Full text: Hessenland (28.1914)

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wohnten Dienstgänge innerhalb der Dorfflur, son 
dern wohnt auch noch viermal dem Bußtag und 
zweimal dem Rügegericht in Neukirchen bei, er 
unterfertigt die 1807er Rechnung am 26. Februar 
1808 mit den Zeilen. „Diese Rechnung ist öffent 
lich der Gemeinde vorgelesen und dagegen nichts 
opponiert worden." Aber im Laufe des Jahres 
1808 kam der Grebenstuhl doch ins Wanken. Sein 
Inhaber wurde zwar noch einmal in gewohnter 
Höhe für Gemeindsschreibereien besoldet, er ging 
auch noch einmal mit in den Wald zur Zubindung 
der Hege, aber dem Rügegericht wohnte er nur 
noch einmal bei, und Bußtage gab es keine mehr 
zu besuchen. Und als die Jahresrechnung fertig 
gestellt war, hatte kein Grebe sie mehr zu ver 
lesen und zu unterschreiben. Nicht anders als 
dem Greben sehn wir es seinen zwei unzertrenn 
lichen Begleitern, den Vorstehern, ergehen. Im 
Jahre 1807 werden noch zwei neue Vorsteher ver 
pflichtet, die ihren Dienst im alten Umfange ver 
sehen, von denen daher auch einer wieder als 
verantwortlicher Redakteur der Rechnung zeichnet. 
Im folgenden Jahre werden sie zwar auch noch 
einige Male genannt, aber als Rechnungsführer 
tritt keiner von ihnen mehr auf. 
Und nun neben dem stürzenden Alten das auf 
kommende Neue! Daß schon im Jahre 1807 trotz 
Beibehaltung des hessischen Verwaltungsapparates 
eine neue Zeit für das Land angebrochen war, ist 
in der Rechnung des Jahres mit Händen zu 
greifen. Wie gering war doch bisher die jährliche. 
Einnahme gewesen? 100 Taler wurden selten ein 
mal überschritten, meist blieb sie weit dahinter 
zurück. Aber wie wurde das ganz anders mit der 
französischen Herrschaft! Das Jahr 1807 ließ die 
Jahreseinnahme sofort auf eine unerhörte Höhe 
schnellen. Sie betrug nicht weniger als 1755 Rtlr. 
1 Alb. 10 Hlr. und unter 100 Rtlr.- sank sie in 
der westfälischen Zeit überhaupt nicht wieder. An 
gesichts solcher 'glänzenden Einnahmen der kleinen 
Dorfgemeinde möchte man wohl alles zurücknehmen, 
was man bisher auf die Zeit der Fremdherrschaft 
übles geredet hat und möchte mit jenen beiden 
wackeren westfälischen Patrioten einen Hymnus an 
stimmen auf Westfalens König, auf Jöröme, „dessen 
schöpferischem Geiste und väterlicher Sorgfalt die 
Gesetzgebung dieses Reichs die Stufe von Voll 
kommenheit verdankt, auf der Europa sie gegen 
wärtig erblickt" Nun glaubt inan es zu verstehen, 
daß dieselben zwei deutsch schreibenden Männer 
diesem roi qui a’amusait versichern, durch süße 
Pflichten, Dankbarkeit und Liebe, an ihn gefesselt 
zu sein (Hassel und Murhard in der Widmung 
ihrer Zeitschrift „Westfalen unter Hieronmnus Na 
poleon." Braunschweig, Januar 1812. > Doch ge 
mach! Bei Licht betrachtet nimmt sich die Sache 
wesentlich anders aus. Denn wie waren jene 
1-755 Taler Einnahme des Jahres 1807 zustande 
gekommen? 1228 Taler hatte die Gemeinde von 
wohlhabenden Lrtseinwohnern gegen 5 Zinsen 
erborgen und 408 Taler hatte sie von ihren 
Mitgliedern auf dem Wege der Umlage erheben 
müssen. Außerdem standen den 1755 Talern Ein 
nahme 1780 Taler Ausgabe gegenüber. 068 Taler 
wurden der Gemeinde als landständisches Anlehen 
abgefordert, wofür sie Obligationen erhielt und 
5°/o Zinsen bekommen sollte. Wahrscheinlich dienten 
sie mit dazu, die 6 Millionen Franken Kriegssteuer 
zu bezahlen, die Napoleon dem Lande auslegte An 
660 Taler wurden in jenem Jahre von Kriegs 
fuhren verschlungen. 78 Taler gingen für mili 
tärische Verpflegungskosten drauf, 38 Taler für 
Kanonenkugeln. 
Zum Glück hielt diese bedenkliche Steigerung 
des Umsatzes der Gemeindekasse nicht an. Tie 
Rechnung von 1808 nähert sich wieder mehr den 
bescheideneren hessischen Verhältnissen, insofern sie 
mit 276 Rthlr. Einnahme und 316 Rthlr. Aus 
gabe abschließt. Dafür macht sich in ihr die neue 
Zeit aber durch das erstmalige Erscheinen des 
neuen westfälischen Verwaltungsapparates nach 
französischem Muster bemerkbar. Die Rechnung ist 
nicht mehr vom Vorsteher, sondern von: „Erheber" 
geführt. Die Vorrevision hat nicht mehr Grebe 
und versammelte Gemeinde, sondern der Munizipal 
rat gehalten. Aus dem Herrn Amtmann Fleisch 
hut von 1807 ist 1808 der Herr Friedensrichter 
Fleischhut geworden. Statt der ehemaligen Aus 
nahme findet nun die Konskription statt. Etwas 
Neues kündet sich auch an in den 4 Büchern zu 
Zivil-Akten, die zum Paraphieren nach Hersfeld 
gebracht werden, und im Gesetzbulletin, das die 
Gemeinde 1 Rtlr. 18 Alb. kostet. 
(Fortsetzung folgt.) 
Aus toller Zeit. 
Von Bruno Jacob -Kassel. 
(Fortsetzung.) 
Gröberes Geschütz schon fuhr „der Henkel" aus, 
und die oben schon gegebenen Hinweise, einmal 
analoge Zustände im modernen Lichte zu betrachten, 
verdeutlichen noch, bis zu welcher greulichere An 
archie man gelangt. Das hier nachfolgende „Offene 
Schreiben" ist ja im Prinzip nichts als eine
	        

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