Full text: Hessenland (28.1914)

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Roman der Diana von Pappenheim einiger höchst 
notwendigen Stützen und Berichtigungen, die der 
mangelnde historische Sinn, die allzu mächtig ar 
beitende Phantasie der Enkelin ihren Lesern leider 
völlig schuldig geblieben ist. 
Wie erinnerlich, stammte Jennys Mutter, Diana 
von Pappenheim, aus einer alten Familie des 
Oberelsaß. Sie wurde am 25. Januar 1788 in 
Ollweiler geboren. Ihr Vater, der Graf Gottfried 
Waldner von Freundstem, war ein Bruder der 
durch ihre Denkwürdigkeiten bekannten Baronin 
Oberkirch. Ihre älteste Schwester Isabelle sollte 
einer Familientradition zufolge Napoleons Adju 
tanten, den General Rapp heiraten, siedelte aber, 
als der Plan scheiterte, als Hoffräulein an den 
Hof der Herzogin Luise von Sachsen nach Weimar 
über und ließ sich auf dieser Reise von Diana 
begleiten. 6 7 8 9 ) Diese gefiel an der Ilm, trat in die 
Dienste der jungen Erbprinzessin Maria Paulowna 
und reichte am 6. September 1806 einem un 
bedeutenden Landedelmann, Wilhelm Rabe von 
Pappenheim, Herrn auf Stammen, Liebenau und 
Griemelsheim, die Hand. Pappenheim war weimar 
scher Major a. D. und nicht „Major der kur 
hessischen Leibgarde"; am 8. Oktober 1764 geboren, 
stand er damals im 42. Lebensjahr und war mit 
hin durchaus nicht der „alternde Mann", als der 
er zur Entlastung seiner Gemahlin hingestellt wird. 
Der Ehe entsprangen zunächst zwei Söhne: der 
eine, Gottfried, wurde zu Weimar am 6. Juli 1807 
geboren; der zweite, Alfred, kam am 2. September 
1808 zur Welt. Seine Wiege stand bereits in 
Kassel, wohin Pappenheims im Sommer desselben 
Jahres übergesiedelt zu sein scheinen. Weshalb 
ist unbekannt; wer die spätere Entwicklung der 
Dinge in Rechnung zieht, wird annehmen, daß 
sich Diana als Elsässerin zu dem französischen 
Westfalenhof hingezogen fühlte und von gesellschaft 
lichen und sonstigen Erfolgen träumte, die ihr in 
der stillen, sich gegenseitig scharf beobachtenden 
Weimarer Gesellschaft kaum in Aussicht standen, 
während ihr Gemahl Karriere zu machen hoffte. 
Jedenfalls tauchten die Pappenheims zum ersten 
Mal im Februar 1809 in der Chronik des Kasseler 
Hofes auf. Am 5. des genannten Monats berichtete 
nämlich Graf Reinhard, der französische Gesandte, 
daß Frau de Launay, die Tochter des Justiz 
ministers Siméon, auf einem in der letzten Woche 
stattgehabten Maskenball Herrn von Pappenheim 
„quelques plaisanteries" gesagt habe, die, miß 
günstig aufgebauscht, zu heftigen Szenen zwischen 
dem König und Siméon und schließlich zur Ent 
lassung der Oberhofmeisterin Gräfin Truchseß, von 
Waldburg-Eapustigall geführt hätten?) Worin diese 
„plaisanteries“ bestanden haben, ist aus Reinhards 
Bericht — der zuerst in „Les rois frères de 
Napoléon“ vom Baron A. du Casse und noch im 
Mai 1912 in der Revue des études napoléoniennes 
veröffentlicht worden ist — nicht ersichtlich; daß 
Frau de Launay Pappenheim „am 5. Februar" 
„mit seiner so viel jüngeren Frau geneckt" hätte, 
ist nicht gesagt; ganz aus der Luft gegriffen ist 
der Zusatz, daß Pappenheim gewissermaßen zum 
Trost „zum Grasen und zum ersten Hofmarschall 
ernannt" worden sei, „während Diana als Palast 
dame in den Hofstaat der Königin eintrat". Dafür 
notiert Reinhard am 3. Mai 1809, daß in Dörn 
bergs Papieren ein versiegeltes Paket mit Liebes 
briefen gelegen habe, unter denen sich auch Billetts 
von Frau von P. . . . befunden hätten?) Lily 
Braun geht über diese merkwürdige Angabe ein 
fach hinweg; ebensowenig kümmert sie sich um die 
im Bulletin vom 10. August 1809 enthaltene Ver 
sicherung, daß Graf Fürstenstein, Jérômes Günst 
ling und Minister des.Äußern, zur Zeit seiner 
Verheiratung mit der Gräfin Hardenberg Frau 
von Pappenheim den Laufpaß gegeben habe si ) 
— Andeutungen, die unbefangenen Köpfen doch 
zu denken geben und die von Lily Braun ent 
wickelten -Ansichten über Dianas von innen heraus 
großen, über jeden Zweifel erhabenen Charakter 
stark erschüttern. 
Trotzdem scheint es glaubhaft, daß die schöne 
Frau damals Jérôme noch nicht ihre Gunst ge 
schenkt hat; nicht weil sie sich dafür zu schade war, 
davon kann wohl nach den eben gestreiften Aben 
teuern keine Rede sein; wohl aber, um die Leiden 
schaft des an allzu leichte Siege gewöhnten Königs 
durch wohlberechnete Sprödigkeit noch mehr zu 
entfachen und ihn dadurch zur Erfüllung der Be 
dingungen zu drängen, von denen sie die Gewährung: 
ihrer Huld und nicht in letzter Linie das Schweigen 
ihres schwachen, ehrgeizigen Gemahls abhängig 
machte. Gestützt wird diese Anschauung durch Rein 
hards Bulletin vom 10. August 1809. Der Ge 
sandte berichtet darin, Fürstenstein habe, nachdem 
er sich von Frau von Pappenheim getrennt, seinem 
jungen Herrn von ihrer „Tugend" vorgeschwärmt, 
und Jérôme habe daraufhin sofort Feuer gefangen. 
„Seitdem wurde sie mit Auszeichnungen über 
schüttet. Es heißt, daß Verhandlungen angeknüpft 
worden seien. Als der König (Ende Juni) nach 
Sachsen abreiste, versprach er, in zehn Tagen heim 
zukehren. Nach seiner Rückkunft verlautete schou, 
7 ) Du Casse, Les Rois frères de Napoléon, Paris 
1883, S. 225. 
8 ) ibid. S. 269. 
9 ) ibid. S. 305. 
6 ) Deutsche Rundschau, Band 146, S. 38.
	        

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