Full text: Hessenland (28.1914)

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dorf (Kr. Wetzlar), wenn ein kleines Kind sehr 
viel schreit, der Mutter, gegen Abend an den Wald 
zu gehen und hineinzurufen: 
„Waldweib, 
mein Kind schreit. 
Deins soll schreie 
meins soll schweie (schweigen)" 80 * * * * 85 86 * ) 
Übrigens sind die Hexe und das Waldweib nicht 
die einzigen, die schon infolge ihrer Naturanlage 
den Bosheitszauber üben. Vielmehr ist in dieser 
Hinsicht auch die ganze weitverzweigte Sippe der 
Elben verdächtig. Denn wohl sind sie dem Men 
schen oft hilfreich, ja beschenken ihn mit Gut 
und Reichtum, aber in plötzlichem, unberechenbarem 
Sinneswechsel treffen sie ihn auch mit dem „Elben 
geschoß" d. h. schlagen ihn mit körperlichem Siech 
tum oder geistigem Wirrsinn. Daß sie, wenn ein 
mal die bösartige Seite ihrer Natur die Oberhand 
gewinnt, auch vor dem unschuldigen Kinde nicht 
Halt machen, erhellt aus der waldeckischen Über 
lieferung, derzufolge die Eltern, wenn ein kleines 
Kind kränkelt, Wolle und Brot in einen Wach 
olderbusch einer anderen Feldflur brmgen und 
dabei sprechen: 
„Ihr Hollen und Hollinnen, 
hier bring ich euch was zu spinnen 
und was zu essen, 
ihr sollt spinnen und essen 
und meines Kindes vergessen. 88 ) 
Aus demselben Grunde nennt man auch blöd 
sinnige, geistesschwache Menschen „Elbentrötsch" 8 ?) 
oder im Kasselänschen, der sog. „Fullebriggen- 
sproche", „Albschuß 88 ) d. h. doch wohl Menschen, 
die die Hand der Elben berührt hat, denen sie 
etwas angetan haben. 
5. 
Dadurch daß sich zu irgend einer Zeit seiner 
Entwickelung im Mutterschoß mit dem Leibe die 
Präexistente, aus dem Luft und Wasserreich kom 
mende Seele zum „Menschen" vereinigt, tritt die 
hoffende Mutter in die allerengste Berührung mit 
dem Seelenreich. Sie gerät, wenn anders ich 
es recht verstehe, damit in eine Art Zwischenstellung 
zwischen diesem und der Menschenwelt und muß 
erst behutsam für letztere zurückgewonnen werden. 
So betrachtet, erklärt sich ohne allen Zwang die 
Stellung des hessischen Volksglaubens auch zu 
der frisch entbundenen Frau. Sie steht danach 
zunächst unter dem Einfluß des Geisterreichs, der 
Hexen zumal. 88 ) Es gilt daher, sie während dieser 
“) ebenda VII, 120/22. 
8«) Curtze 373. 
87 ) Grimm, Deutsche Mythologie 259. 
88 ) Hess. Landes- u. Volksk. II, 127. 
8») Wuttke 575. 
Zeit ihres zwitterhaften Zustandes, der sogen. 
„Wochen", meist sechs an Zahl, diesem Einfluß 
tunlichst zu entziehen bzw. vor ihm zu schützen. 
Man läßt sie aus diesem Grund während der an 
gegebenen Zeit nicht gern allein zu Haus und 
steckt überdies, wie schon erwähnt, gleich nach der 
Niederkunft eine Bibel oder ein Gesang- bzw. 
Gebetbuch in ihr Bett. 88 ) Auch darf sie nach 
einem durch die Anordnung der Hebamme mehr 
und mehr außer Übung kommenden Brauch in 
Oberhessen während des Wochenbettes die Leib 
wäsche nicht wechseln. 8 *) Der Grund ist wohl die 
Scheu vor der wenngleich nur kurz andauernden 
Nacktheit, während welches Zustandes nach allge 
meinem Glauben der Mensch in besonderem Maße 
dem Einfluß der Geisterwelt unterliegt. 88 ) Auch 
nach Überwindung des bettlägerigen Zustandes darf 
die junge Mutter das Zimmer, mindestens aber 
das Haus und das Gehöft noch nicht verlassen 
(Oberhessen 88 ), sie soll es zumal nicht vor Son- 
nenauf- und nicht nach Sonnenuntergang, also 
nicht in der Zeit, wo die lichtscheuen Unter 
irdischen und die Seelengeister, die man Hexen 
nennt, im Menschenreich umgehen 84 ), und während 
sie im Zimmer weilt, soll sie nicht einmal zum 
Fenster hinaussehen dürfen. 88 ) Allgemein ist auch 
die Scheu der Wöchnerin vor der Dachtraufe. 88 ) 
In manchen Dörfern Oberhessens wird ihr, wenn 
sie es nicht vermeiden kann, unter einer Dach 
traufe herzugehen, empfohlen, einen Korb über 
den Kopf zu stürzen. 8 ?) In Schmalkalden hat 
angeblich das Hüten von Haus und Hof seine 
allgemeine Geltung eingebüßt. Dagegen fürchtet 
man auch hier noch die Dachtraufe, und muß 
außerdem die Wöchnerin bis zu sechs Wochen den 
Friedhof meiden bzw. bei Teilnahme an Leichen 
begängnissen vor diesem umkehren. 88 ) Dieses 
Friedhofsverbot weist meines Erachtens darauf 
hin, daß die Wöchnerin infolge ihrer Berührung 
mit dem Geisterreich nicht bloß für ihre Person 
dessen Einflußnahme unterliegt, sondern daß sie, 
in äußerster Konsequenz des Volksglaubens, 
diesen Einfluß auf andere Menschen fortzupflanzen 
vermag, kurz, daß sie selber während der „Wochen" 
die Fähigkeit zum Hexen hat und daher während 
80) wie 89. 
91 ) Hess. Landes- u. Volksk. II, 147. 
88) Wuttke 246; Hess. Blätter f. Volksk. X, 123; Hess. 
Landes- u. Volksk. II, 326. 
88) Hess. Landes- u. Volksk. II, 147. 
8*) Wuttke 576. 
85) Hess. Landes- u. Volksk. II, 607. 
86) Wuttke 576. Für Schmalkalden im besonderen 
s. Hess. Landes- u. Volksk. II, 471. 
97 ) Hess. Landes- u. Volksk. II, 147. 
88) ebenda II, 471.
	        

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