Full text: Hessenland (28.1914)

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,Hessen, ja alle Deutschen, welche die Herrlichkeit 
solcher Kunstwerke fühlen, werden gekränkt. . . ." 
Es handelt sich um den schmerzlichen Verlust 
jener 48 Gemälde, die Lagrange schon vor Denons 
Ankunft der Galerie weggenommen hatte und die 
über Mainz nach Paris gebracht waren. Es waren 
die eigentlichen Hauptstücke der Kasseler Galerie 
gewesen. Kaiser Napoleon hatte sie seiner Gemahlin 
Josephine geschenkt, die ihr Schloß Malmaison 
damit schmückte. Die nach Paris gesandte Kom 
mission gab sich nun gemeinsam mit Grimm alle 
erdenkliche Mühe, auch diese Bilder zurückzubekom 
men. Wie sich später herausstellte, hatte die Pariser 
Museumsleitung auch diesen Raub Denons für sich 
in Anspruch nehmen wollen, gab aber ihre Be 
mühungen wieder auf, als ihr Napoleon auf ihre 
Anzeige von der Weigerung der Kaiserin, die 
Bilder herauszugeben, erwiderte, sie wäre nicht 
Kaiserin, wenn sie anders handelte. Am 29. Mai 
1814 war Josephine zu Malmaison gestorben. Bei 
einer Durchsuchung des Schlosses fand man nur 
vier Bilder. Es gelang Robert, drei davon, eine 
anbetende Maria, angeblich von Guido Reni, und 
zwei angebliche Stücke von Nicolas Poussin zurück 
zu erhalten; ein viertes, eine Landschaft von 
Berchem, war anfangs auch vorhanden gewesen, bei 
der Ablieferung aber verschwunden; der Verbleib 
der sechs übrigen Bilder, von denen vier ein 
russischer General bereits früher weggenommen 
haben soll, ist bis auf den heutigen Tag ein Rätsel. 
Unter ihnen befand sich die auf Holz gemalte,. 
4 rheinische Fuß hohe und 3 Fuß vier Zoll 
breite „Caritas" Leonardo da Vinci's, die der 
Neapolitaner Tischbein den Diamanten der Kasseler 
Sammlung genannt hatte und die, nach einem von 
L. S. Ruhl übermittelten, aber nicht nachprüfbaren 
Gerücht seinerzeit in den Besitz des Königs der 
Niederlande übergegangen sein soll. Sie stellte eine 
entblößte Frau dar, die ein Kind im Arm hält, 
während zwei andere zur Seite mit Blumen spielen. 
Durch den in Paris wohnenden Handelsmann 
Toussaint aus Hanau hatte die Kommission schließ 
lich ermittelt, daß die übrigen Gemälde aus Mal 
maison an Kaiser Alexander von Rußland ver 
kauft seien. Gleichzeitig mit diesen Gemälden hatte 
der Kaiser von Eugen Beauharnais, dem Haupt 
erben Josephinens, drei Marmorwerke Canovas 
erstanden. Um diese Bilder hat sich nun in erster 
Linie Jacob Grimm, wie auch aus seinen Pariser 
Berichten an Carlshausen hervorgeht, unaufhörlich 
bemüht. Am 28. September hatte der russische 
Kaiser Paris verlassen. Da sich die alliierten 
Ministerien nicht über die zur Zurückerlangung 
notwendigen Maßnahmen einigen konnten, wandte 
sich Grimm kurz entschlossen an den Kaiser selbst, 
zumal auch der gewöhnliche diplomatische Weg 
durch den russischen Staatsminister Grafen Nessel 
rode und den Fürsten Wolkonsky, die überhaupt 
nicht reagierten, erfolglos geblieben war. In einem 
(französischen) Schreiben an Alexander vom 29. 
September 1815 schilderte er das bisherige Schick 
sal der Gemälde und betonte, daß die .Familie 
Beauharnais als Erbin Josephinens, trotzdem sie 
über die Herkunft der Bilder unterrichtet war, 
diese fortschaffen und das Gerücht von einem An 
kauf durch den russischen Kaiser verbreiten ließ. 
Diese unglaubliche Mitteilung sei noch nicht demen 
tiert worden, und Chevalier Soulange, der Ge 
schäftsträger der Familie Beauharnais, behaupte, 
statt diese Erklärung öffentlich zu widerlegen, nichts 
von den Gemälden zu wissen. Bei einem solchen 
Verkauf ihr nicht gehörender Gemälde könne die 
Familie Beauharnais nur auf die Unkenntnis des 
russischen Kaisers vom wahren Sachverhalt speku 
liert haben; er, der Kaiser, werde aber zweifellos 
einen derartigen Akt offenkundiger Ungerechtigkeit 
nicht dulden und dem ohnehin schwer bedrückten 
Lande den Genuß seines Besitzes nicht vorenthalten; 
durch solchen Edelmut werde er sich den Dank 
Hessens, ja ganz Deutschlands sichern, das an dem 
Schicksal dieser Gemälde lebhaften Anteil nehme. 
Auch weise er darauf hin, daß, wenn die ganze 
Sammlung im Louvre geblieben wäre, sie längst 
wieder in hessischem Besitz sei; der Zufall, der 
gerade diese Bilder nach Malmaison geführt habe, 
könne die rechtmäßigen Ansprüche Hessens nicht 
vermindern. So werde denn der Kaiser sicherlich 
Befehl erteilen, diese Bilder wieder herauszugeben, 
und der Kurfürst, durchdrungen' von dem Sieg 
seiner gerechten Sache, werde ihm lebhaften Dank 
wissen. 
Eine Antwort auf dieses Schreiben erfolgte nicht. 
Am nächsten Tage erfuhr Grimm durch Toussaint, 
daß die Bilder bereits eingepackt und auf dem 
Wege nach Rußland seien. Er beauftragte diesen, 
sich auch über den Kaufpreis und die Zahl der 
angekauften Gemälde zu unterrichten, und setzte 
auch Soulange noch einmal derb zu. Dieser er 
klärte kaltlächelnd, die Gemälde seien nach dem 
Einzug der Verbündeten in Paris durch Kauf 
vertrag an Rußland übergegangen, und bezog sich 
auf eine ihm vom preußischen Kommissar von 
Martens eingehändigte Liste, deren förmliche An 
erkennung Grimm nun wenigstens zu erhalten 
suchte. Inzwischen hatte er erfahren, daß der 
beim französischen Hof beglaubigte russische Minister 
Pozzo di Borgo im Gegensatz zu Nesselrode und 
Wolkonsky entschieden gegen den Ankauf der hessi 
schen Gemälde gewesen sei; Wolkonsky's mit der 
Königin Hortensia bekannte Gemahlin habe jedoch
	        

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