Full text: Hessenland (28.1914)

5266 «AE. 
Deinen verheißenen Brief, der Planeten-artig 
zu schleichen scheint, in seiner ersehnten Ankunft 
zu beschleunigen; ein Sylvesterblättchen, um Dir 
ein selig Weihnachtsfest in Dein Dichterherz 
und einen Gruß alter Liebe zum neuen Jahre 
hinüberzutragen; kurz ein Blättchen, nicht mehr. 
Ich lebe noch, Du Lieber! und bin, wie's 
die Leute nennen, gesund. Neues ist mir natür 
lich nichts begegnet, als daß ich täglich älter 
werde. — Getan habe ich viel. Gestern 
eine zähneknirschende Novelle. Außer 
dem intendiere ich für 1838 unter dem Titel 
„hessisches Album" oder „Taschenbuch" 
etc. eine Sammlung von kurhessischen Frühlings 
poesien herauszugeben, zu denen mir H. K ö n i g 
bereits einen Beitrag zugesagt. Bohne allhier 
hat den Verlag übernommen, allein mit wenig 
Borteilm für mich; ich betrachte das Alles nur 
als Vorstufen zu einem künftigen literarischen 
Lebm in Cassel. Ich bin durch Lokales hier 
sehr bekannt, gefürchtet, verhaßt geworden und 
hoffe in ein 3—4 Jahren als Redakteur einer 
hessischen Zeitschrift hier schon fest genug zu 
stehen, um für unsere Wiedervereinigung rechte 
Schritte thun zu können. Vor der Hand habe 
ich vom neuen Jahre alle Korrespdz. PP. auf 
gegeben und sammle ernstlich an Stoffen und 
Vorstudien zu einem größeren Buche „Casseler 
Bilder" im Sinne der neuen Bilder-Skizzen- 
und Silhouetten-Literatur gehalten. — — — 
Franz Dingelstedt." 
(Schluß folgt.) 
Konkordia, die Neichsglocke. 
Dim bam — bimbelambam — bim bam — 
Konkordia ist mein Nam' — 
Bimbelambam — bim — bam —I 
Von dem Turme hört' ich heul' 
Lautes brausendes Kriegsgeläut'. 
Doch nicht ängstlich, nicht drohend klang's, 
Wie ein Sieg durch die Herzen drang's. 
„Sag' mir, Glocke, schon jahrelang 
Haltest du einen verstimmten Klang; 
Schrill, zerrissm und unmutsvoll 
Er mir stets durch die Seele scholl. 
Nun da du kündest höchste Gefahr, 
Ist dein Klang so rein, so klar, 
Stolz wie ein ftohes Hallelujah. — 
Offne dein Herz mir, Konkordia!" 
Und wie ich horchte mit zagender Seele, 
Summte es tief in der Glockenhöhle: 
„Lange Jahre war ich voll Leid. 
In meinem Land tobte häßlicher Streit: 
Parteiengezänke und Ständehaß, — 
Der Schmerz mir an der Seele ftaß. 
Selbstsucht und Neid, religiöser Hader 
Vergifteten meines Reiches Ader, 
Und wenn ich mit Weh an das Ende gedacht, 
Dann sah ich nur drohende finstere Nacht. 
Schrill drum, zerrissen und halb verstummt 
Hab' meinen Ton ich so weiter gesummt, 
Denkend, daß in der Selbstsucht der Stände 
Mein Reich noch einmal den Untergang fände. — 
— Und plötzlich, Gott weiß, wie das geschah, 
Als uns von außen, das Unheil nah, 
Als Kriegsgefahr uns bedrohte und Tod, 
Da war verschwunden der Zwietracht Rot. 
Vergessen ist nun der Zank der Parteien 
Und auch der Zeitungen Streitereien, 
Dmm laut mein Klang in die Lande dröhne: 
Einig sind alle meine Söhne, 
Arbeiter, Studenten, Herren und Knechte, 
Ein jeder reicht dem andern die Rechte. 
Vergessen ist jede Sensation, 
Geeint steht sie da, die deutsche Ratton. 
Den Armen und Unglücklichen heißt man Bruder, 
Und jeder vertraut des Steuermanns Ruder, 
Und keiner schmält mit losem Mund, — 
Nie sah ich mein Volk so kerngesund. 
Wer sah schon je seit dm ältesten Zettm 
Ein solches Volk zum Kampfe fchrettm? 
Das macht mich stolz, das stärkt meinen Klang, 
Der eben voll Lust durch die Lande drang. 
Muß er auch Schweres künden hmt'. 
So hab' ich doch angefttmmt Siegesgeläut'. 
Und hat unser Schwert die Feinde zerfpellt. 
Dann öffnen sich weit die Tore der Welt, 
Und als mächtige Herrin mtt Gloria 
Zieht ein die stolze Germania." 
Von dem Turme hör? ich hmt' 
Lautes brausendes Kriegsgeläut'. 
Doch nicht ängstlich, nicht drohmd klang's. 
Wie ein Sieg durch die Herzm drang's. 
Dim bam — bimbelambam — bim bam — 
Konkordia ist mein Ram' — 
Bimbelambam — bim bam — bim bam - ! 
H. Weber-Storo.
	        

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