Full text: Hessenland (28.1914)

smab 340 
Beiträge zur hessischen Ortsnamenkunde. 
4. Ungedanken, Gedankenspiel. 
Von Dr. Wilhelm Schoos, Hersseld. 
Südlich vom Büraberg im Kreise Fritzlar liegt 
am Ausgang eines engen Tales ein etwa 300 
Bewohner umfassendes Dorf, das den seltsam 
klingenden Namen Ungedanken führt. Das 
Dorf liegt zwischen zwei Bergen eingeklammert 
auf sumpfigem Boden unweit der Edder gerade 
an der Stelle, wo diese aus der größeren Talbreite 
im Waldeckischen in eine enge Bergkluft zwischen 
dem Büraberg und dem Züschener Wald einfließt, 
um von da aus in die Wabernsche Ebene ein 
zumünden. 
Der Name Ungedanken kommt meines Wissens 
in Hessen nur noch einmal als Waldname für 
eine im Riedeselschen Forst bei Beenhausen gelegene 
Wüstung vor. Auch hierbei handelt es sich um 
einen hochgelegenen, teilweise sumpfigen Ort. 
Unter den bis jetzt vorhandenen Deutungs- 
Versuchen Kellners'), Arnolds a ) und Vilmars*) 
ist zwischen einer volkstümlichen oder dilettantischen 
Namenserklärung im Anschluß an eine Namens 
sage und zwischen einer wissenschaftlichen Namens, 
erklärung, die sich auf den Prinzipien der Sied 
lungsgeschichte und der Namenkunde aufbaut, zu 
unterscheiden. 
Die Namenssage, die nach üsfttebel * 4 * ) meist nichts 
anderes als ein kindlicher Versuch einer Er- 
klärung ist, „entspringt dem Bedürfnis des Volkes 
nach neuer Deutung solcher Namen, deren ursprüng 
liche Bedeutung dem Volksbewußtsein verloren 
gegangen ist, und ist nichts anderes als ein poetischer 
Versuch, den abgestorbenen Namen sinnvoll wieder 
zu beleben. Nur selten ist dabei die Dichtung 
rein aus dem Namen herausgesponnen, meist find 
geschichtliche Erinnerungen, die um die Örtlichkeit 
schwebten, als Einschlag benutzt. Oft gehören diese 
demselben Vorstellungskreise an, aus dem der Name 
hervorgegangen ist, oft aber sind sie einem ganz 
fremden Gedankengang entlehnt, aus den nur 
der lautliche Gleichklang führte."") So 
hätten sich die Freiherrn von Riebesel mit dem 
Landgrafen von Hefien in einer Detie um den 
Rotenburger Waldort gestritten und ihn gewonnen. 
’) Etymol. Spaziergänge durch Hessen. Ztschr. f. heff. 
Gesch. 12, S. 75 ff. 
*) Anfiedlungen und Wanderungen S. 643. 
*) Idiotikon von Kurheffen S. 423. 
4 ) Zeitschrift für deutsche Mundarten 1912, S. 371. 
') Regelt: Etymologische Sagen au» dem Riefen- 
gebirge. Sep.-Abdr. aus den German. AbhaNdl. XII, S. 134. 
Schließlich hätten sie aber die Jagd darauf ver 
gessen, die noch heutigen Tages dort herrschaftlich 
ist, und da sie das ihrer Vergeßlichkeit oder Ge 
dankenlosigkeit zuschrieben, nannten sie den Ort ,die 
Ungedanken‘. 6 ) 
Von den wissenschaftlichen Erklärungsversuchen 
schließt sich derjenige Vilmars in Ermangelung von 
etwas Besserem eng an die volkstümliche oder dilet 
tantische Namenserklärung an. Er hält das Wort 
für einen Pluralischen Dativ von dem alten 
ungedano — Geistesabwesenheit, Unsinn, Unbe 
sonnenheit, und glaubt, daß beide Ortsnamen aus 
Vorgängen unangenehmen Andenkens entstanden 
seien, das Dorf vielleicht infolge von Zerwürsniflen 
mit der Stadt Fritzlar, die zur Auswanderung 
führten, der Waldort infolge von Aufruhr oder 
dergleichen, weil neben den Ungedanken sich dort 
der lebendige Galgen befindet, an dem auf 
frischer Tat ertappte Verbrecher kurzerhand auf 
geknüpft worden seien. 
Kellner a. a. O. S. 76 hält das für eine Er 
klärung, die möglich sei. obwohl sich geschichtliche 
Anhaltspunkte für keine dieser Erklärungen finden. 
Dank den Fortschritten auf dem Gebiet einer 
methodischen Orts- und Flurnamenforschung kann 
jedoch ein solcher Erklärungsversuch vom heutigen 
Standpunkt der Wissenschaft aus nicht mehr auf 
recht erhalten werden, ebensowenig wie derjenige 
Arnolds, der Ungedanken wegen der versteckten 
Lage des Dorfes hinter dem Büraberge für einen 
Spitznamen hält. 
Besonders schwierig gestaltet sich die Deutung 
dieses Namens dadurch, daß die urkundlichen Belege 
(1291 Ungedanken) äußerst spärlich find (1321, 
1324, 1348) und sich ebenso wie die mundartliche 
Benennung des Ortes von der heutigen Schreibung 
nicht unterscheiden, daß also auf diesem sonst so 
aufschlußreichen Wege nicht zum Ziele zu gelangen 
ist. Den Schlüssel zu einer wisienschaftlichen Lö 
sung des Rätsels bietet Kellners mit der Ver 
mutung. daß der Name feinen Ursprung in natür 
lichen Verhältnissen des Bodens haben werde, weil 
der Name zugleich für einen Waldort und für 
ein Dorf vorliege, d. h. mit anderen Worten, daß 
der Boden, der später zu einer Siedelung urbar 
gemacht wurde, ursprünglich denselben kulturellen 
•) Kellner a. a. O. S.75. 
’) o. st. O. S. 76.
	        

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