Full text: Hessenland (28.1914)

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Als bajtn später am Rathaus zu Bergen der 
Aufruf des Kurfürsten von Hessen: „Der Ab 
schied an mein Volk" angeschlagen war, haben wir 
Kinder Tränen der Rührung geweint, war es doch 
unser Landesfürst und Vater gewesen bis dahin, 
dessen Geburtstag in der Schule immer festlich 
begangen wurde. 
Nun hörte Kurhessen als solches auf zu sein, 
und damit kam auch für den Vater ein großer 
Wechsel. Die Renterei Bergen ging ein, das schöne 
Haus wurde vom Staat verkauft und „die Steuer- 
Kasse" nach Bockenheim verlegt, wohin der Vater 
im Jahre 1869 versetzt wurde. 
—— 
Sommer. 
Die Linde blüht; im weilen Feld die Ähren 
Umschwebt es ahnungsvoll wie Erntedust; 
Der roten Rosen seliges Verklären 
Haucht durch die müde, schwere Iuliluft. 
Und in mein Haus, umgrünt vom wilden Weine, 
Weh'n mir die Abendwinde einen Sang, 
Unendlich reich und klar wie eine reine 
Und schöne Seele ohne Hast und Drang. 
Unruhig Herz, drin noch der Frühling zittert, 
Und alles noch so in die Ferne drängt: 
Vielleicht wird dir, dieweil es rings gewittert, 
Daheim so balde schon dein Glück geschenkt. 
Gottfried Duchmann. 
Aus Heimat 
Hessischer Geschichtsverein. Der Mar - 
b u r g e r Zweigverein unternahm am 10 . Juni einen 
Nachmittagsausflug nach Gladenbach und der Ruine 
Blankenstein. Nach der Ankunft in G. wurde zu 
nächst das alle Pfarrhaus, ein ganz charakteristischer Fach 
werkbau des 17. Jahrhunderts, und die Kirche besich 
tigt, diese ist im Kern ein ganz schlichter Bau des 
13. Jahrhunderts, der in spätgotischer Zeit eine Er 
weiterung und im 18. Jahrhundert noch Umgestaltungen 
erfuhr; un Innern fanden auch einige jüngere Grab 
denkmäler Beachtung. In dem schöngelegenen Garten 
des Gasthauses „zum Blankenstein", wo man Kaffee - 
trank, begrüßte Pfarrer B a l z e r aus Eckelshausen, der 
Vorsitzende des Geschichtsvereins für den Kreis Bieden 
kopf, die Teilnehmer und sprach in eingehendem und 
mit lebhaftem Beifall aufgenommenem Bortrag über die 
Geschicke der Burg Blanken st ein im Laufe der 
Seiten. Der Name Blankenstein taucht erst auf unter 
jenen Burgen, die nach Gerstenbergs Landeschronik von 
der Landgräfin Sophie erobert und teilweise zerstört 
wurden; nach dem Wortlaute des Berichts ist anzuneh 
men, daß Blankenstein nicht wie Weißenstein und Hollende 
zerstört, sondern nur eingenommen wurde; damals ist 
von der Erbauung der „Neuburg" auf dem gegenüber 
liegenden Hügel die Rede, von der weiter nichts be 
kannt ist. Urkundlich steht fest, daß die von Rodheim 
und von Rotenstein, aus dem Besitz der Burg von 
Walther von Nordeck und Siegfried von Biedenfew ver 
trieben, aber von der Landgräfin wieder eingesetzt, 1261 
s22. März) den Blankenstein der Landgräfin und ihrem 
Sohne Landgraf Heinrich I. zu Lehen auftrugen. Unter 
dem Jahre 1293 nennt Gerstenberg unter den 18 „Raub 
schlössern und Mordkulen", die damals erobert wurden, 
Blankenstein an erster Stelle. Am 9. August 1322 ver 
pflichteten sich die Ritter Heinrich Kalp und Volpert 
von Hohenfels mit dem ihnen vom Landgrafen Otto 
verpfändeten Schloß Blankenstein in die Hilfe des Erz 
stifts Mainz. Me noch vorhandenen Ansprüche der 
Edlen von Merenberg, der ehemaligen Gerichtsherren 
der Grafschaft Rucheslo, gingen durch Vertrag vom 
28. September 1323 an den Landgrafen über, und 1352 
und fremde. 
kam das Schloß ganz in seinen Besitz, mußte aber schon 
im Februar 1361 an Weigand von Mchertshausen ver 
pfändet werden. Diese Pfandschaft hatte Mißhelligkeiten 
zur Folge, war aber bereits am 4. August 1363 eingelöst. 
Der Steinbruch beim Schloßhain wurde am 31. De 
zember 1328 dem Deutschorden in Marburg geschenkt. 
Am 16. Februar 1372 warnten die Landgrafen Heinrich 
Lund Hermann auch ihre Burgmannen Hu Blanken 
stein vor dem Anschluß an den Sternerbund, und 1374 
wurde die ganze Umgegend von den Nassauern ver 
wüstet. Am 8 . Januar 1487 bekundete Erzbischof Her 
mann von Köln, daß sein Bruder Landgraf Hein 
rich III. ihn zum Vormund seines Sohnes Wilhelm 
ernannt und in seinem Testament den Barfüßern zu 
Marburg die Gefälle und Zinsen von Blankenstein zu 
Seelgeräten verschrieben habe. 1489. stellte das Schloß 
zwei Mann für den Feldzug Maximilians nach Flandern. 
Blankenstein diente oft als Gefängnis und Zufluchts 
ort. Ludwig I. sperrte 1416 die gefangenen Nassauer 
hier ein, und Heinrich III. hielt den Erzbischof Ruprecht 
von Köln 1478—80 gefangen. 1519 fand Herzog Ulrich 
von Württemberg Unterkunft und Schutz. Die prächtige 
Lage und waldreiche Umgebung machten das Schloß zu 
einem beliebten Sommeraufenthalt der landgräflichen 
Familie. Hier wurde am 8 . September 1471 Land 
graf Wilhelm III. und 1473 seine Schwester Mechtild 
geboren, nachmals Gemahlin des Herzogs Johann II. 
von Jülich und Kleve. Um 1500 ist das Schloß Woh 
nung eines landgräflichen Rentmeisters. Als erster ist 
Heidenreich Kriegen bekannt um 1499, und der letzte, 
der dort wohnte, Philipp Heinrich Krebs, verließ 1770 
das Schloß und wohnte fortan in Gladenbach. Ein 
Bild des Schlosses vor dem 30 jährigen Kriege haben 
wir bei Merian, und eine kurze Beschreibung findet 
sich im Amtssalbuch 1586. Im Jahre 1591 wurde eine 
Scheuer abgebrochen und zum Bau des Bergamtshauses, 
des späteren Amtshauses, in Gladenbach verwendet. 1646 
nahmen die Niederhessen und Franzosen das Schloß ein. 
Dabei wurden die Ringmauern niedergerissen und andere 
Teile in Brand geschossen. 1647 Ueß Oberst Staufs 
von Marburg her das Schloß besetzen und beim Abzug
	        

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