Full text: Hessenland (27.1913)

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Von der Erhebung Kurhessens. 
Im November 1813 äußerte Goethe in einem 
Gespräch mit dem Historiker Luden: „Man sprach 
vom Erwachen, von der Erhebung des deutschen 
Volkes und träumte, dieses Volk werde sich nicht 
wieder entreißen lassen, was es errungen und mit 
Gut und Blut schwer erkauft habe, nämlich die 
Freiheit. War denn wirklich das Volk erwacht? 
Wußte es denn, was es wollte? Ist denn jede 
Bewegung eine Erhebung? Erhebt sich, wer ge 
waltsam aufgestöbert wird? Wir sprechen nicht von 
den Tausenden gebildeter Jünglinge und Männer, 
wir sprechen von der Menge, den Millionen." 
Diese Worte zeigen, daß Goethe an eine populäre 
Erhebung während der Freiheitskriege nicht ge 
glaubt hat, eine Erhebung, die den Grund unserer 
heutigen Freiheit bildet. Er, der Staatsmann 
der alten Schule, konnte sich auf Grund seiner 
Erfahrungen kein Volk vorstellen, das aus eigener 
Kraft in eine solche Bewegung eintrat, und als 
sich in Weimar die Freiwilligen organisierten, 
hielt der 64jährige, der sich nicht wieder in einen 
Jüngling verwandeln konnte, seinen Sohn zurück. 
Als dann die Erfolge und die große Besiegung 
Frankreichs kam. war er überrascht, wie tatsächlich 
alle Volksklassen opferfreudig für ihre sittlichen 
Ideen kämpften, und er bekannte, daß er die Deut 
schen niemals einig gesehen habe, außer in ihrem 
Haß gegen Napoleon. Er, der in Karlsbad nicht 
nur einen Napoleon gefeiert, sondern es auch über 
sich gewonnen hatte, dessen bedeutungslosem Bruder 
J6rüme in jenem Hallenser Theaterprolog zu hul 
digen. legte dann in „Epimenides Erwachen" aus 
tiefster Seele ein eigenes Geständnis ab. das nämlich, 
daß er eine erhabene Zeit der Volksarbeit nicht 
genug gewürdigt habe in jenen Jahren, wo die 
Nation an ihrer Kräftigung gearbeitet, er selbst 
aber ausgerufen hatte: „Rüttelt nur an Euren 
Ketten, er ist Euch zu groß!" Dieser sittliche 
Charakter der Volksbewegung, wie er in jenen 
Tagen der Not sich in Preußen so bewunderns 
wert offenbarte, fand aber auch im einstigen Kur 
hessen fein Gegenstück, und es geziemt sich, in diesen 
Tagen allgemeinen Gedenkens auch hessische Opfer- 
freudigkeit und Tapferkeit nicht zu vergessen. 
Welchen Wert Napoleon Hessen beilegte, bewies 
er 1807 durch die Errichtung eines französischen 
Staats mitten in Deutschland mit der Hauptstadt 
Kassel. Mochten auch während der siebenjährigen 
Dauer dieses westfälischen Königreiches manche sich 
vom Glanze des das Mark des Volkes aufzehrenden 
Hofes blenden lassen, die große Mehrzahl der Hessen 
verleugnete ihren Charakter nicht, sie blieb hessisch 
und deutsch. Und als der Freiheit Morgenrot 
heraufdämmerte, als Napoleon zuerst die Schärfe 
deutscher Schwerter bei Aspern kennen lernte, da 
war man auch in Heffen bereit, das Joch ab 
zuschütteln, und Dörnbergs Name glänzt noch 
heute neben denjenigen Schills, des Herzogs von 
Braunschweig-Oels, Andreas Hofers und anderer 
Helden des Jahres 1809. Im großen Ent 
scheidungskampf auf den Leipziger Schlachtfeldern 
waren auch die Heffen mit ihren Herzen dabei, 
und in den beiden nächsten Jahren war es ihr 
Arm, der an der Besiegung Napoleons keinen ge 
ringen Anteil hatte. 
Die Kunde von der großen Völkerschlacht hatte 
auch J6räme endgültig aus Kaffel vertrieben. In 
den ersten Tagen des Novembers 1813 traf der 
hessische Kurprinz, nur von wenigen Getreuen be 
gleitet, unmittelbar von den Leipziger Schlacht 
feldern wieder in Kassel ein. das ihm am Leipziger 
Tor einen jubelnden Empfang bereitete. Bereits 
am 5. November las man an allen Straßenecken 
Kassels jenen Erlaß des Kurprinzen, der mit den 
berühmten Worten anhebt: „Hessen! Mit Eurem 
Namen nenne ich Euch wieder" und der die Be 
völkerung auffordert, sich demnächst unter den 
Waffen ihres Namens würdig zu zeigen. Am 
21 November traf dann der Kurfürst selbst nach 
siebenjähriger Verbannung wieder in Kaffel ein. 
wobei ihm Kasseler Bürgerssöhne die Pferde vom 
Wagen spannten und diesen im Triumph durch 
die Stadt zum Bellevueschloß zogen. Bald darauf 
folgten auch die Kurfürstin und die Kurprinzessin 
mit ihren Kindern. „Ich habe niemals etwas 
Bewegenderes und Ergreifenderes gesehen, als den 
Einzug der kurfürstlichen Familie", schrieb damals 
Wilhelm Grimm. Noch heute erinnert im Kasseler 
Rathaus ein von der Kurprinzessin gemaltes und 
der Residenzstadt gewidmetes Bild an den Moment, 
wo zwei hessische Bauern dem wieder hessischen Boden 
betretenden elfjährigen Prinzen Friedrich Wilhelm, 
dem späteren letzten Kurfürsten, in Netra eine 
während der Fremdherrschaft verborgen gehaltene 
hessische Fahne überreichten. Am 23. November 
vereinte ein feierlicher Dankgottesdienst Fürst und 
Volk in der St. Marlinskirche, und anl folgenden 
Tage erließ der Kurfürst einen Befehl, daß die 
am 1. November 1806 in die Kantone beurlaubten 
Regimenter sich in ihren alten Garnisonplätzen 
wieder einstellen sollten. Außerdem war Brigade 
major v. Mensing mit der Bildung eines frei 
willigen Jägerkorps beauftragt, das „für die große 
Sache Deutschlands und des Fürsten der Heffen 
kämpfen" und hauptsächlich aus dem Adel, den 
Schriftsässigen, den Bürgern von Bildung und
	        

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