Full text: Hessenland (28.1914)

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„Capitaine“, brachte diese in Beziehung zu ein 
ander und wußte nur zu bald, um welchen teuf 
lischen Anschlag es sich handelt 
Das Blut kochte ihm in den Adern, er war 
seiner selbst kaum noch mächtig vor Wut und 
furchtbarster Erregung. Unwillkürlich griff er nach 
einer Heugabel, die an der Wand lehnte, um sich 
auf die Schandbuben zu stürzen, sah jedoch in dem 
Augenblick ein, wie nutzlos dies Beginnen sein 
würde. Würde man, wenn es ihm gelänge, sie 
niederzustechen, nicht das ganze Dorf nach ihnen 
durchsuchen, und wäre dann das zweite Übel nicht 
weit größer, als das erste? Schnell, wie Aham 
den Plan gefaßt hatte, verwarf er ihn wieder 
und suchte nach anderen Mitteln und Wegen, seine 
Braut vor der Schande zu bewahren. Doch, soviele 
sich ihm auch aufdrängten, immer mußte er ihre 
Nutzlosigkeit einsehen und sie verwerfen, bis auf 
einen Weg, den er gehen würde, selbst wenn er 
dann die Ehre der Geliebten mit seinem Blut, mit 
seinem Leben erkaufen müßte. 
Kaum waren die beiden Kriegsmänner in das 
Wohnhaus zurückgekehrt, um sich zur Ruhe zu 
begeben, als auch Adam aus dem Stroh hervor 
kroch und seinem Elternhaus zueilte. Hier lag 
bereits alles im tiefsten Schlafe, umso besser für 
ihn und seinen Plan. 
Droben in der „guten Stube" lehnte in der 
Ecke neben dem Wäscheschrank, der der Bäuerin 
Stolz und Freude war, aus Großvaters Zeiten 
noch ein altes Gewehr, das dieser einst in der 
Schlacht bei Höchstädt, der Revanche für Speyer 
bach, heldenhaft geführt hatte. Mehr als einmal 
hatte der Großvater dem Enkel den Gebrauch und 
die Handhabung des Gewehrs gezeigt, besonders am 
Geburtstage des Landesherrn, an dem jedesmal 
Freudenschüsse aus der alten Donnerbüchse abge 
geben wurden. Nur zu genau hatte sich Adam 
jeden Handgriff beim Laden usw. gemerkt. Oben 
auf dem Schrank lag auch ein Pulverhorn, sowie 
ein Kästchen mit Bleikugeln. 
Leise, unhörbar betrat Adam das Zimmer, und 
bald schritt er mit Gewehr, Kugeln und Pulver 
über den Hof in einen Raum, der mit Geräten 
aller Art angefüllt war. Hier lud Adam mit 
aller Sorgfalt das Gewehr. Er löschte die Laterne 
und begab sich wieder auf seinen Posten in des 
Nachbars Scheune, war es ja doch möglich, daß die 
Schandbuben jeden Augenblick ihr scheußliches Vor 
haben ausführen konnten. 
Die Minuten wurden Adam zur Ewigkeit, als 
endlich der Tag graute, und es Leben auf des 
Bürgermeisters Hof gab. Aber die Franzosen 
schienen es durchaus nicht eilig' zu haben. End 
lich, nachdem die Sonne schon geraume Zeit über 
das Dach in den Hof geschienen hatte, betraten 
die beiden Reiter die Scheune, sattelten und be 
stiegen die Pferde. Nichts ahnend standen der 
Grebe und seine Tochter vor der Türe des Hauses, 
um sich von den Gästen zu verabschieden. Galant 
reichten diese zuerst dem Bürgermeister die Hand, 
ihm noch einmal einschärfend, die ausbedungene 
Lieferung doch ja zur bestimmten Stunde an Ort 
und Stelle zu befördern. Dann reichte der ältere 
von ihnen auch Annegele die Hand. In eben dem 
Augenblicke schlang der jüngere einen Strick um 
des Mädchens Arm, und schneller, als man es 
sich nur denken konnte, nahmen die beiden Räuber 
die ganz Bestürzte zwischen die Pferde, gaben 
diesen die Sporen, so daß die Unglückliche über 
den Hof geschleift wurde. Doch, ehe sie noch die 
Einfahrt erreichten, krachte von der Scheune her 
ein Schuß. Mit einem Wutschrei ließ der jüngere 
der Räuber den Strick fahren, an den die Ärmste 
gefesselt war. Mit der Kraft der Verzweiflung 
riß sich Annegele los und eilte in das Haus. In 
demselben Augenblick sandte der unversehrt Ge 
bliebene der Fliehenden aus seiner Reiterpistole 
eine Kugel nach, die hart an ihrem Kopfe vorbei 
flog und die Treppe durchschlug. Das alles war 
das Werk eines Augenblicks. Noch ehe der Fran 
zose wieder zu laden vermochte, stürmte Adam 
aus dem Scheunentor mit einer blinkenden Sense 
in der erhobenen Rechten. Die Räuber sahen das 
höchst Gefahrvolle ihrer Lage ein, und stürmten, 
was nur die Riemen halten wollten, davon. — 
Es hatte lange gedauert, ehe der Bürgermeister 
sich von dem furchtbaren Schrecken erholen konnte, 
so daß es erst der wiederholten Versicherungen 
seiner Tochter bedurfte, daß sie nicht verletzt sei, 
ehe er sich seiner Pflicht erinnerte, für Proviant 
aus dem Dorfe zu sorgen. Schon nach wmigen 
Stunden bewegte sich ein langer Wagenzug auf 
der Homberger Straße der Stelle zu, die dem 
Bürgermeister bezeichnet worden war. Auf dem 
ersten Wagen saß der Grebe selbst und lenkte seine 
Braunen, wollte er doch, wenn dies möglich war, 
die Sache mit den beiden französischen Soldaten 
dem französischen Befehlshaber selbst vortragen und 
für Adam um Gnade bitten. Und es traf sich gut, 
doppelt gut. Einmal, insofern es dem Greben 
wirklich gelang, vor den Befehlshaber geführt zu 
werden, dann aber auch, weil dieser ein Mann 
voll Hochherzigkeit und Edelmut war, der von der 
Bewunderung über den Heldenmut der hessischen 
Grenadiere bei Zennern hingerissen, ausgerufen 
hatte: „Ehren und schonen wir diese Braven!" 
Willig und gern lieh er dem Greben Gehör, als 
dieser in schlichten Worten den Hergang der Sache 
erzählte. Und als der General auch noch erfuhr, 
daß es nur eine leichte Wunde sei, die der Mäd 
chenräuber davongetragen hatte, entließ er den 
Bürgermeister mit der tröstlichen Versicherung, daß 
die Sache damit abgetan sei. — 
Kräftig griffen da des Greben wohlgenährte 
Braune aus, als es dem Dorfe wieder zuging. 
Kaum war der Bürgermeister vom Wagen ge 
sprungen, als er auch schon des Nachbars Haus 
betrat. Viele Worte hatte er nicht, dazu war er 
zu ergriffen. Schweigend reichte er dem alten Freunde 
die Hand, in die dieser freudig und kräftig ein 
schlug. 
In eben dem Augenblick trat Adam in die 
Stube. Da konnte sich Annegelens Vater nicht
	        

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