Full text: Hessenland (27.1913)

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leiche in eine kulturgeschichtlich interessante Zeit 
zurück, eine Zeit, als unsere Vorfahren noch ein 
halb nomadisches Hirtenleben mit ausgedehnten 
Weideplätzen und Viehburgen auf dem Kamme der 
Berge führten, als der Ackerbau bei weitem noch 
nicht die Bedeutung hatte, die er heute in unserer 
Kultur einnimmt. Daß es eine Zeit gegeben hat, 
in der die Weidewirtschaft die Hauptbetätigung 
unserer Vorfahren bildete, davon zeugen in sprechen 
der Weise die alten, vielfach mißverstandenen Wald- 
und Flurnamen. Es bleibt eine wichtige, bisher 
noch ungelöste Aufgabe, an der Hand dieser alten 
Namen einmal eine erschöpfende Geschichte dieser 
Knlturperiode zu liefern. 
Alle Straßen int Fürstentum Fulda. 
Mit dem am 5. März d. I. der Erde übergebenen Dechanten 
Julius Wiegand zu Johannesberg starb, wie das ,Ful- 
daer Kreisblatt* f. Z. berichtete, auch der Bater des Ge 
dankens zur Wiederherstellung der direkten Straßenverbin- 
dung zwischen Fulda und JohanneSberg. Dieser Ort war 
einst eine der größten Propsteien deS Fürstentums Fulda 
und mittelst einer breiten, gerade und eben dahin führenden 
Pappelallee mit der Restdenzstadt verbunden. Heute noch 
steht man die großartige Anlage dieser Straße durch den 
GraSwuchS hindurchschimmern, aber die wachsenden Forde 
rungen des Verkehr« und das durch die veränderten Befitz- 
verhältniste geschwundene Interesse setzten dieses so nahe 
und bequeme Verbindungsmittel in den Ruhestand. 
CS gibt noch so viele alte historische Straßen und Wege- 
Verbindungen im alten Fürstentum Fulda, die dem Wanderer 
mitten in der Waldeinsamkeit aufstoßen. daß eS ein lohnendes 
und sehr interessantes Unternehmen wäre, diese alten Ver 
hältnisse wieder einmal aufzudecken. In den meisten Fällen 
find eS Zustreckewege, die von den Landleutrn, Handwerkern 
und Zigeunern heute noch benutzt werden. 
So lief der Weg durch die Johannisaue in der Richtung 
nach Harmerz über die alte Frankfurt-Leipzigerstraße 
weiter, ging unterhalb der Anhöhe bei Bronnzell durch 
die Furt, die auS der Geschichte deS hl. Sturmius bekannt 
ist. Dort kam der Ritter hindurch, der dem frommen 
Manne den Weg nach dem AnfiedelungSplatze für das 
Kloster Fulda zeigte. Er war auf dem sog. Rennweg von 
Gelnhausen nach der Saalburg (bet Neustadt a. d. fränk. 
Saale), also ein MeldungSreiter zwischen dem Kaiser 
Barbarossa und seiner Gemahlin Gela, die ihr Schloß zu 
Gelnhausen hatte. 
Von dieser Furt ging der Weg weiter in der Richtung 
nach EngrlhelmS und da, wo hinter dem Brückchen der 
Bildstock steht, geradewegs nach dem früher noch kleinen 
Jagdschloß AdolfSeck. Eine direkte Verbindung von AdolfS- 
rck nach dem DammrrSfeld, wo im Sommer das fürstliche 
Vieh weidete, läßt sich wohl schwieriger erkennen, aber die 
Allee zwischen Adolfseck und dem fürstlichen Jagdschloß 
im Thiergarten, das auf der jetzigen Fohlenweide übîr 
den Teichen stand, wo jetzt noch der mit Ziegeln über- 
deckte Keller sich befindet, ist besonders in den Waldungen 
noch deutlich erkennbar. 
Eine sehr breit angelegte Straße ist die in der Nähe 
von Hrubach und an anderen Orten noch gut erhaltene 
„Weinstraße" Dies war der geradeste Weg von Hammel 
burg. dem fürstlichen Weinlande, nach Fulda. Es wurde 
auf ihr manch schweres Fuder guten Frankenweins nach 
den fürstlichen Weinkellern in Fulda verfrachtet. 
In der Nähe der Stadt steht man noch, trotz der Ver 
koppelung und neuen Straßenanlagen, den sog. alten 
Fuhrmannsweg liegen, der bei der Krähmühle vorüber 
nach der Klapperpfütze über den Petersberg nach Stöckels. 
Almendorf, Steinhaus, Steinau über den Berg nach 
Dammersbach und von da nach Vacha und Leipzig führte. 
ES wird sich schon mancher Wanderer über das Quader- 
Pflaster auf dem einsamen Waldweg zwischen Steinau und 
Dammersbach gewundert haben, aber die schweren Frachten 
von damals forderten eine gute Unterlage. Ein in letzter 
Zeit vielgenannter Weg ist die sog. Zigrunerstraße von 
Kämmerzell Niefig nach der Obrrförsterei Thiergarten und 
von da nach Franken und Thüringen. Wahrscheinlich war 
dies ein alter Handel«- und Kriegspfad zur Verbindung 
von Oberheffen mit den süddeutschen Staaten. 
So manches Interessante wird durch ein Studium der 
alten VerkehrSverhältniffe gefunden, und auch Bauwerke 
und Landstriche, über deren Lage man im Unklaren ist. 
können auf diese Weise wieder erkannt werden. 
E. K. 
Stegmanns Disputation mit den Benediktinern. 
Bon Pfarrer Wilhelm Schuster. 
Die Benediktiner trachteten die Privilegien der 
Universität Rinteln an sich zu bringen. „In dieser 
Absicht suchten sie 1630 bei dem Kaiser ans dem 
Konvent zit Regenspurg nach, man möchte den 
Lutheranern zu Rinteln die Utliversitätsprivilegien 
nehmeil und ihnen geben oder ihnen, ben Benedik 
tinern, ganz neue erteilen, oder doch wenigstens 
in der Theologischen und Philosophischen Fakultät 
Stellen anweisen. Ob sie nun wohl mit diesem 
ihren: Suchen nichts weiter bei dem Kaiser er-
	        

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