Full text: Hessenland (27.1913)

URL. 34 
So läßt sich an der Hand der mundartlichen 
und offiziellen Namensformen manch interessantes 
Bild von der Geschichte eines Namens entwerfen. 
Dabont sua fata nominal 
Obgleich die methodische Erforschung der Orts 
namen neben genauster Kenntnis der urkundlichen 
Quellen die mundartlichen Überlieferungen nicht 
entbehren kann, so ist sie im übrigen doch besser 
daran als die Flurnamensorschung. Denn wäh 
rend hier die amtlichen Benennungen in der Regel 
meist jüngeren Datums sind und die Kataster- 
nnd Flurbücher selten über das 16. Jahrhundert 
hinausreichen, ältere urkundliche Quellen aber nicht 
immer erreichbar sind, steht zur Delltung von Orts 
namen, namentlich bei älteren Gründungen, oft 
reiches Urkundenmaterial zur Verfügung, das nicht 
selten bis ins 8. oder 9. Jahrhundert hinaufreicht 
und uns mit Hülfe der mundartlichen Überliefe 
rung eine sichere Deutung ermöglicht. Sind also 
die amtlichen Benennungen aus dem 16.— 18.Jahr- 
hundert für die Erforschung der Ortsnamen leicht 
zu entbehren, ja oft nur irreführend, solange wir 
ältere Urkunden und die Überlieferungen der Volks 
sprache besitzen, so sind wir andererseits auf die 
mehr oder minder „verhochdeutschten" amtlichen Be 
nennungen der Flurnamen in Ermangelllng von 
etwas Besserem geradezu angewiesen. Hier kommt 
uns nun eine eingehende Kenntnis der Mundart 
zu Hülfe und führt uns oft der widersinnigen 
amtlichen Auslegung zum Trotz unerwartet rasch 
zum Ziel. 
Diesen Unterschied in der Methode der Namen 
forschung näher zu erläutern, mögen einige Bei 
spiele herhalten. Wenn wir unter den überlieferten 
Namensformen für Notwesten (Landkreis Kassel) 
1585 Uotwursttzn und 1778 gar Rotbwür8tsn 
finden, so ist man im ersten Augenblick geneigt, 
an wirkliche Rotwürste zu denken, bis uns die ältere 
Form Uuäevvarcki88in bald an einen Uuoäwart, 
nhd. Robert, als vermutlichen Gründer des Ortes 
erinnert. Ähnlich geht es uns, wenn wir die von 
Engelhard (Erdbeschreibung der Hessen-Kasselschen 
Lande, 1778) erwähnte Form Confugium für 
Oberkaufungen mit der älteren Coffungen, wenn 
wir die Form Hauobebuie (— Hoheburg!), für 
Hachborn mit der älteren Form Daveebeburnen 
(— Habichtsborn), wenn wir die Schreibung 
HaunerZpiegsI für Hermannsspiegel in der Stifts- 
karte von Hersfeld mit der,ältesten mir erreichbaren 
Form Zum Hemmensbiegel (biegel — nhd. 
Bühel) oder wenn wir die Schreibung Amöne 
burg*) mit dem ältesten urkundlichen Beleg Amana- 
burg (— die Burg an der Ohm) vergleichen. Selbst 
*) Diese Art von Umdeutung gehört zum Kapitel der 
„Schönberge' die weiter unten besprochen werden. 
wenn uns die älteren Schreibungen hier fehlten, 
nlüßten uns die volkstümlichen Überlieferungen wie 
Ilamsrsebbiisl, Oornsnsborb, Haebsbou usw. gegen 
die von den Kanzleien oder Klöstern beliebten 
Deutungsversuche mißtrauisch machen. Jedenfalls 
sind diese Beispiele nicht unwichtige Zeugnisse (und 
wir könnten deren noch viele anführen) für die von 
den Kanzleien oder Klöstern oft geübte Willkür, 
alte überlieferte Namen nach ihrem Belieben umzu 
ändern, wenn sie ihnen aus irgend einem Grunde 
nicht genehm waren. Mit Recht wird dieser Miß 
brauch in der Zeitschrift für die Geschichte des Ober 
rheins, N. F. III, 336 mit den Worten gekenn 
zeichnet „Von jeher waren es die Kanzleien, welche 
die Macht ausübten, Namen emporzubringen oder 
zu mißhandeln oder ganz abzuwürgen. Für den 
Sprachkenner haben sie dabei selten etwas Erfreu 
liches geleistet." Vgl. auch Fuld. Gesch.-B. 1912, 
S. 13, Anm. 1. 
Noch schlimmer sieht es hier auf dem Gebiet 
der Flur- oder Gemarkungsnamen aus. Daher 
stößt deren Erforschung unbedingt auf viel mehr 
Schwierigkeiten wie die der Ortsnamen, Schwierig 
keiten, die oft jeder Deutung spotten trotz guter 
Vertrautheit mit der Volkssprache, besonders dann, 
wenn neben der „gelehrten Neubildung" von Wör 
tern, wie Wundt sagt, eine „volkstümliche Neu 
bildung" einhergeht, d. h. wenn ein Name von 
Volk und Behörde zugleich nicht mehr verstanden 
wurde und wiederholt verändert oder besser gesagt 
verstümmelt worden ist. 
Die meisten hier folgenden Beispiele entnehme 
ich der äußerst anregenden Schrift „die Schlitzer 
Flurnamen", gesammelt von Wilhelm Hotz, die 
bisher nur zum Teil, als Werbeschrift und mit 
einer Einleitung von Dr. Dietrich versehen, ver 
öffentlicht worden ist (Darmstadt 1910) und die 
bald vollständig, etwa 10 Bogen stark, vorliegen 
wird. Dank dem Entgegenkommen des Herrn Archiv 
direktors Di' Dieterich sind mir die bisher noch 
unveröffentlichten Bogen zugänglich gemacht worden. 
Zwei interessante Beispiele von amtlicher Um 
deutung führt Dietrich selbst in der Einleitung 
S. 31 an: Schönberg und Haidgraben. Aus dem 
„Schindberg" der Urkunden, dem 8ebengbäk der 
Mundart hat der moderne Landmeffer einen „Schön 
berg" gemacht, ohne zu ahnen, daß hier seit alter 
Zeit die Schinderstätte war, an der das gefallene 
Vieh eingescharrt wurde. Er verwechselte hier 
mundartliches schiin „schön" mit dem schriftsprach 
lichen Wort 8ebinät. Ähnlich wurde eine Sobiuät- 
wiese zu einer „schönen Wiese", ein Lobeng- 
meobslggraäwo der Mundart zu einem „Schön 
michelsgraben", ein Schenrai der Mundart zu einem 
8ebönrain, ein 8ebengab der Mundart zu einem
	        

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