Full text: Hessenland (28.1914)

Hefsenlan- 
Hessisches Heimatsblatt 
Zeitschrift sür hessische Geschichte, Volks- und Heimatkunde» Literatur und Kunst 
Nr. 7. 28. Jahrgang. Erstes April-Heft 1914. 
Sarnhagen von Enses Sendung nach Kassel und Bonn (1829). 
Nach ungedruckten Dokumenten aus seinem Nachlaß. 
Von Joachim Kühn. 
Daß von den vier diplomatischen Missionen, die 
Ende der zwanziger Jahre vom preußischen und 
österreichischen Hof zur Beilegung der kurhessischen 
Familienwirren eingeleitet worden sind, der letzte 
Vermittlungsversuch König Friedrich Wilhelms III 
— die Entsendung Barnhagen von Enses nach 
Kassel und Bonn Anfang 1829 — die meiste Be 
achtung gefunden hat, war bei der Persönlichkeit 
des gewählten Unterhändlers nur natürlich. Der 
Biograph Blüchers, der Gemahl Rahel Levins 
war eine weit bedeutendere Gestalt als der Gene 
ral Oldwig von Natzmer oder der Baron Werner, 
die vorher von Friedrich Wilhelm III. und Metter 
nich ins Gefecht gesandt worden waren, und das 
Interesse, das sich allgemein seiner Wirksamkeit 
zuwandte, bedurfte nicht der Erklärung. Weniger 
selbstverständlich war freilich der Widerspruch, den 
die Ergebnisse seiner Mission in Kasseler liberalen 
Kreisen hervorriefen. In der Tat warf man dort 
dem berühmten Historiker vor, er habe sich un 
gerechtfertigterweise auf die Seite des Kurfürsten 
gestellt; der verstorbene Akademiedirektor Friedrich 
Müller ist soweit gegangen, in seinem viel ge 
lesenen Erinnerungswert über „Kassel seit siebzig 
Jahren" in Bezug auf die Resultate der Varnhagen- 
schen Bemühungen hinzuzusetzen „Freilich hatte 
die Kurfürstin keine Orden und andere Gnadenbe 
zeigungen zu verleihen." Sind diese durchsichtigen 
Beschuldigungen berechtigt? War es 6o ipso ver- 
dammenswert, auf die Ansichten Wilhelms II. ein 
zugehen? Waren Kurfürstin und Kurprinz am 
Scheitern der letzten preußischen Vermittlungs 
aktion unbeteiligt? Die Fragen sind bisher nur 
gestreift worden. Es erscheint daher interessant, 
auf Grund der in Varnhagens Nachlaß befindlichen 
bisher unbenutzten Dokumente seine Sendung einer 
Prüfung zu unterziehen, ihre Vorgeschichte, ihren 
Verlauf im Einzelnen festzulegen und endlich die 
Bedeutung zu skizzieren, die ihr Ausgang auf 
den Fortgang der kurhessischen Familienwirren 
gewann. 
I. 
Am 24. Juli 1828 hatte der preußische Haus 
minister Fürst Wilhelm Wittgenstein der in Bonn 
lebenden Kurfürstin Auguste mitgeteilt, „daß die 
Aussichten zu einer freundlichen Ausgleichung 
immer unwahrscheinlicher würden und daher für 
die Zukunft andere Bestimmungen erforderlich
	        

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