Full text: Hessenland (28.1914)

Reisen zu gehen, um bessere Gesangskräste für 
die Kasseler Oper zu engagieren. Bon dieser Reise 
kehrte er überhaupt nicht wieder zurück und ver 
zichtete auf seine längst unhaltbare Stellung. Der 
Kasseler Hos scheint das vorausgesehen zu haben 
und hatte schon vorher sich nach Ersatz umgetan. 
Bereits im Oktober 1808 knüpfte Jeromes Groß- 
kammerherr Graf Truchseß v. Waldburg Unter 
handlungen mit Ludwig van Beethoven 
an, um den größten Komponisten Deutschlands 
von Wien nach Kassel zu zieh». Beethoven zeigte 
sich nicht abgeneigt und gab am 7, Januar 1800 
seine Zusage, mit einem Gehalt von 000 Dukaten 
Jeromes Kapellmeister zu werden. Er hätte sich 
wohl noch weniger wie Reichardt für diese Aufgabe 
geeignet, und es war fein Glück, daß seine vor 
nehmen und reichen Wiener Freunde durch Zu 
sicherung eines gleichhohen Jahresgehaltes ihn um- 
stinlinten und in der Kaiserstadt zurückhielten. 
Reichardt, der wohl auch die erste Anregung zu 
Beethovens Berufung gegeben hat 2 ), suchte nun 
dessen Schüler Ferdinand Ries als seinen 
Rachfolger nach Kassel zu bringen. Ries war auch 
einverstanden - Beethoven hat sich mit ihm 
beinahe deshalb überworfen - aber die Verhand 
lungen zerschlugen sich. Ter westfälische Hof 
mochte wohl zu der Überzeugung gelangt sein, 
daß ein deutscher Musiker sich überhaupt nicht für 
das Amt eigne So blieb die Stelle eine ganze 
Zeit lang unbesetzt, bis Jérôme selbst auf einer 
Reise nach P'aris a.m Hofe seiner Schwester Pauline 
den Italiener B l a n g i n i fand, der sich zwar in 
künstlerischen Eigenschaften weder mit Reichhardt 
geschweige denn mit Beethoven messen konnte, 
aber dafür um so besser an den leichtlebigen ober 
slächlichen Hos des Westfalenkönigs paßte, dessen 
Generalmusikdirektor er vier Jahre lang bis zum 
Ende des Königreichs sein sollte. 
Blanginis Lebensbild ist dem deutschen Publikum 
bisher eigentlich nur in starker Verzerrung durch 
Ed. Maria OettingerS historischen Roman „König 
Jérôme Napoleon und sein Capri" (Dresden 18521 
überliefert. Die nachfolgende Darstellung beruht 
im wesentlichen auf seinen eigenen Erinnerungen, 
die 1834 zu Paris erschienen und meines Wissens 
für die Geschichte des Königreichs Westfalen noch 
nicht benutzt worden sind. 
Giuseppe Marco Maria F e l i c e B l a n g i n i 
lourde am 18. November 1781 als Sohn lvohl 
habender Eltern zu Turin geboren. Schon in 
frühester Jugend zeigte sich seine musikalische Be 
2 ) Beethoven hat dies allerdings aufs entschiedenste 
bestritten und behauptet, das; R. ihm abgeraten habe, 
nach Kassel zu gehen, was aber noch kein Widerspruch zu 
sein braucht. 
gabung, die um so auffalleuder war, als fein Vater 
die Musik nicht liebte und aus dein Hause lief, 
wenn dort musiziert wurde. Mit 0 Jahren lourde 
er Schüler des Abbate Bernardo Ottani, des 
Kapellmeisters der Domkirche zu Turin, und mit 
12 Jahren fing er schon an zu komponieren. Sein 
Lieblingsinstrument war das Violoncello, dabei galt 
er als ein vortrefflicher Sänger. Als der Siegeszug 
der französischen Revolutionsarmee unter Bonaparte 
das Haus Savoyen aus Piemont vertrieb, verlor 
die Fainilie Blanginis ihre Hauptprotektorin, die 
Prinzessin Felicita von Savoyen, die bisher sich 
des jungen Musikus angenommen hatte, und be 
schloß in das Land der Zukunft nach Frankreich 
auszuwandern. Als Jüngling von 18 Jahren 
kam Blangini nach Paris und erwarb sich dort 
bald einen Ruf als beliebter Musik- und Gesang 
lehrer. Im Jahre 1803 lernte ihn Reichardt, 
der sich damals in Paris aushielt, kennen, mld 
schreibt darüber in seinen „Vertrauten Briefen" 
„In gesellschaftlichen Zirkeln hör ich hier zuweilen 
Italiener und unter ihnen besonders einen jungen, 
angenehmen Komponisten, Blangini und dessen 
Schwester, sehr gefällig und unterhaltend in italie 
nischer Manier singen. Sie haben aber beide nicht 
Stimme genug, um in größeren öffentlichen Kon 
zerten oder gar aus der Bühne zu singen und zu 
glänzen. Er soll ein guter Singemeister sein und 
soll auch für das théâtre De^ckeau angenehme 
Sachen komponiert haben." Daß der junge Mann 
einmal sein Nachfolger in der Kasseler Kapell 
meisterschaft werden sollte, konnte Reichardt damals 
noch nicht ahnen. 
Seinen Ruf als Opernkomponist begründete 
Blangini durch die Vollendung der Oper La 
fausse Duègne von Della Maria, der kurz vorher 
auf elende Weise umgekommen war. Danach kom 
ponierte er Chimère et Réalité und Nephtali 
ou les Ammonites sowie zahlreiche Romanzen und 
Duette, von denen namentlich die letzteren, die er 
Notturni nannte, durch ihre leichte und gefällige 
Melodie Beifall fanden. 
Durch seine ältere Schwester, die als gute Vio 
linspielerin im Dienste der Kurfürstin von Bayern 
stand 3 ), kam er 1805 in Verbindung mit dem 
Münchener Hof und wurde Kapellmeister des Kur 
fürsten und späteren Königs Max Joseph. 
Fast mehr noch als über diese schmeichelhafte Er 
nennung freute sich der eitle Italiener über das 
damit verbunden Recht, eine grüne Uniform mit 
karmoisinroten Aufschlägen und goldenen Schnüren 
sowie Dreimaster und Degen tragen zu dürfen. 
3 ) Sie heiratete später einen bayrischen Ministerial- 
sekretär Bernard.
	        

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