Full text: Hessenland (27.1913)

Rede bei dem Ausmarsch der in Kassel gelegenen kurhess. Truppen. 
Gehalten den 30. Januar 1814 auf dem Friedrichsplatz von C. F. W. Ernst. 
(Nach dem Manuskript mitgeteilt.) 
Unendlicher! Der du im Himmel thronst und 
auf der Erde herrschest, vor dir beugen wir unsre 
Knie und flehen um Kraft und Segen zu dieser 
Andacht. Amen! Es find hehre und feierliche 
Augenblicke, meine teuersten Freunde, in denen ich 
jetzt vor euch auftrete, sie sind es für mick, der 
ich zum erstenmal unter Gottes freiem Himmel 
vor einer solchen Versammlung und unter solchen 
Umständen rede. — Der Anblick hessischer Truppen, 
die alle mit mir auf dem vaterländischen hessischen 
Boden emporwuchsen, ein 
Anblick, den wir sieben Jahre 
entbehren mußten, ergreift 
mein Innerstes so wie das 
Herz jedes braven, biederen 
Hessen. Aber diese Augen 
blicke sind noch hehrer und 
feierlicher für uns, meine 
Brüder, die ihr im Begriff 
steht, euern Eltern, Freunden 
und Verwandten ein inniges 
Lebewohl zu sagen und die 
Grenzen des geliebten Vater 
landes zu verlassen. G! 
möchten die wenigen Worte, 
die ich euch zurufen werde, 
sich unauslöschbar in eure 
Herzen drücken und euch zu 
hohem Mute und zu wahrem, 
edlen Heldensinne erwecken 
und begeistern. Ihr habt 
unverbrüchliche Treue eurem 
teuersten Kurfürsten, willigen, 
freudigen Gehorsam eurem 
geliebtesten Kurprinzen ge 
schworen und Blut und Leben dem Vaterlande 
geweihet. Wisset, daß in diesen hehren Augen 
blicken der große Geist, der den Himmel über euch 
wölbte und die Erde unter euren Füßen bereitete, 
nahe war, euch umschwebte und euren Schwur 
hörte. Ihr betretet jetzt die große Bahn des Ruhms 
llnd der Ehre, die jeder wahre Krieger mit Freuden 
wandelt. — Russen, Preußen, Österreicher, Schwe 
den, Bayern, Sachsen und andere deutsche Völker 
sind vor euch hergezogen, um die große Sache von 
Europa zu retten und dem Stolze und der Tyrannei 
des so lange gefürchteten Napoleons ein Ende zu 
machen. Ihr seid Deutsche und seid Hessen, wenn 
ihr auch später auf dem großen Kampfplatze er 
scheint, so wird es euch doch nicht an Gelegenheit 
fehlen, euch mit Ruhm und Ehre zu krönen. 
Das Vaterland winkle euch, ihr kamt fast alle 
freiwillig zu seinen Fahnen, ihr seid aus so manchen 
alten, angesehenen Familien, die Blüte von Hessen. 
Wie groß sind die Erwartungen, die sich das Vater- 
land, die selbst die hohen Verbündeten sich von 
euch als hessischen Kriegern machen? Manche von 
euch fochten vielleicht schon unter den Fahnen der 
Tyrannei als Helden. Ihr hattet euren Namen, 
euer altes hessisches Wappen verloren. Jetzt tretet 
ihr zum erstenmal wieder vereint als Hessen auf, 
unter dem heiligen Wappen 
des hessischen Löwen, unter 
dem eure Väter, eure Ahn 
herrn, eure Vorfahren seit 
einer Reihe von Jahrhunder 
ten kämpften und siegten. 
Der Anblick des Hessischen 
Löwen sei euch eine Aufforde- 
rung, nicht als Knaben, son- 
dern als Männer, als Hel- 
den, als Löwen zu kämpfen. 
Keiner von euch wird je 
fliehen; wie könnte ein Hesse, 
der seines Namens würdig ist, 
fliehen! Tod oder Sieg sei 
euer Wahlspruch. Mit Gott 
für Fürst und Vaterland be 
gann der große Staatenbund, 
der große Völkerverein, in 
den ihr jetzt tretet. Ihr werdet 
nur der Zeit aber nicht dem 
Ruhm und der Tapferkeit 
nach die letzteren sein! 
Denket, daß ihr nicht für 
Ehrgeiz, für Eitelkeit, für 
Länder- und Eroberungssucht, daß ihr für Herd 
und Freiheit, für Fürst und Vaterland kämpfet, 
daß ihr hinzieht, um den furchtbaren Menschen, 
der länger als dreizehn Jahre die Geißel des All 
mächtigen für Europas Völker war, ganz zu de 
mütigen, auf immer unschädlich zu machen und der 
Menschheit Ruhe und Frieden zu erringen. 
Vergesset nie, daß ihr Söhne, Nachkommen der 
hochherzigen Hessen, einst Kasten genannt, seid, die 
vor zwei Jahrtausenden die Räuber, die Tyrannen 
der damaligen Welt, besiegen und Deutschlands 
Ehre und Freiheit für alle folgenden Jahrhunderte 
retten halfen. - Schrecken, Tod und Verderben 
ziehe vor euch her, wenn der Ruf zum Kampfe 
erschallt - in der Schlacht umhüllt der Enge! der 
Menschheit sein Antlitz — aber Schonung und 
0. theol. Christoph Friedr. W. Ernst, 
* zu Jesberg 1765, + zu Kassel als Generalsuperintendent 1855. 
Nach der Natur gezeichnet von seinem Schwiegersohn Ludwig 
E. Grimm 1824. Im Besitz des Herrn Privatmanns G. Wentzell.
	        

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