Full text: Hessenland (28.1914)

§^«r- 109 
Leutnant Schröder ging mit den Gendarmen 
in Paradeuniform neben dem Sarge. Vom Wolfs 
berg aus wurde aus den Stadtböllern dreimal 
geschossen. 
Damit neigen sich unsere kriegerischen Erleb 
nisse dem Ende zu. Am 13. Juli erfolgte ein 
erneuter Vorstoß Vogel v. Falckensteins. 
Dabei kam ein preußisches Bataillon mit Eisen 
bahntruppen durch Wernshausen und stellte die 
zerstörten Gleise der Werrabahn wieder her, so 
daß nun wieder alle Verkehrsbeschränkungen auf 
hörten. Mitte August kam eine Kompagnie des 
30. Regiments unter Premierleutnant (später 
Hauptmann) Brandt in die Herrschaft zum 
Zeichen, daß wir nunmehr in der Tat preußisch 
seien. Sie blieb drei Wochen, während ihrer An 
wesenheit' kehrten die entlassenen kurhessischen Sol 
daten in ihre Heimat zurück, auch die Schmalkalder 
kehrten heim. Gegenseitige Mäßigung verhinderte 
Unaiinehmlichkeiten. Dann folgte die feierliche 
Einverleibung mit ihren Folgen, die zu erzählen 
hier 'nicht der Platz ist. 
Das Loch in der Treppe. 
Von Heinrich Rohde, Hofgeismar. 
(Schluß.) 
Vor der Haustür hielten zwei französische Reiter 
und verhandelten, so gut sie vermochten, mit dem 
Bürgermeister. Ängstlich trat Annegele in den 
dunklen Schatten des Hauses und hörte wenigstens 
soviel heraus, daß es sich darum handelte, möglichst 
viel Futter für die Pferde und Proviant für die 
Mannschaften aus dem Dorfe an eine näher be 
zeichnete Stelle bringen zu lassen, im anderen 
Falle würden einige Tausend französische Reiter 
das Dorf besetzen. Der Grebe erkannte sofort den 
Ernst der Lage und entgegnete, daß er bereit sei, 
der Aufforderung Folge zu leisten, daß dies jedoch 
in der Nacht kaum möglich sei. Um noch ein 
Übriges zu tun, lud er die Feinde ein, näher zu 
treten und wenigstens einen kleinen Imbiß zu 
nehmen, wenn sie es nicht vorziehen sollten, so 
gar in seinem Hause zu übernachten. Die beiden 
Reiter wechselten einige dem Greben unverständ 
liche Worte und stiegen von den Pferdm, die sie 
in die Scheune führten. 
Inzwischen hatte Annegele, ihrer Hausfrauen 
pflichten eingedenk, den Tisch gedeckt mit allem, 
was Küche und Keller boten, sagte ihr doch ihr 
natürlicher Verstand, daß sie dadurch am besten 
dazu beitragen könne, den wilden Sinn der Feinde 
zu besänftigen und sie günstiger zu stimmen. Noch 
war sie mit den Zubereitungen nicht ganz zu Ende, 
als auch schon die Reiter säbelrasselnd die Treppe 
herauf stiegen und in die Stube traten. So 
freundlich es Annegele in dem Augenblick ver 
mochte, trat sie den ungeladenen Gälten entgegen 
und bat sie, Platz zu nehmen und es sich gut 
schmecken zu lassen. Das ließen sie sich nicht 
zweimal sagen und waren bald bei voller Arbeit. 
Doch, so gut ihnen auch alles zu munden schien, 
was Annegele ihnen vorgesetzt hatte, schienen doch 
ihre Blicke sich mehr und mehr mit dem, blitz 
sauberen Mädel zu beschäftigen, das sich nicht 
genug tun konnte, immer und immer wieder 
zu nötigen, fleißig zuzulangen. Annegele wußte, 
daß ihre Worte von den Reitern nicht verstanden 
wurden und suchte sich deshalb durch aufmunternde 
Gebärden und Zeichen verständlich zu machen, nicht 
ahnend, daß bei diesen Bemühungen ihre Wangen 
sich mehr und mehr röteten, was sie immer schöner 
erscheinen ließ und begehrlicher machte, und bald 
hingen die Blicke der beiden Krieger wie gebannt 
an der schönen Gestalt. Wie gerne hätten sie 
vielleicht einmal den Arm um Annegelens volle 
Hüfte gelegt, doch wagten sie es nicht, gar ernst 
und schweigsam blickte der Bürgermeister drein, 
der in dem alten Großvaterstuhl neben dem Ofen 
saß und jeden Blick, jede Geste der Krieger mit 
seinen Falkenaugen verfolgte. 
Die Mahlzeit war zu Ende. Die beiden Franz 
männer erhoben sich und gaben dem Bürgermeister 
zu verstehen, daß sie, ehe sie sich niederlegen 
würden, noch einmal nach den Pferden sehen 
möchten. Kaum waren sie in der Scheune ange 
kommen, als die lange zurückgedrängte Zwiesprache 
über die jeune fille du maire mit doppeltem 
Zungenschlag, mit doppelter Beweglichkeit geführt 
wurde. Das war ihnen beiden ohne langes Be 
sinnen klar- Das schöne Mädchen mußten sie ent 
führen, mochte es kosten, was es wollte. Nur 
darin schienen sie sich lange nicht einig, wem 
eigentlich die so kostbare Beute zugesprochen werden 
sollte. Während der jüngere sie ganz entschieden 
für sich in Anspruch nahm, gedachte der ältere, 
sie seinem Capitaine zuzuführen, indem er sich 
davon die besten Aussichten für sein Avancement, 
das schon lange hatte auf sich warten lassen, 
versprach. 
So leise auch die Unterhaltung der beiden geführt 
wurde, so war sie doch belauscht worden. Adam 
hatte in dem sicheren Gefühl, daß seine Gegen 
wart in der einen oder anderen Weise nötig wäre, 
nicht vermocht, die Scheune zu verlassen. Als 
er die beiden Reiter wieder nach der Scheune 
zukommen hörte, stieg er schnell die Leiter hinauf 
und hielt sich dort hinter einigen Bunden Stroh 
versteckt. Von hier aus konnte er nicht allein 
jedes Wort der beiden hören, sondern auch ihre 
Bewegungen verfolgen. Von dem Zwiegespräch 
verstand er allerdings nicht viel, desto mehr sagten 
ihm die Gesten der beiden Soldaten, die nicht 
mißzuverstehen waren, dazu übersetzte er sich die 
wiederholt gebrauchten Worte „zouns äams" und
	        

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