stärke 
von 20000 Mann aufgeboten worden war. Im 
fürchterlichsten Kampf war es endlich bis auf die 
Hauptstellung zurückgedrängt worden, deren Schlüs 
sel ein mit 20 000 Mann und 18 schweren Ge 
schützen besetztes Bollwerk bildete. Zur Sturm 
kolonne gehörten neben bayrischen Truppen auch 
ein hessisches Bataillon und zwei Grcnadicrkom- 
pagnien unter Wutginaus Führung, der, seine 
Wunde vergessend, das Lazarett verlassen hatte. 
Mit klingendem Spiel ging's vor, die Wälle wurden 
erstiegen, Bayern und Hessen wichen keinen Schritt 
und die erbeuteten und gegen den Feind gerichteten 
Geschütze entschieden das Schicksal der Türken. 
Sowohl der kaiserliche Feldmarschall von Secken 
dorfs als Oberst Colonie, der Befehlshaber der 
Bayern, haben später ausdrücklich erklärt, daß Wut 
ginau mit seinen Hessen, die übrigens drei türkische 
Fahnen eroberten, den Sieg entschieden hätten. 
Zwei Tage später mußte auch die Festung Belgrad 
ihre Tore öffnen. Das mit einziehende Regiment 
Prinz Maximilian, dessen Chef schwer am Sumpf- 
fieber erkrankt war, und das selbst ein Siebentel 
seines Bestandes bei der Belagerung verloren hatte, 
blieb noch bis zum Frühjahr 1718 als Besatzung 
in Belgrad liegen und verlor während dieser Zeit 
durch allerlei Krankheiten noch weitere 237 Mann. 
Dann zog es als kaiserliches Hilfskorps nach Si 
zilien, focht 1719 bei Francavilla, half Palermo 
und Messina wiedererobern und kehrte erst im Sep 
tember 1720 ruhmbedeckt in die hessische Heimat 
zurück. 
Noch heute erinnert das türkische Zimmer im 
zweiten Obergeschoß unseres Landesmuseums an 
den Kampf der Hessen vor Belgrad. Es enthält 
in der Hauptsache die damals gemachte Kriegs 
beute. Wir sehen da ein feldmäßig aufgestelltes,
	        

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