Full text: Hessenland (28.1914)

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mannigfachsten Rücksichten und Bedenklichkeiten. 
Höhere, geistigere Blüten einer näheren Verbin 
dung unter Gebildeten erwarte man nicht; lite 
rarische Salons, Soiröes ohne Tanz und Spiel 
gehören zu den verbotenen, mindestens zu den 
unbekannten Früchten. Der Grund dieser Er 
scheinung liegt teils an einem sichtlichen Mangel 
an Interesse für derlei Gegenstände, an einer 
Abwesenheit von Intelligenz, die wahrhaft be 
fremdend ist, teils stammt sie auch wohl von oben 
herab, da die doppelte Hofhaltung in Kassel, die 
der Kurfürstin und des Prinzen-Mitregenten, sehr 
abgeschlossen und in sich selbst konzentriert fortlebt. 
Darum fehlt auch unter dem höchsten Adel ein 
allgemeiner Geist, eine Aufregung, ein Geschmack 
an geselligen Genüssen spiritueller Natur. Über die 
gewöhnlichen Topics der Konversation und die 
vielgebrauchten Hilfsmittel gesellschaftlicher Unter 
haltung bringen's die hiesigen Zirkel nicht. 
Daß dabei eine bedeutende Anzahl geschlossener 
Vereine besteht, in denen man lesen, plaudern, 
trinken, spielen, tanzen, mit einem Wort sich ex 
professo amüsieren will, ist ja wohl für eine 
norddeutsche Hauptstadt natürlich. Wir haben ein 
Militär-Kasino, einen Abendverein, einen Zivil 
klub, eine Euterpe usw. Zu einzelnen Zeiten des 
Jahres, wenn besondere Veranlassungen zum Ver 
gnügen vorliegen, z. B. zur Meßzeit treiben dann 
diese dürren Stämme ganz extraordinaire Blüten. 
Dann sagen die Kasselaner, wenn sie eine Nacht 
durchschwärmt' „Jetzt war's doch einmal wieder wie 
anno dreißig." 
Was unserem Volksleben, unserer Geselligkeit, 
unseren künstlerischen Bestrebungen abgeht, ist und 
bleibt — Regsamkeit, ein bestimmt ausgeprägter 
Charakter, ein innerer Schwung und eine äußere 
Haltung. Das ist das Resumö, womit ich diese 
Skizzen aus und über Hessen-Kassel beschließen 
muß. Sie sollen der Fremde ein Bild unserer 
guten Stadt vorhalten, und ein Bild, das weder 
Haß noch Vorliebe gezeichnet, in dem keine Ent 
stellung und keine Schmeichelei, kein wissentlicher 
Mißgriff des Zeichners vorliegt. Ihr hört da 
draußen in der Welt so selten etwas von uns, es 
sei denn eine politische Nachricht oder ein Referat 
über eine alte Oper oder ein Stückchen Landtags- 
Verhandlungen — nehmt denn diese Schattenrisse 
einer jungen Feder mit Wohlwollen auf und stellt 
sie als Beitrag in das große Panorama deutscher 
Residenzen. 
Soweit die „Bilder aus Hessen-Kassel", wie sie 
die Europa vom Oktober 1836 zum Abdruck brachte. 
Jugendlich - draufgängerisch, liebenswürdig - erbar 
mungslos wie sie sind, lassen sie ahnen, weshalb 
Dingelstedt sie dauernd unterdrückt und 1877 von 
der Gesamtausgabe seiner Werke ausgeschlossen 
hat. Der freiherrliche Burgtheaterdirektor wollte 
keine persönlichen Angriffe wiederholen, die 1836 
etwas sehr temperamentvoll ausgefallen waren, er 
wollte keine Urteile von neuem unterschreiben, 
denen sein Name, seine Stellung doppelten Nach 
druck verliehen hätte. Freilich werden diese rein 
persönlichen Gründe heutzutage umso weniger ge 
teilt werden, als Dingelstedts Aufsatz nicht die ein 
zige Quelle zur Kenntnis und Beurteilung Kassels 
zur Biedermeierzeit darstellt. Und so werden künf 
tige Herausgeber seiner Schriften hoffentlich skrupel 
loser verfahren als der Dichter und seinen trotz 
allen Schwächen köstlichen „Bildern aus Hessen- 
Kassel" in der Reihe seiner Jugendarbeiten den 
Platz sichern, der ihnen längst gebührt hätte. 
Bernhard Ulrichs. 
Ein Pionier der deutschen Landwirtschaft. 
Von Prof. vr. Albert Orth-Berlin. 
(Schluß.) 
Ulrichs hat durch seine Wirksamkeit, durch Bei 
spiel und Unterricht für manche Güter unseres 
Vaterlandes eine rationelle Wirtschaftsschule be 
gründet, die richtige Auffassungen über das Wesen 
des Landwirtschaftsbetriebes in den betreffenden 
Kreisen verbreitet und für die Praxis segensreich 
gewirkt hat, wenn auch im einzelnen vielleicht 
nicht immer unter anderen naturgesetzlichen und 
wirtschaftlichen Verhältnissen gegenüber dem Beber 
becker Vorbilde die nötigen Modifikationen ins 
Auge gefaßt sind. Ein wissenschaftlich geschärfter 
praktischer Blick wird indessen auch diese ohne 
weiteres erkennen müssen. Und wenn ein solcher 
Wirtschaftsbetrieb, in dem überall die nötige Ord 
nung herrscht, neben den wissenschaftlichen und 
praktischen Kenntnissen die Überzeugung befestigt 
hat, daß die bekannten Sätze: 
Des Herrn Tritt den Acker düngt, 
Des Herrn Aug' sein Vieh verjüngt 
zu den wichtigsten und persönlichen Aufgaben eines 
Wirtschaftsführers gehören, so ist damit für das 
Gewerbe außerordentlich viel gewonnen. Gegen 
über dem unleidlichen Volontärwesen mancher 
Wirtschaften, wodurch die jungen Landwirte für 
die Praxis verdorben werden, kann jeder nur 
dankbar sein, dem durch Wort und Beispiel die
	        

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