Full text: Hessenland (28.1914)

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die Linden und die Eschen, die Ulmen und Eichen, 
die, am Weges rand stehend, als Landmarken den 
Feldrain begrenzen müßten; zumal die Pyramiden 
pappel wird ein ständig seltenerer Gast in der 
heimischen Flur. Kahler werden die Flußläufe 
und reizloser, und nur die tiefgründige Gottes 
furcht, tiefwurzelnd wie die Eichen unseres Landes, 
hat bisher die Axt ferngehalten von den uralten 
Linden und Ulmen, die die Bildwerke der aus 
drucksvollen poesieüberstrahlten Christgläubigkeit 
unseres Volkes, die Heiligenhäuschen und Kreuze 
am Wege mit knorrigem Astwerk schirmend um 
kränzen. — Ein Flüßchen kreuzt den Weg. Ein 
nüchternes Stahlgerippe, spindeldürr und grau 
gestrichen überspannt ihn. Ein reizvolles Brücken 
häuschen stand hier einst; mit spitzem, schiefer 
gedeckten Giebel. Dicht über dem Torbogen war 
eine Nische eingebaut in das massive Gemäuer, 
und hinter einem rostzerfressenen Gitter schaute 
die heiligenscheingekrönte Statuette des Stadtpa 
trons hernieder. — So einst! — Einen der 
biederen Stadtväter des Kleinstädtchens führt eine 
Reise da irgendwo in eine Gegend, in der Kohle 
und Eisen ihr rußiges Zepter schwingen. Er 
schaut und staunt, und erfüllt von wilden, konfusen 
Reformideen kehrt er zurück in sein Heimatstädt 
chen, über die alte Brücke, durch das seltsam spuk 
hafte Brückentor, durch die altertümliche Straße zu 
seinem Heim, am lindenblütenduftenden Markt, 
hochgiebelig, mit kleinen Fenstern und altertüm 
lichem Hausrat. Seine Erleuchtung verlangt Spiel 
raum, sein einfältiger Ehrgeiz Betätigung. Und 
das alte Patrizierhaus am Markt fällt. Aber 
damit hat es nicht sein Bewenden. Die Funken 
seiner Erleuchtung fliegen hinüber über den Markt, 
über die Gassen und zünden. Ganz plötzlich 
dämmert den Bürgern die Erkenntnis, daß ihnen 
die Welt bisher nnt dicken Brettern vernagelt ge 
wesen, daß der Kuhlenkamp am Markt doch ein 
ganz tüchtiger Kerl sei, und im Übrigen: „Was 
der kann, können wir längst!" Dort links am 
Markt, etwas zurückgebaut, mit vorgelagerter Frei 
treppe steht das ehrwürdige Rathaus. ' Hinter 
seinen kreuzweis vergitterten, bleigefaßten bunten 
Scheiben, in seinen düsteren Bogengängen und 
hellen Giebelstübchen, in die seit grauen Zeiten 
schon die Abendsonne stets ihren letzten Scheide- 
gruß winkt, wenn alle Giebel des Städtchens schon 
utt Schatten daliegen, dort wohnt die Sage, die 
Geschichte des Städtchens und seiner Geschlechter. 
Auch hierher dringt die Erleuchtung, beginnt es 
zu tagen. Wie ein Schreckgespenst geht der Vor 
wurf „Rückständigkeit, Verkehrshindernisse" im 
Städtchen um. Wer die schrecklichen Worte prägte, 
niemand weiß es. Sie siyd eben da und das 
genügt. Eine Auslese der hochgelahrten Stadt 
väter tritt zusammen, und im Städtchen hebt ein 
rohes Rumoren an. Die Stadttore fallen und 
ie Türme, die Brücke und das Brückenhäuschen, 
und die Giebel des Städtchens brechen nieder, 
und es geht eine große Umwandlung vor. Der 
neue Geist, der Götze „Moderne", hält seinen 
Einzug, und die Bürger sind stolz auf ihreit 
Fortschritt; denn ihr Städtchen wird jetzt modern, 
d. h. aller Eigenart bar. Und tagelang steht eine 
weiße Wolke über der Stadt, der Kalk- und Mörtel 
stattb von niedergebrochenem Mauerwerk, wie ein 
wehmutsschwerer Abschiedsgruß der Tradition. 
Und die Jugend schaut zu, lachend und lärmend; 
denn sie weiß nicht, was sie verliert. Die Jahre 
gehen dahin und die Jugend reift heran. Und 
dann kommt die Zeit, wo alle die, die dantals in 
KiMhöschen und kurzen Röckchen zuschauten mit 
lachendem Mund, der wiederum Heranwachsenden 
Jugend die Geschichtchen und Sagen aus der 
guten alten Zeit erzählen. „Damals als der 
Hahnenturm noch war und die Judenmauer, da 
mals, als das alte Brückentor noch stand, und die 
Bogen am Henkertor, damals, damals, als wir 
noch, kleine Burschen und Mägdlein, unter dem 
ToiLogen saßen und den gar so seltsamen Er 
zählungen des alten Schäfers vom Burgtor lausch 
ten,. unter dem Torbogen, wo die kleinen Stimm- 
chen so hohl, so gespensterhaft hohl klangen!" 
Und da wird den Alten offenbar, daß sie etwas 
verlören haben, was unersetzlich ist; und die 
Jungen stehen herum und lauschen, und mit dem 
heißen, ungestümen Herzensdrang der Jugend 
sehnen sie die Zeit zurück, wo ihr Heimatsort 
noch das alte gemütliche Städtchen, das Städtchen 
der Kinderzeit ihrer Eltern war. Diese Jugend, 
von der hier die Rede ist, das sind wir, und mit 
uns ist die Sehnsucht groß geworden, das Ver 
langen nach unserer alten deutschen Heimat. — 
„Was wir von unsern Vätern ererbt, wir wollen 
es in Ehren halten; aber nicht nur das, auch 
mehren wollen wir diese Schätze, und wieder auf 
bauen, was Einfalt und Kurzsichtigkeit zerstörte." 
Wir sehen nun die dünne Stahlbrücke vor uns 
unir zu Seiten einen alten Stadtturm, der sich 
behauptet hat, weil er zum Besitztum eines kon 
servativ gesinnten Bürgers gehört. Er ist nun 
mehr zum Ehrenposten eines Wahrzeichens der 
Stabt emporgeklommen, und das quadergefügte, 
wuchtige Mauerwerk bildet einen lächerlichen Gegen 
satz ^um Eisengerippe der Brücke. Dann sind wir 
im Städtchen. Du gute, alte deutsche Stadt! Was 
hat beschränkter Bürgergeist aus dir gemacht! Noch 
stehen einige Giebelhäuser, mit reich geschnitztem 
GebAlk oder massigen Hausteinen. Die sinnig- 
frommen Sprüchlein, tief eingekerbt in die breiten 
Bohlen über dem Toreingang, der sich immer 
wieder erneuernde Segenswunsch des Hauses, den 
das flügge werdenden junge Volk als unvergäng 
liches Erbgut mit auf den Lebensweg nahm; — 
sie sind nur mühevoll noch zu entziffern. Mit 
der, alten Zeit ging die alte Sitte. Warum soll 
matt sie auch noch pflegen? Darüber ist man er 
haben. Fast will es auch scheinen, als fühlten sich 
die alten Gesellen nicht mehr recht heimisch zwischen 
ihrer hochmodernen Nachbarschaft. Diese steht da, 
viereckig und nichtssagend, die architektonische Ver 
körperung von Emporkömmlingen schlimmster Art. 
Vierkantige Baukästen mit aufgesetztem Dach, ab-
	        

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