Full text: Hessenland (28.1914)

S««L, 187 
Hagen auf, sofort ein Memorandum aufzusetzen, 
das die Ungeschicklichkeit einer solchen Mission ins 
rechte Licht rücken sollte. Varnhagen wies infolge 
dessen in einem Schreiben an den Fürsten vom 
11 Juni 1829 darauf hin, daß der Kurfürst die 
Verwendung Radowitz' geradezu als eine Be 
leidigung auffassen würde und riet entschieden 
von der beabsichtigten Maßnahme ctf>. 43 ) Noch 
ehe sich Witzleben, Lottum, Ancillon und Witt 
genstein darüber schlüssig werdm konnten, ob seine 
Ausführungen zur Vorlage zu bringen seien, lief 
aus Kassel ein eigenhändiges Schreiben des Kur- ' 
*3) Das Schreiben Varnhagens geht hauptsächlich auf 
die persönlichen Ansichten Wilhelms II. über Radowitz 
ein und ist deshalb von außerordentlichem Interesse. 
„. . Während meines dreiwöchentlichen Aufenthalts in 
Cassel, da ich Se. K. H. den Kurfürsten fast täglich 
zu sehen und z. T. sehr vertraulich zu sprechen Gelegen 
heit gehabt", schreibt Varnhagen, „mußte ich mich bald 
überzeugen, daß das Mißtrauen, welches dieser Herr 
in neuester Zeit mit fast unbegreiflicher Übertreibung 
gegen alles Preußische bezeigte, ganz besonders durch 
die Vorstellung von dem angeblichen Einflüsse genährt 
worden, den derselbe den Ratschlägen des Hrn. von 
Radowitz sowohl bei der Frau Kurfürstin und dem Kur 
prinzen, als auch selbst am hiesigen Hofe beimessen will. 
Der Kurfürst behauptete mit bittersten Ausdrücken, Hr. 
von Radowitz habe in seinen früheren Verhältnissen einzig 
dahin gearbeitet, ihm das Herz seines Sohnes abzu 
wenden, den anfänglich noch heilbaren Familienzwiespalt 
durch seine verderblichen Aufreizungen zum unheilbaren 
gemacht, und fahre noch stets fort, den Kurprinzen in 
seiner Unnachgiebigkeit auf alle Weise zu bestärken, und 
selbst die Frau Kurfürstin durch arglistigen Rat mißzu- 
leiten. Dieser Mann, äußerte der Kürfürst, sei von Ehr-- 
geiz ganz verzehrt, und um nur diesen zu befriedigen, 
scheue er auch die strafbarsten Wege nicht. Undankbar 
habe derselbe das Vertrauen, welches ihn erhoben, nur 
mißbraucht, um Mißachtung und Feindschaft gegen den 
Kurfürsten aufzuregen, habe Schmähschriften gegen ihn 
verfaßt und ausgestreut, und endlich, nachdem er gerechter 
Ahndung hätte entgegensehen müssen, gleichsam die Flucht 
genommen, denn noch, jetzt habe derselbe keinen regel 
mäßigen, von dem Kurfürsten selbst vollzogenen Abschied 
aus den Hessischen Diensten, sondern nur einen unbe 
fugterweise von einer Unterbehörde ausgestellten, wegen 
fürsten an den König ein, in dem dieser gegen 
Radowitz so bitter Beschwerde führte, daß die be 
absichtigte Sendung des kronprinzlichen Vertrauten 
nach Bonn geradezu als eine tötliche Beleidigung 
des Kurfürsten erschienen wäre. Unter diesen Um 
ständen mußte der Kronprinz auf seinen Plan 
verzichten, und der König antwortete seinem 
Schwager entgegenkommend. 
Damit wurde das von Wittgenstein längst an 
gestrebte Fernhalten von der kurhessischen Frage 
zur Tatsache ihre Lösung sollte ohne Preußen 
erfolgen. 
dessen noch .jeden Augenblick diese zur Verantwortung 
könne gezogen werden. Se. K. H. verhehlten nicht, daß 
nach solchen Vorgängen Ihr ganzer Haß auf Herrn 
von Radowitz laste, und machten Ihrem Unwillen in 
vielen leidenschaftlichen Äußerungen Luft, zum Teil 
auch durch begierige Auffassung und Wiederholung der 
üblen Nachrede, welche sich in Cassel verbreitet hatte, 
daß Hr. von Radowitz diesen Namen garnicht mit Recht 
führe (. .), was sonst in der Denkart des Kurfürsten 
selbst, wo nicht Leidenschaft ihn blendet, keinen Vorwurf 
begründen würde. Der Kurfürst beklagte sich bitter, daß 
ein Mann, der so entschieden feindlich gegen ihn wirke, 
am Kgl. Hofe in der hessischen Familiensache so geneigtes 
Gehör zu finden schiene, und wohl gar manche Maß 
regel durch seine Angaben bestimmte. Zwar hatten 
Se. K. H. davon Kenntnis, daß demselben in letzter 
Zeit untersagt worden, in jene Angelegenheiten sich 
ferner einzumischen, allein Sie zweifelten, daß dieses 
darum aufgehört habe, ja Sie gaben zu verstehen, daß 
Sie Beweise hätten, wie Hr. von Radowitz trotz jenes 
Verbots fortfahre, seinen Einfluß in Bonn nach Kräften 
auszuüben, und den Kurprinzen zum Werkzeuge seiner 
Rachsucht zu gebrauchen. Von dieser Überzeugung war 
der Kurfürst nicht abzubringen, sondern hielt mich selbst, 
als ich die entgegengesetzte aussprach, näherer Verbindung 
mit Hrn. von Radowitz verdächtig, und war nicht wenig 
verwundert und erfreut, als ich mein Ehrenwort gab, daß 
ich jenen in meinem Leben nie gesprochen habe. Auch 
bei meiner Rückkehr von Bonn nach Cassel fand ich 
den Kurfürsten in aufgebrachter Heftigkeit gegen Herrn 
von Radowitz, und der festen Überzeugung hingegeben, 
daß die gemachten Anträge dort nur in Folge des un- 
ermüdet geschäftigen Eifers desselben so schnöde zurück 
gewiesen worden " Abschriftlich in Varnhagens Nachlaß. 
Die Rauheimer Salzkreuzer. 
Von August Woringer. 
(Schluß.) 
Der erste Teil dieser Feststellung war tatsäch 
licher Natur und konnte daher in der Revisions 
instanz mit Erfolg nicht angefochten werden. Da 
gegen stellte das Reichsgericht fest, daß der Re 
visionskläger, also die Hessische Regierung, sich 
darin im Recht befinde, daß sie die Verwertung 
eines vermeintlichen stillschweigenden An 
erkenntnisses der Vererblichkeit der Salzkreuzer 
rente durch die kurhessische Ständeversammlung 
als unzulässig bestreite. Wenn der Berufungs 
richter sage, daß die Ständeversammlung sich zwar 
nicht ausdrücklich über die Vererblichkeit der Salz 
kreuzer schlüssig gemacht habe, daß aber mit Rück 
sicht darauf, daß die Rente selbst nach dem Tode 
des größten Teils der Geschwister von Haynau in 
ihrem ganzen Umfange vorbehaltlos fortbewilligt 
sei, wohl anzunehmen sei, daß die Ständeversamm 
lung geglaubt habe, nicht mit Erfolg gegen die 
Vererblichkeit ankämpfen zu können, so spreche 
er damit keine Tatsache, sondern nur eine, in
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.