Full text: Hessenland (28.1914)

s«seL. 150 PE- 
Bernhard Ulrichs. 
Ein Pionier der deutschen Landwirtschaft. 
Von Prof. Dr. Albert Orth-Berlin. 
Die nachstehenden Zeilen sind gewidmet einem 
um die Entwicklung der deutschen und insbesondere 
der kurhessischen Landwirtschaft hochberdienten 
Manne, dem ich vor 50 Jahren als Oberlehrer 
an der ehemaligen landwirtschaftlichen Lehranstalt 
zu Beberbeck und als Sekretär des landwirtschaft 
lichen Vereins für den Kreis Hofgeismar fünf 
Jahre, von 1860—1865, zur Seite gestanden habe. 
Sein bedeutsames Wirken habe ich deshalb vielfach 
kennen zu lernen Gelegenheit gehabt. 
Bernhard Ulrichs wurde am 7, Februar 
1804 zu Königslutter im Herzogtum Braunschweig 
geboren, wo sein Vater Bürger, Juwelier und 
Bandfabrikant war und den sog. Ulrichschen Hof 
Nr. 2 besaß. Den Hof erbte der Sohn später von 
seiner Mutter, einer geb. Rixner. Der Hof grenzte 
an die Domäne zu Königslutter. Die auf der 
Domäne gewonnenen Eindrücke sind später wahr 
scheinlich mitbestimmend gewesen für den Ent 
schluß, Landwirt zu werden, obwohl die Eltern 
ihn zum Pastor bestimmt hatetn. Er besuchte die 
Schule zu Königslutter und verbrachte seine land 
wirtschaftliche Lehrzeit auf einem benachbarten 
größeren Landgute. Sodann kam er durch Ver 
mittlung seines Onkels Inspektor Rixner zu Rix- 
dorf bei Plön in Holstein als Verwalter auf die 
dortige Gräfl. Westphalsche Herrschaft. Er muß 
hier durch seine Tüchtigkeit bereits frühzeitig die 
Aufmerksamkeit auf sich gelenkt haben. Denn be 
reits in einem Alter von 21 Jahren wurde er 
berufen, die Administration von sieben Gütern der 
Gräfl. Westphalschen Besitzungen in den Kreisen 
Büren, Paderborn und Marburg in Westfalen mit 
dem Hauptsitz in Fürstenberg zu übernehmen, wor 
über er sich später mit einer gewissen Genug 
tuung ausgesprochen hat. 
Vom Jahre 1831—43 war Ulrichs Pächter des 
Gräfl. Westphalschen Gutes Eilern auf dem Sint- 
felde (Kreis Büren). Trotz der schwierigen Bewirt 
schaftung war es bei sparsamer sorgsamer Wirt 
schaft möglich, in den zwölf Jahren dieser Pacht 
dauer ein Kapital von 36 000 Mark, also im Jahr 
3000 Mark zu erübrigen. 
Der damals im benachbarten Fürstenberg wirt 
schaftende süddeutsche Landwirt Zöppritz suchte Ul 
richs zu veranlassen, eine praktische Lehrtätigkeit 
zur entsprechenden Ausbildung der Söhne gebil 
deter Stände in größerem Umfange aufzunehmen 
und eine entsprechende Lehranstalt zu begründen. 
Da dies aber ohne den Besitz einer wissenschaft- 
lich-theoretischen Ausbildung nicht möglich war, 
ging er auf den Rat seines Freundes Zöppritz in 
den Jahren 1843/44 — er hatte bereits sechs 
Kinder — als Studierender nach Hohenheim, wo 
damals Walz Direktor war. Er soll hier zur 
Ergänzung seines Wissens außerordentlich fleißig 
gewesen sein. Aus dieser Zeit stammt auch seine 
Freundschaft mit Wendel st adt, dem späteren 
Vorsitzenden des landwirtschaftlichen Zentralver 
eins für Kurhessen, der damals gleichzeitig in 
Hohenheim war, und mit dem er später als lang 
jähriges Vorstandsmitglied des landwirtschaftlichen 
Zentralvereins vielfach zusammen arbeiten konnte. 
1844 pachtete Ulrichs die kurfürstliche Domäne 
Beberbeck für die Zeit 1845—1857 zu einem Pacht 
preise von 3055 Talern (9165 Mark). Die Pacht 
periode wurde später auf weitere zwölf Jahre zu 
demselben Pachtpreise und 1869 wiederum auf zwölf 
Jahre zu dem Pachtpreise von 9600 Mark ver 
längert. Das bestellte Areal betrug 814 hessische 
Acker = 194,30 ha, Pachtpreis also rund 47 Mark 
pro ha, dazu kam später der Umbruch und die 
Kultur von 3 Schlägen Gestütshute mit zusammen 
162 Acker = 38,67 ha, ergibt zusammen 232,97 ha 
oder rund 233 ha. 
Wenn man bedenkt, daß das Gut bei den vorher 
gehenden Pächtern fast nur Mißerfolg gehabt hatte 
und daß es in hohem Grade verwahrlost und 
verunkrautet war, daß hier also durch Kultur 
und erhebliche Kosten erst alles geschaffen werden 
mußte, so wird man sagen müssen, daß der Pacht 
preis ein hoher war und daß ein gewisser Mut 
sowie ein gewisses Vertrauen zur -eigenen Kraft 
dazu gehörten, die Pachtung zu übernehmen. Es 
hat sich aber auch hier bewahrheitet „Dem Mutigen 
gehört die Welt." Für alle Fälle war aber ein 
solches Meliorationsgut für Lehrzwecke vorzüglich 
geeignet. Ulrichs hat mir indessen mehrfach mit 
geteilt, wie er sich doch in etwas getäuscht, indem 
er angenommen habe, daß das Gut die großen 
Aufwendungen mit mehr Erfolg lohnen werde, als 
es sich später herausgestellt habe. 
Bon Wichtigkeit war auch das große Kapital, 
das das Gut für eine rationelle Bodenkultur in 
Anspruch nahm und das Ulrichs selbst nicht in 
hinreichendem Maße (36000 Mark) besaß. Sein 
persönlicher Kredit war aber so groß, daß Freund 
Zöppritz ein größeres dafür erforderliches Kapital 
(54000 Mark) ohne weiteres borgte, so daß von 
Ulrichs innerhalb drei Jahren 90000 Mark in 
das Gut hineingesteckt wurden. Ulrichs hat mir 
später wohl erzählt, daß benachbarte Bauern zu
	        

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