Full text: Hessenland (27.1913)

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nachdem er durch diese Erörterung der hochinter 
essanten rätselhaften Zeichen ausmerksam gemacht 
ist, bei der nächsten Gelegenheit achten kann. Sind 
das vielleicht Runen? 
Man unterscheidet an den alten niedersächsischen 
Steinbauten vier Arten solcher Einschürfungen. 
Einmal die obigen scharfgeschnittenen Längsschliffe, 
die ohne größere seitliche Ausdehnung oft von er 
heblicher Länge sind, bis zu mehr als einem halben 
Meter. Dann direkte kurze Vertiefungen in Form 
eines Schiffchens, ferner Aushöhlungen in Form 
einer Halbkugel; beide mit scharfen Außenrändern 
und glatten Innenflächen. Viertens mehr oder 
minder ovale oder halbkugelförmige Ausschleifungen, 
Hohlschliffe, wie sie entstehen, wenn man auf einem 
Stein längere Zeit Messer und ähnliche Gegenstände 
schärft. Die Zeichen der ersten Art finden sich an der 
Nikolaikirche, Hohlschliffe der letzten Art am äußeren 
Tor der Schaum bürg auf dem Nesselberge. 
Zweck und Bedeutung der letzteren dürste wohl 
ganz klar sein. Messer, Speere, Schwerter wurden 
an diesen Stellen gewetzt. Beim Auszug zu Fehden 
oder in den Krieg wetzten die Rittersknechte, die 
Söldner u. a. ihre Schwerter an den Kirch- und 
Burgtüren, an den Kirchtüren mit Vorliebe als 
an „heiligen Türen", im Glauben, daß dies be 
sonders gut und heilsam wirke, sie weihten gleich 
sam ihre Waffen, wenn sie sie an der Kirchenmauer 
schliffen. Die Bauern, die mit Wolfspießen zur 
Kirche gingen — vor 250 Jahren wimmelte noch 
das Land von Wölfen — lehnten ihre Spieße 
während des Gottesdienstes draußen an der Kirche 
an und schärften sie an den Kirchportalen. 
Die Aushöhlungen in Form kleiner Schiffchen rc., 
wie sie die ganze Südwand der katholischen Kirche 
in Goslar überdecken, erklären sich anders. Nach 
einer Mitteilung des Anthropologischen Korre 
spondenzblattes hat man im Mittelalter Steinstaub 
aus dem heiligen Gemäuer herausgekratzt und den 
so gewonnenen Rillenstaub zu geheimem Zauber 
oder als Heilmittel bei Kranken verwendet. 
Für die Rillen in d e r Form, wie sie sich deut 
lich an unserer Nikolaikirche und der Oldendorfer 
Kirche befinden, hat man noch keinerlei Erklärung. 
Es sind die scharfgeschnittenen Längsschliffe, die 
mit einem scharfen Gegenstand (Schwert?) hinein 
gehauen oder hineingeschnitten erscheinen. Aus 
fallend, daß sie vorwiegend auf der Südseite der 
Kirchen auftreten! 
Das typischste Beispiel der ovalen Ausschleifungen 
weist übrigens die Dorfkirche in Lachem gegenüber 
Fischbeck auf, deren westliche Tür in der Zeitschrift 
„Niedersachsen" abgebildet ist, sie zeigt auch Längs 
schliffe. 
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Urteil eines Hessen über China. 
Es ist schon öfters das Wort gebraucht worden. Hassia 
non scribit, Hessen schreibt nicht. Reich ist allerdings 
unser Hessenland nicht an Geisteserzeugnissen. Woher kommt 
es wohl? Wir Hessen sind schwerfällige, aber auch gründ 
liche Leute. Was wir anfassen, fassen wir dann auch um 
so tiefer an. Das gilt von den Männern unseres Hessen 
landes, die mit ganzer Hingebung sich in ein Arbeitsgebiet 
versenkt haben und deren Schriften dann nicht müßige Ge 
dankenerzeugnisse. sondern das Resultat treuer, tiefer Arbeit 
sind. Das macht zum Beispiel das Buch unseres hessischen 
Landsmannes Wilhelm Speck „Zwei Seelen" so wertvoll, daß 
man ihm anmerkt: Aus dem schweren Beruf der Seelsorge 
an Gefangenen ist dies alles geboren und durch den schaffenden 
Geist des Dichters in eine höhere Einheit gebracht. Aber 
noch ein anderes hat immer wieder Männer unseres Stam 
mes zur Geistesarbeit aufgerufen, noch aus anderer Quelle 
haben sie schöpfen dürfen. Das ist das Volkstum unseres 
Stammes. Denn kein deutscher Stamm ist an Volkstum 
so reich als unser Hessenstamm. 'Und zu den Männern 
blicken wir mit Achtung und Liebe auf, die sich in unser 
eigenes Volkstum mit inniger Hingebung versenkt haben. 
Das waren unsere Größten, die hier am tiefsten geschöpft 
haben. Ihre Namen brauche ich nicht zu nennen. Sie 
find unseres Hessenlandes Stolz. 
Aber man darf nun von hier aus weiter gehen und darf 
sagen: Wer das Volkstum des eigenen Landes mit Liebe 
betrachtet und zur Darstellung bringt, der ist auch imstande, 
fremdes Volkstum in seiner ihm eigentümlichen Eigenart 
zu würdigen. Denn er allein bringt den richtigen Maß 
stab mit, um auch den Wert fremden Volkstums richtig 
einzuschätzen. Von diesen beiden Gesichtspunkten aus möchte 
ich im folgenden das Buch eines hessischen Landsmannes 
besprechen: Wilhelm Schülers Abriß der neueren 
Geschichte Chinas. (BerlinKarlCurtius 1912. 6M.) 
Schüler ist ein Enkel des in Hessen einst so bekannten 
Allendorfer Superintendenten Schüler, dessen Gestalt gerade 
in diesem Erinnerungsjahr 1813 vielen Hessen wieder leb 
haft vor der Seele steht. Nun. der Enkel ist noch weiter 
vom Hessenland weggeführt als einst sein Großvater, der 
mit den freiwilligen Jägern nach Frankreich hineingezogen 
war. Zuerst im Dienst der Mission, sodann als Pfarrer 
von Shanghai hat er seit dem Jahre 1900 das Volkstum 
Chinas an den Quellen studieren gelernt. Die Frucht seiner 
Studien ist diese von der deutschen Kolonialgesellschaft, Ab 
teilung Tsingtau, gekrönte Preisschrift über die neuere 
Geschichte Chinas, in der noch die unser Kolonialgebiet 
umgebende Provinz Shantung besondere Berücksichtigung 
gefunden hat. So darf der Verfasser mit Recht in der 
Einleitung sagen, daß ihn bei seinem langjährigen Aufent 
halt in Tsingtau und Nordchina ein fast heimatliches In 
teresse angezogen habe. 
Das Buch ist mit einer ganz besonders anzuerkennenden 
Sachlichkeit geschrieben, die sich in größter Gewiffenhaftigkeit 
bemüht, der Eigenart dieses uns noch so fremden Volkes 
näher zu kommen, einer Sachlichkeit, die aber nicht dürre 
Zahlen und Tatsachen und Geschichte der Dynastien bietet, 
sondern die vor allem die kulturgeschichtliche Ent 
wicklung Chinas hervortreten läßt. 
Man könnte auch hier sagen: Wie klein ist doch die 
Welt! Wir stellen uns die chinesische Kulturentwicklung
	        

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