Full text: Hessenland (27.1913)

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Wilhelm Ferdinand, dieser, 1806 im Schlosse 
zu Berlin geboren, hieß nach dem kurz zuvor ge 
fallenen Prinzen Louis Ferdinand von Preußen. 
Bemerkenswert hingegen ist das frühe Schwinden 
des welfischen Einflusses. Andere dynastische Gin- 
flüsfe fehlen in der Kasseler Linie, wo wir sie 
— Württemberg. Mecklenburg — vielleicht erwarten 
dürften, ganz. Erbvertrüge halten eben einen stärkeren 
Einfluß als bloße Familienbande. Der letzte Kur 
fürst von Hessen schloß eine Ehe, die zwar ein ge 
sundes Familienleben zur Folge hatte, aber weder 
ihm noch seinem Lande zum Segen gereichte. Er 
löste sich selbst aus allen dynastischen Beziehungen. 
In der Namengebung seiner Kinder aber klammerte 
er sich an die Traditionen seiner Familie. Er war 
gewiß kein Romantiker, aber stark durchdrungen von 
der Tradition seines Hauses. Und nach den Namen 
seiner Vorfahren nannte er ausschließlich die Kinder 
seiner Gemahlin und setzte sich dabei selbst über 
die Empfindlichkeit gegenüber der Doppelehe Philipps, 
die dessen Name immer mehr hatte schwinden lassen, 
hinweg, und ebenso ließ er den Namen Moritzens, 
des Urhebers des religiösen Zwiespaltes, wieder aus. 
leben. So klammerte er sich an die ruhmreiche 
Tradition seiner Familie. 
Die fürstlichen Frauen, die im Lande eine Rolle 
spielten, kamen von auswärts, und die im Lande ge 
borenen trugen den hessischen Namen vielfach hinaus. 
Jedoch der Einfluß, den Frauen in der Namengebung 
haben können, tritt im hessischen Fürstenhause 
nicht sehr deutlich zutage. Tatsache aber ist, daß 
die Namen der regierenden Landesmütter eine Rolle 
in der Namengebung der bürgerlichen Kreise spielen, 
und in Hessen ist zu verfolgen, wie die Namen fast 
aller Landgräfinnen über viele Generationen hinaus 
wirkten. Die Namen Christine und Sabine 
— diese mehr in der ländlichen Bevölkerung — 
Sophie. Juliane und Hedwig stammen von 
Landgräfinnen, und mit besonderer Liebe hat sich 
das Volk der in ihrer Ehre gekränkten regierenden 
Gattinnen (Christine und Auguste!) angenommen, 
und daß andererseits der Name Gertrud, der 
auswärts bereits zur Mode geworden war, sich in 
Hessen nicht durchsetzte, hatte gleichfalls seinen Grund. 
Kanzleistil und Flurnamenforschung. 
Von Dr. Wilhelm Schoos. 
(Schluß.) 
Ganz ähnlich wird eine volkstümliche Flur 
bezeichnung of der Schiarnstatt (1584) zu ..ui' der 
Schomistadt“, während der offizielle Name heute 
„ans der Scheuerstatt" lautet, ohne daß damit 
bewiesen wäre, daß die Gemarkung nach einer in 
der Nähe befindlichen Feldscheune (hessisch „Scheuer") 
oder nach einem in Bergnamen sich häufig findenden, 
nicht mehr verstandenen Bestimmungswort 8cheur, 
Scheuren benannt ist. Ebensowenig hat das im 
Odenwald gelegene Dorf Schönmattenwag etwas 
mit „schönen Matten" zu tun, vielmehr, wie die 
mundartliche Benennung Schimedewoog noch heute 
bestätigt, mit „schäumenden Wogeil", denn in alten 
Urkunden wird es als schümechten waage be 
zeichnet?) Nach diesen Darlegungen wird man auch 
gegen offizielle Benennungen wie „Schönbuche", 
mundartlich Scheboch, der schöne Rigge (1584), 
„am trüben Rain", „am süßen Baum" u. ä. mit 
Recht mißtrauisch werden, zumal wenn man weiß, 
daß aus einem „Wiesenacker" ein „wüster Acker", 
aus einem „kahlen Strauch" ein „kalterStrauch", 
aus einer „kahlen Haide" eine „kalte Haide" 2 ), aus 
einer „kahlen Hainbuche" eine „Kalte Hainbuche"^), 
’) Vgl. „Blätter s. Hess. Volksk." 1899. S. 21. 
*) Berg im Kreis Schmalkalden. 
*) 431 m hoher Berg zwischen Itzenhain nnd Sachsen 
hansen. 
aus einem „kahlen Hauk" ein „Kalter Hauk"^), aus 
einem mundartlichen deke rai n , deke struck ein 
„dicker Ra in" und „dickerStrauch" geworden ist. Die 
Katasterbeamten hielten hier neuhochd. „kahl" für 
mundartliches kääl — kalt, ebenso mundartliches dek 
im Sinne von „dichtbewachsen" für neuhochd. „dick", 
während ihnen die Bedeutung von struch „Busch 
wald" nicht minder geläufig war. 
Wenn ferner solche Beamte einen Taffeiacker 
zu einem „Teufelacker" stempeln, während es höchst 
wahrscheinlich ein harmloser Kartoffelacker ist, oder 
aus einer Steckelsliid (d. h. „steiler Abhang", 
ma. stikel — steil, noch erhalten in Bergnamen 
wie Steckeisberg) eine „Stückelslinde" (1584) 
machen, wenn sie aus einem mit Hainbuchen be 
pflanzten Hainberg einen Hahnberg und ent 
sprechend aus einer Hainliede, d. h. einem mit 
ebensolchen Bäumen bewachsenen Abhang, ein Hahn- 
lied, wenn sie aus einer ,gruonen wiese* eine 
„krumme Wiese", aus einem mundartlichen ,das 
lange weer‘, 1565 noch das lange Werde (d. h. 
eine sich länglich hinziehende Flußinsel), eine „Land- 
*) Bei Margarctenhaun. Der Berg hieß eigentlich 
Deggereshouc. Nach der Abholzung wurde der breite, 
massige Hügel „Kahles Hauk" genannt, woraus dann die 
Kartographen „Kaltes Hauk" gemacht haben. (Vgl. Haas 
in den „Fuld. Gesch.-Bl." 1911. S. 178.)
	        

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