Full text: Hessenland (28.1914)

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Weniger freundlich gestalteten sich ihre Be 
ziehungen zu der Prinzessin Mathilde, der einzigen 
„offiziellen" Tochter Jérômes. Pauline war durch 
ihren Vater, der sich damals aus finanziellen 
Gründen mit Mathilde überworfen, gegen diese 
eingenommen; die Prinzessin mochte das erfahren 
haben und bemühte sich nicht weiter darum, die 
Halbschwester für sich zu gewinnen. Trotzdem ge 
lang es, ein Zusammentreffen zwischen beiden im 
Sprechraum des Klosters zu vermitteln. Als Pau 
line indessen die Kaiserliche Hoheit vertraulich mit 
„ma chère sœur" anredete, war es mit der Ver 
söhnung vorbei; Mathilde erwiderte mit „Madame" 
und hat das Couvent des Oiseaux nie wieder be 
treten. 
Umso näher trat Pauline ihrem Halbbruder 
Napoleon. Der. Prinz begegnete ihr ohne jede 
Empfindlichkeit, besprach gern mit ihr politische 
Tagesfragen und verschmähte es durchaus nicht, 
falls er oder sie von Paris abwesend war, in an 
geregtester Weise Mit ihr zu korrespondieren. Wie 
hoch er sie schätzte, beweist ein Brief, den er ihr 
kurz nachdem er sie kennen gelernt, am 6. Mai 
1851 nach Lunéville schrieb. „Sie bei mir „emp 
fangen"! großer Gott, ich werde mich schön davor 
hüten, denn Sie gehören zu der kleinen Anzahl 
von Freunden, denen ich ganz mein Herz aus 
schütten kann", heißt es darin, „und da wollen Sie, 
daß ich Sie wie all die anderen behandele, die 
ich bei mir sehe, mit denen ich zu leben gezwungen 
bin und die nur die kalte, trockene Sprache des 
Eigennutzes, des Ehrgeizes kennen? Nein, Pau 
lines Herz steht mir näher, ich will mit Ihnen 
ganz unbefangen ein paar Augenblicke verplaudern, 
denn ich liebe Sie aufs zärtlichste, meine liebe 
gute Pauline. ..." 
In der Tat hat der „rote Prinz" diese Zu 
neigung nie verleugnet; sie hat ihn und sie, den 
radikalen Freigeist und die ultramontane Nonne, 
über alle Stürme der Politik, alle dogmatischen 
Meinungsverschiedenheiten immer wieder hinweg 
getragen. In Napoleons Armen ist sie denn auch 
am 27. November 1873 einem Gehirnschlage er 
legen. Am 28. wurde von der Mairie des siebenten 
Arrondissements ihr Totenschein ausgestellt: er 
besagte, daß Pauline von Schönfeld, ledigen Stan 
des, in Deutschland von unbekannten Eltern ge 
boren, im Kloster des Oiseaux in der Rue de 
Sövres 86 sechzig Jahre alt verstorben sei. Ihre 
Reste wurden in der Gruft des Klosters in Jssy 
beigesetzt. Anfang 1891 bei Regulierungsarbeiten 
mit den Körpern von achtzig anderen Schwestern 
freigelegt, sind sie mit diesen im März desselben 
Jahres endgültig in einem neuen Gewölbe beerdigt 
und seitdem nicht wieder gestört worden. 22 ) 
Soweit die Einzelheiten, die sich über die letzte 
deutsche Tochter des Westfalenkönigs dokumenta 
risch feststellen lassen. Es gäbe noch manches über 
sie und über ihre beiden Schwestern hinzuzufügen, 
wollte man der Phantasie die Zügel schießen lassen. 
Aber wozu? Das Geschick hat seltsam genug mit 
diesen drei Frauen gespielt, die im Leben wie im 
Tode getrennt, unter dem Pfeifen des Haffwindes, 
dem Rauschen der Weser, dem dumpfen Brausen 
des^fernen Seinebabels im letzten Schlummer liegen. 
Schön — wenigstens zwei davon —, geistvoll 
alle drei, als Napoleoniden von Gemüt in enge, 
konventionelle Verhältnisse hineingestellt, die ihrer 
heißen Natur innerlich fremd bleiben mußten und 
denen sie trotzdem voll genügt haben, brauchen 
sie wahrhaftig nicht von der Nachwelt mit buntem 
Phrasenflitter ausstaffiert zu werden — es sei 
denn, daß man sich „vom Vater mütterlicherseits" 
her dazu verpflichtet fühlte! 22 
22 ) ketit Journal vom 21. März 1891. 
9n Londons Straßen. 
Bum, Dum, Dum — 
Da geht die Werbetrommel um — 
Viel Stimmen krächzen heiser: 
Fluch, Tod dem deutschen Kaiser 
Und allen Deutschen. 
Da gähnt John Dull im Klub und streckt 
Die Glieder lang und faul gereckt: 
Der Laste auf dm Gassm 
Mag sich anwerben lassen. 
Wir sind zu gut zum Sterhm. 
RegknSburg. 
Wir fmdm aus dem Fnselhaus 
Dm Spitzbub' und dm Sträfling aus 
Und gelbe Kaffernhordm 
Zum Schlachtm und zum Mordm. 
Die mögm für uns streitm. 
GId England, weißt du, wie es steht? 
Und daß es dir ans Lebm geht? 
Die Mühlm Gottes mahlm l 
Bald heißt es: Selber zahlm 
Blutschuld dm Deutschen. 
All. Herbert.
	        

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