Full text: Hessenland (28.1914)

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sie die Besetzung der Pressen und die Verhaftung 
Oetkers geschildert, schreibt sie (1850, Nr. 232)! 
„Die jungen Herrchen (sc. die Offiziere) 
waren nun einmal im Zuge. Hr. Oetker sollte 
die Brücke von den Angriffen gegen die Presse zu 
den allgemeinen Verhaftungen bilden. Hr. Lieute 
nant Verschuer übernahm mit aufopferungsfähiger 
Begeisterung das Amt des Häschers. 
Der erste, den sich der jugendliche Husarenlieute 
nant auserwählte, war Hr. Henkel. Mit der Ver 
haftung Henkels wollte man denselben nicht blos; 
wegen eines an den sogenannten Oberbefehls 
haber gerichteten „offenen Schreibens" abstrafen, 
sondern man wollte den Übergang zur Verhaftung 
des permanenten Ausschusses finden, dessen Mitglied 
Henkel ist. Der Plan war gut. Schade, daß er 
mißlang. Hr. Henkel rettete sich in das landstän 
dische Gebäude, wo der Ausschuß ohnedem Sitzung 
hatte. 
Was geniert Hrn. Verschuer das Ständehaus? 
Gegen 5 Uhr rückt derselbe mit 2 Gensdarmen - 
die Soldaten scheinen keine Lust gehabt zu haben - 
vor das Ständehaus und saßt hier Posten, unter 
dem Jubel der Schuljugend. Hr. Verschuer wartet 
eine gute Stunde, in dem guten Glauben, Hr. 
Henkel werde ihm in die ^Pistolenläufe stürzen. 
Endlich ermannt sich der Herr und schreitet frisch 
weg aus die Tür des Ständehauses zu. Leider stieß 
unser Held hier aus den Vorstand des permanenten 
Ausschusses, Hrn. Schwarzenberg, der schon längere 
Zeit mit Erstaunen dem Gebaren des Mannes zu 
gesehen. Auf die Frage Schwarzenbergs, was der 
Husar wollte, erklärt derselbe, er wolle Hrn. Henkel 
verhaften. Hr. Schwarzenberg entgegnete dem 
jungen Herrn, daß er vermutlich im Irrtum sei, 
Hr. Henkel sei Mitglied des permanenten Aus 
schusses und das Ständehaus sei heilig, vorab 
gegen solche Gewalttaten. Die Antwort des Hrn. 
Verschuer war seiner würdig. Er berief sich ans 
seine Ordre und auf seine Unkenntnis in Sachen 
der Verfassung und der Stände. Das heißt, Hr. 
Verschuer erklärte, daß ihn die Verfassung den 
Teufel was anging. In demselben Moment, wo 
der junge Husar diese empörende Antwort gab, 
zeigte ihm Hr. Schwarzenberg, daß er lange genug 
als Soldat den Kosaken gegenüber gestanden, um 
mit solch einem Menschen fertig zu werden. Hr. 
Schwarzenberg schlug die eiserne Tür des Stände 
hauses so heftig vor der Nase des Lieutenants zu, 
daß derselbe verschiedene Schwellen der Treppe 
heruntertaumelte, abermals zum unermeßlichen 
Jubel der Schuljugend. 
Als sich Hr. Verschuer wieder gepackt hatte, soll 
er vorsichtige Drohungen ausgestoßen haben. Wir 
wissen es nicht genau, gewiß ist aber, daß Hr. 
Verschuer ohne Henkel abgezogen ist." 
Man vergegenwärtige sich das Bild und über 
setze einmal den Vorgang in unsere heutigen An 
schauungen vom Staate. Würde man da für mög 
lich halten, daß nach Erklärung des Belagerungs 
zustandes eine Zivilperson sich dergestalt tätlich 
zu widersetzen vermöchte, ohne sofort damit zu 
rechnen zu haben, daß die geladenen Waffen der 
ausführenden Organe in Funktion träten? Ebenso 
wie die „Hornisse" trotz der Besetzung der Pressen 
ruhig weiter erschien, ja, sogar in derselben Num 
mer, in der sie meldet, daß die Pressen noch 
überwacht würden, getrost weiter als Drucker die 
alte Firma, die Estiennesche Druckerei, angibt? 
Das konnte auch nur möglich sein, nachdem die 
Regierung in übergroßer Gewissenhaftigkeit sich 
selbst aller Machtmittel beraubt, und der Be 
lagerungszustand, wie ihn der Oberbefehlshaber 
v. H a y n a u erneut erklärt hatte, nachdem schon 
General Bauer im September keinen Ernst ge 
zeigt, durch Haynaus Erklärung selbst zum Kinder 
spotte geworden. Das gedachte Dokument hatte 
nachstehenden Wortlaut 
„Nachdem ich vor drei Jahren aus dem Militär 
stande mich in das Privatleben zurückgezogen, und 
seit März 1848 so manchem, der Gesinnung eines 
treuen Hessen widerstrebenden Treiben ruhig zu 
gesehen habe, bin ich jetzt von seiner königlichen 
Hoheit dem Kurfürsten, mir völlig unvermutet, 
während der Dauer des Kriegszustandes zum Ober 
befehlshaber in unserem Vaterlande ernannt, und 
mit ausgedehnter Vollmacht versehen, die, durch 
die Pflichtvergessenheit der Landstände, in Ver 
weigerung aller zum Staatsbedarf erforderlichen 
Abgaben, wie durch Anmaßungen und Aufhetzungen 
des bleibenden Ausschusses, herbeigeführte Wider 
setzlichkeit gegen die von dem Landesherrn ver 
fassungsmäßig erlassenen Verordnungen zu brechen, 
und die gesetzliche Ordnung des Staatswesens 
wieder herzustellen. 
Daß ich, als ein 71 jähriger Greis, dem Rufe 
meines Landesherrn willige Folge leistend, das von 
mir selbst gewählte friedliche Stilleben, gegen die 
Mühen und Anstrengungen eines in den Augen 
der Verführer und Verführten schmachvollen Amtes 
vertausche, möge Jedermann, nicht allein als deut 
lichsten Beweis darstellen, wie ich von der Recht 
mäßigkeit und Verfassungsmäßigkeit der von seiner 
königlichen Hoheit ergriffenen Maßregeln völlig 
überzeugt bin, sondern auch, daß ich dem von 
meinem Landesherrn in mich gesetzten Vertrauen, 
ohne alle Menschenfurcht, mit dem Eifer und Nach 
druck entsprechen werde, den die von nun an noch 
Widerspenstigen — sei es in passivem oder aktivem
	        

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