Full text: Hessenland (27.1913)

§3^ 54 
Mit dem Absterben alter seltener Wörter in 
dem Sprachbestand einer Mundart wird aber die 
Deutung der Flurnamen immer mehr verdunkelt. 
Deshalb ist in den Gegenden, wo es noch nicht 
geschehen ist, eine Sammlung des gesamten mund 
artlichen Wortschatzes sowie eine Sammlung des 
Flnrnamenbestandes von gleichem, weil sich er 
gänzendem Werte. 
Mit Recht sagt Archivdirektor I)r. Dietrich, 
der verdienstvolle Förderer und eifrige Vorkämpfer 
aus dem Gebiet der hessischen Flurnamenforschung, 
in der Vorrede zu den oben erwähnten „Schlitzer 
Flurnamen"- „Bei den Flurnamen handelt es sich 
4K. 
Aus der Geschichte 
Von 51. a 
(2fort ! 
Nun waren die beiden Landgrafen unumschränkte 
Herren des Hessenlandes. Aber in welchem Zu 
stande befand sich dieses? Die Kriegführung der 
damaligen Zeit bestand ja hauptsächlich darin, dem 
Gegner durch Verwüstung seiner Lande Schaden 
zu tim. So waren denn auch im Sternerkriege 
zahlreiche Dörfer verwüstet, die Ernten vernichtet, 
die Einwohner von Haus und Hof vertrieben. 
Die Steuerkraft des Landes war dadurch natürlich 
sehr gering geworden, wahrend andererseits die 
landesherrlichen Kassen leer waren und der Auf 
füllung 'dringend bedurften. Aber wie eine solche 
beschaffen, woher Geld nehmen? Tie „Bede", 
d. h. die übliche direkte Steuer, brachte bei der 
allgemeinen Verarmung des Landes nichts ein, 
die Zinsen und Renten, die der Herrschaft zustanden, 
waren schon für längere Zeit int voraus erhoben, 
die besten Schlösser und Ämter des Landes ver 
pfändet, auf anderem Wege als durch solche Ver 
pfändung damals aber Anleihen nicht zu ermög 
lichen. Da entschlossen sich denn die Landgrafen 
zu einem Schritt, der in damaliger Zeit in Deutsch 
land an sich nicht ungewöhnlich, in Hessen aber 
von schlimmen Folgen begleitet war. Sie be 
schlossen, ein „Ungeld" zu erheben. Diese Art Ab 
gabe war seit etwa 1300 in Deutschland vielfach 
zur Einführung gelangt, selten aber ohne Wider 
spruch der Bevölkerung. Schon in dem Namen 
„Ungeld" liegt der Begriff des Nichthergebrachten, 
des Ungewöhnlichen und vor allem des Unbe 
rechtigten. Das Ungeld stellte sich dar als eine 
Steuer auf die in einzelne Orte eingeführten 
Lebensmittel als eine Akzise also. Es erlangte 
aber den Charakter eines Zolls dadurch, daß es 
mit den schon gültigen gleichartigen Zöllen als 
ein Aufschlag zu diesen erhoben wurde. Es war 
um Zeugnisse der Vergangenheit. die im Durchschnitt 
älter und wertvoller sind als die Mehrzahl der vor 
zeitlichen und mittelalterlichen Denkmäler, die heute 
staatlichen Schutz unb staatliche Pflege genießen; um 
Zeugnisse der Vergangenheit zugleich, die heute 
mehr gefährdet sind als alle andern. Mit be 
scheidenen Mitteln, die im Vergleich zu den Kosten 
der Wiederherstellung einer Kirche, eines Schlosies 
oder eines Rathauses gering sind, kann hier ein 
Werk geschaffen werden, das für alle Zeiten seinen 
Wert behält, und mit dem der Staat und die 
staatlichen Körperschaften, die ihm ihre Unter 
stützung leihen, sich selbst ehren." 
des Kasseler Zolls. 
0 r i n g e r. 
>ung.) 
also eigentlich nichts anderes, als der im Jahre 
1346 von den Landgrafett und der Stadt Kassel 
gemeinsam eingeführte Zollzuschlag auf der Kasseler 
Fuldabrücke, mit dem gewaltigen Unterschiede frei 
lich, daß dieser Zollzuschlag auf alle Zollstellen des 
Landes ausgedehnt und ständig, nicht, wie der 
Zuschlag von 1346, nur vorübergehend eingeführt 
wurde. Dabei waren die neuen Zollsätze recht 
hoch, wobei man den damaligen Geldwert be 
rücksichtigen muß, der ja viel höher war als der 
heutige. Vom Malter Weizen, Korn, Gerste sollten 
16, vom Malter Hafer 8 Heller, von jedem ge 
schlachteten Stück Rindvieh 4 Schilling, von der 
Tonne Heringe 2 Turnos (Groschen), vom Zentner- 
Metall aller Art 2 Turnos, von einer Halben 
Wein oder einem Stübchctt Bier beim Ausschank 
1 Heller gezahlt werden. Um die Sache schmack 
hafter zu machen, versprachen die Landgrafen, ohne 
Einwilligung des Landes das Ungeld nicht erhöhen 
und während der Dauer seiner Erhebung keine 
Bede, also keine direkte Steuer, erheben zu wollen. 
Eine solche sollte überhaupt nur noch dann ent 
richtet werden, wenn zum Ankauf von Schlössern 
und Burgen Geld nötig sei, dessen Verwendung 
ja dem ganzen Lande zu gute komme, oder im 
Falle gemeiner Landesnot. 
Als die Landgrafen im Oktober 1375 (nicht 
1376, wie Nebelthau angibt) die Einführung des 
Ungeldes verkündigten, wurde diese Kunde im 
Lande sehr verschieden aufgenommen. Die Städte 
jenseits des Spießes, also in Oberhessen, fügten 
sich mit wenigen Ausnahmen gutwillig und setzten 
der Erhebung des Ungeldes keinen Widerstand ent 
gegen. Nicht so die Städte diesseits des Spießes. 
Sowohl in Niederhessen als an der Werra erhob 
sich eine starke Opposition, und an der Spitze der
	        

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