Full text: Hessenland (27.1913)

44 
Aus Heimat und fremde. 
Hessischer Geschichtsverein. In der Sitzung 
des Marburger Vereins am 20. Januar gedachte 
der Vorsitzende zunächst der Verluste, die der Verein 
durch den Tod des Rentners Ludwig Müller und 
des Gymnasialdirektors Dr. Aly erlitten hat. Es 
folgte der Vortrag von Dr. W. Sohm: Ur 
christentum und hessischer Predigerstand 
im Reformationszeitalter. Der Vortragende 
ging von der Absicht aus, Schicksale der hessischen 
Pfarrer im Resormationszeitalter darzustellen und 
zugleich in diesen einer Wiederbelebung urchristlicher 
Gedanken über das Amt am Wort Gottes nach 
zuspüren. War doch dieses Amt am Worte Gottes das 
hervorragendste Regierungsamt unter den Gläubigen 
derUrchristenheit, und wollte doch auch der resormato- 
rische Prediger im gleichen Sinne Diener am Wort, 
Leiter der Gemeinde sein. Hier nun trat neben den 
Pfarrer des 16. Jahrhunderts in Hessen, wie allerwärts, 
die Gewalt der Obrigkeit. Prediger und Obrigkeit 
regierten gemeinsam die „Landeskirche". Nachdem 
der Vortragende ausgeführt hatte, daß der Pfarrer 
in Hessen theoretisch nach urchristlichen und lutherischen 
Gedanken zum Prediger bestellt wurde, wies er nach, 
wie obrigkeitliche Teilnahme an dieser Amtsein 
führung zu Härten führen konnte, die urchristlichem 
Empfinden widersprach. So z. B. dort, wo Hessen 
mit katholischer hoher Obrigkeit sich auseinander 
setzen mußte (Streit zwischen dem hessischen und dem 
mainzischen Amtmann bei der Psarrbesetzung zu 
Stausebach) oder wo in Hessen ein katholischer Patron 
bei katholischem Brauch bleiben wollte (die von 
Berlepsch zu Unterrieden). Auch bei der land 
läufigen Einführung des Pfarrers begleitete diesen 
ein fürstlicher Gewaltbrief und mischten sich hie und 
da andere Interessen in die religiöse Angelegenheit 
(Besetzung der Psarre Hersfeld 1565: Katholisches 
Patronat. Gemeindevorschlag betont die auf den 
Kandidaten aus dem Stadtsäckel verwendeten Kosten). 
— Im zweiten Teil ging der Vortragende aus die 
Schwierigkeiten ein, die dem Pfarrer im Gemeinde 
leben aus dem Wettbewerb mit obrigkeitlicher Stras- 
gewalt entstanden. Der Pfarrer Wendelin Knaben 
schuh zu Borken gab ein Beispiel, wie hier der 
Prediger bemüht war, kraft seines geistlichen Straf 
amtes urchristliche Sittenreinheit in der Gemeinde 
herzustellen, hierbei aber gerade auf Widerstand 
des Schultheißen stoßen mußte. Der landgräfliche 
Beamte versagte dem theologischen Ideal seinen 
Dienst. Nicht viel besser ging es dem Pfarrer zu 
Homberg (Wendelin Engel), der zu lebhaftem Protest 
gegen die weltfrohe Obrigkeit getrieben wurde. Andere 
Fälle aus Allendors und Echzell rnndeten das Bild 
ab. — Trotz solchen Schwierigkeiten glaubte der 
Vortragende nicht eine billige Kritik an der hessischen 
Landeskirche üben zu dürfen. Einmal bemühte gerade 
sie sich vor allem anderen. Geistliches und Weltliches 
nach Möglichkeit zu trennen, dann aber fand, nicht 
anders als auch in anderen Territorien, die Refor 
mation in Hessen ein durch Armut bedrücktes und 
durch Unbildung ungeeignetes Psarrmaterial vor, 
— Zustände, die während der ersten Jahrzehnte 
andauerten und ebenso, wie die spätere (rationale) 
humanistische Bildung des neuen Theologenstandes 
urchristlichem Geist schaden mußten. — Dem Vor 
tragenden dankte der Vorsitzende Archivrat Dr. Ros en- 
f e l d herzlich für seine feinsinnigen, gedankenreichen 
Ausführungen. Die von ihm ausgesprochene Er 
wartung, daß aus dem Kreise der anwesenden Sach 
verständigen eine Aussprache über die angeregten 
Gedankenreihen erfolgen werde, erfüllte sich in reichem 
Maße. Generalsuperintendent Werner ging zu 
nächst aus die urchristliche Ordination näher ein. 
um hier vor allzu raschen Schlüssen zu warnen, 
er sah sowohl in der Prüfung der zum Amt zu 
Berufenden aus Lehre und Wandel, wie auch in der 
möglichsten Einschränkung landesherrlichen Kirchen 
regiments das Bemühen, in Hessen frühchristlichen 
Zuständen möglichst nahezukommen. Eine stärkere 
Selbständigkeit des hessischen Volkes gegenüber der 
obrigkeitlichen Reformation wurde in Abrede gestellt. 
Anregende Bemerkungen und Ergänzungen brachten 
Pfarrer Balzer, Pfarrer Naumann, Pros. Wenck, 
Archivassistent Schultze, Landgerichtsrat Heer. Ein 
gehendere bezügliche Erörterungen, die sich sowohl 
aus das Urchristentum als auf Mittelalter und 
Reformation erstreckten und ihm zu mancherlei Frage 
stellungen Anlaß boten, gab Professor Böhmer. In 
seinem Schlußworte glaubte Dr. Sohm seine Auf 
fassung vom urchristlichen Amt am Wort aufrecht 
erhalten zu können, er dankte insbesondere General- 
superintendenten Werner für die von ihm beige 
steuerten Ergänzungen und beantwortete die von 
verschiedenen Seiten aufgeworfenen Fragen. 
Über „Namengebung in deutschen Fürsten 
höfen mit besonderer Berücksichtigung des 
hessischen Fürstenhauses" sprach in der sehr 
gut besuchten Monatsversammlung des Kasseler 
Vereins am 20. Januar Geheimrat Professor Dr. 
EdwardSchrödervonder Universität Göttingen. 
Wir werden auf den aufschlußreichen Vortrag in 
nächster Nummer noch zurückkommen. 
Marburger Hochschul Nachrichten. Die 
diesjährige Tagung der Deutschen Pathologischen 
Gesellschaft findet vom 31. März bis 2. April hier 
in Marburg statt. — Der Ausschuß der Studenten
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.