Volltext: Hessenland (28.1914)

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geringwertigsten Stücke, Bilder ohne nennenswerte 
Bedeutung. 
Aber es sind nun durchaus nicht alle die an 
dern Bilder über Malmaison in die Ermitage gs-. 
kommen. Nach den zuverlässigsten Angaben, die 
hierin alle übereinstimmen, betrug die Zahl der 
Bilder, die der russische Kaiser von den Erben 
Josephinens erwarb, 38*); tatsächlich lassen sich 
auf Grund des großen amtlichen Katalogs der 
Ermitage 37 Nummern als aus Malmaison her 
stammend nachweisen: nur eine Nummer habe ich 
nicht auffinden können. Bon diesen 37 Bildern 
haben aber 16 der Kasseler Sammlung niemals 
angehört, wie sich aus unseren alten Inventaren 
mit Bestimmtheit nachweisen läßt. Es sind dies 
folgende in dem genannten Artikel aufgeführten 
Bilder: R. del Colle (eine Kopie nach Raphael), 
Luini, Tizian-Kopie, Tintoretto, Reni, Cagnacci, 
Cigoli, einer der beiden Carlo Dolci, einer der 
beiden Schidone, Lombard, Rubens, Ter Borch, 
ein van der Werff, ein Potter (der Wolfshund), 
ein Berchem, à van der Heyde. 
Die verbleibenden Bilder, 21 an der Zahl, ent 
stammen der Kasseler Galerie; hierunter eine Reihe 
vom allerhöchsten, künstlerischen Rang. Speziell 
die sogenannten vier Tageszeiten von Claude 
Lorrain (der jetzt in der Galerie ganz fehlt), der 
Meierhof von Potter, die Amsterdamer Ansicht 
van der Heydens, das Frühstück von Metsu, der 
Schützenaufzug und die Wachtstube von Teniers, 
die heilige Familie von A. del Sarto, endlich 
die „große Kreuzabnahme" Rembrandts würden 
dazu beitragen, den Ruhm der Kasseler Galerie 
als einer der qualitativ erlesensten Sammlungen 
der Welt noch heller strahlen zu lassen. 
Was ist nun aus den übrigen Bildern, die in 
den durch Lagrange aufgegriffenen Kisten verpackt 
gewesen waren, geworden? Hierauf kann ich eine 
nur unvollkommene Antwort geben. 
Es ist sicher, daß von den 45 Bildern dieser 
Reihe, die in Verlust geraten sind, 16 in der 
Ermitage sich befinden (die übrigen fünf kamen 
auf einem anderen Wege aus Kassel nach Mäl- 
maison); 17 Bilder lassen sich in den verschiedensten 
öffentlichen und privaten Sammlungen des Jn- 
und Auslandes nachweisen, in die sie oft aus 
dritter und vierter Hand auf dem Wege des Kunst- 
handels gelangt sind. So z. B. befinden sich nicht 
weniger als vier dieser „Lagrange-Bilder" im 
Privatbesitz des Königs von England, in der über 
aus gewählten Galerie in Buckingham-Palace; 
*) Als Kaufsumme gibt der amtliche große Katalog 
der Ermitage 940 000 Francs an. Ob in diesem Preis 
die 3 Statuen von Canova einbegriffen sind oder nicht, 
geht aus der dortigen Angabe nicht hervor. 
unter diesen dasjenige Werk, das außer den auf 
geführten Bildern der Ermitage für unsere Samm 
lung den schmerzlichsten Verlust bedeutet: „Christus 
erscheint der Magdalena als Gärtner" von Rem 
brandt, eines der tiefst empfundenen Werke des 
Meisters. Gegenüber diesem einen Bild wiegen 
die andern nicht allzu schwer; es sind zumeist 
Werke jener überzierlichen und geleckten Richtung 
der Malerei, die zwar bei fürstlichen Sammlern 
des 1B. Jahrhunderts sehr beliebt war, heute aber 
kaum dem gleichen Gefallen begegnen würde. Zu 
dieser Gruppe rechne ich auch zu einem gewissen 
Grade die Caritas von Leonardo da Vinci, die 
zwar seinerzeit sehr hoch eingeschätzt wurde, heute 
aber auf dem Kunstmarkt kaum einen besonderen 
Preis erzielen würde. Dieses bedeutende, aber 
nicht sehr erfreuliche Bild, das von allen Fach 
leuten als eine Arbeit des Leonardo-Nachahmers 
Giampetrino erkannt ist, befindet sich jetzt im Besitz 
des Fürsten zu Wied auf Schloß Neuwied, wohin 
es aus dem Besitz König Wilhelms von Holland 
durch Erbschaft gelangt ist. — Es verbleibt dem 
nach von den „Lagrange-Bildern" ein Rest von 
12 Nummern, über deren Verbleib es mir bisher 
nicht gelungen ist, irgend welche Nachrichten zu 
erlangen. 
Nun ist freilich die Verlustliste der Galerie damit 
noch bei weitem nicht erschöpft. In dem Vorwort 
zu dem großen Galerieinventar, das er 1816 an 
legte, hat Robert auch alles, was sonst währen 
der französischen Herrschaft abhanden gekommen 
ist, mit gewohnter Sorgfalt zusammengestellt. Hier 
beziffert er die Zahl der durch Jérôme entwendeten 
Bilder auf nicht weniger als 280 Nummern; unter 
der Regierung von Lagrange seien weitere 48 
Bilder abhanden gekommen und durch Denon ohne 
Empfangsbestätigung „mitgenommen und rein ge- 
stolen" noch 20. Aus der Zahl dieser Bilder 
lassen sich nun fünf in der Ermitage nachweisen*); 
einzelne andere sind hier und da im Kunsthandel 
aufgetaucht. 
Doch darf man, was auf diese Weise unserer 
Sammlung verloren gegangen ist, ebenfalls nicht 
überschätzen. Es kommt nach einer neueren An 
schauung, die sich immer stärker Bahn bricht, ja 
nicht in erster Linie auf die Zahl der Kunstwerke 
an, die eine öffentliche Sammlung vorführt, als 
auf deren Qualität; und da, darf man sagen, hat 
die Sammlung (mit Ausnahme der Malmaison- 
Bilder der Ermitage) eine verhältnismäßig geringe 
Einbuße erfahren. 
Ein Nachsuchen nach ehemaligen Kasseler Bildern 
*) Das ergibt mit obigen 16 die Zahl von 21 
Bildern, die sich bestimmt aus unserem Besitz dort vor-
	        

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