Full text: Hessenland (27.1913)

S««L, 393 N»«L» 
Schutz unseren Bäumen. 
Ein Beitrag zum Kapitel „Heimatschutz" von Wilhelm Pieper 
Das deutsche Gemüt. Wie ein goldenes warmes 
Sonnenflimmern seh ich's durch die Lande ziehen. 
Und das Erdenfleckchen ist gesegnet, das sein 
Himmelslicht im Vorüberhuschen flüchtig küßt. 
Gedichte und Lieder sprießen blutfarbigen Blumen 
gleich und alle Schönheit wird groß und alles 
Gute. Wie ein Rätsel steht es vor der Forschung. 
Geht man indes seinem Ursprung nach, dann wird 
offenbar, daß dieses Edelweiß nur im Rahmen der 
heimischen Flur, des heimischen Stadtbildes ge 
deihen konnte. In den spitzen Giebel- und Turm 
nischen der deutschen Stadt, in der dämmervollen 
Stille uralter Gotteshäuser, in den efeuüberwucher 
ten Sagenschätzen altersgrauer Burgen klammern 
seine Wurzeln. Sein Duft atmet in den knor 
rigen Linden am Brunnen, in den sturmzerzausten 
Buchen und Ulmen der Kreuze am Wege und es 
webt und glitzert in den sprühenden Wasserstäub 
chen des rauschenden Mühlbachs. Und dann schreitet 
es, selbst ein Märchen, auf goldenen Schuhen 
durch märchendunkle und märchenstille deutsche 
Wälder, durch versonnen träumendes Heideland. 
Und dann rauschen die Wipfel das ewig alte 
und ewig neue Lied von deutscher Waldesherrlich 
keit, und die Blumen leuchten heller und duften 
schöner, und ein Singen und Klingen zieht mit 
ihm. 
So ist das deutsche Stadtbild, die deutsche Land 
schaft eine Trägerin des deutschen Gemütes. In 
unserer Jetztzeit der nüchternen Erwägungen, die 
rücksichtslos über ideelle Werte hinwegschreitet, muß 
diese Tatsache unserm Volk immer nachdrücklicher, 
immer eindringlicher in Erinnerung zurückgerufen 
werden. Eine Volksparole muß das „Schutz der 
Heimat" werden, jeder Einzelne soll ein Apostel 
der Heimatschutzmission sein. Darum haben die 
Heimatschutzfreunde ihre Wünsche zu einem duf 
tigen Blumenstrauß vereint und stellen ihn als 
Morgengabe auf den Tisch eines jeden deutschen 
Hauses. Lichtblau, wie ein Himmelsauge, steht 
bescheiden versteckt unter jener Blumenfülle ein 
zartes Vergißmeinnicht. „Vergesset die Bäume 
unserer Heimat nicht" bittet es. Ich sehe Euch 
ungläubig lächeln' „Wozu denn Baumschutz, wo 
doch Nachwuchs in Fülle vorhanden ist." Begleitet 
mich ein Weilchen durchs sonnige Land und Ihr 
werdet Euch von der Berechtigung des Rufes nach 
Baumschutz überzeugt haben. Seht die Felder dort. 
Wo blieben die Ahornbäume, die Eschen und Buchen, 
die als Landmarken den Rain begrenzen müßten' 
Sie gaben Euch Hoffnung und Kraft, wenn der 
Frühlingssturm über die Felder brauste, sie 
gaben Euch Schatten im Sommer, brachten Leben 
und Poesie in das Landschaftsbild, und ihr Rauschen 
kündete in des Spätsommers schwerem Fruchtsegen 
die Allmacht des Schöpfers. Und kam dann der 
Herbst, dann zog es wie ein Jauchzen und Leuchten 
durch die Flur, und wie auf vollen starken Armen 
trugen Äste und Zweige seiner Farbenglut satte 
Schönheit. Die Ahornbäume, die Eschen und 
Buchen sind verschwunden, und öde und tot ist 
jetzt die Landschaft. Schaut hier die Wegekreuzung' 
Wo blieben die prächtigen Ulmen? Und dort das 
Bächlein im Wiesengrund, was geschah mit den 
Pappeln, die das Ufer säumten? Ich höre es noch 
im Geiste, ihr immerwährendes Raunen und Flü 
stern, das Hohelied der Gottesnatur. — Nun ist 
es verstummt. Krämergeist und engherzige Ge 
winnsucht rissen mit roher Hand nieder, was herr 
lich und edel in Eurer Flur war, und mit den 
niederbrechenden Stämmen ging ein gut Teil 
Heimatliebe. Da drüben, links ab von der Land 
straße liegt behäbig und breit ein geräumiger 
Bauernhof. Die wetten Dächer und langen Stall 
gebäude künden von Wohlhabenheit, aber ver 
gebens sucht das Auge nach den trutzigen Wächtern 
an des Hofes Saum. Was deutsche Großväter 
und ihre Vorfahren weit zurück, getreu einer 
schönen deutschen Sitte, schufen, den grünen Kranz 
von Eichen und Linden rings um das Gehöft, das 
haben ihre Enkel mit Axt und Säge vernichtet. 
Das Wiegenlied der Generationen, das der nächtliche. 
Wind in ihren gewaltigen Kronen saug, ist verklun 
gen. Die wetterharten grünen Riesen breiten nicht 
mehr ihre schützenden Arme über die tiefen Dächer, 
und über die Giebel hinweg schaut mit starrem 
Auge die Ode. Raub am Heimatgut, schweren 
Frevel an deutscher Art beging die Hand, die die 
Axt an die Wurzel der Stämme legte. Die Nach 
kommenschaft wird ihr dafür keinen Dank wissen. 
Aber diese darf nicht die Hände in den Schoß legen 
und beklagen, was Unverstand und Einfalt zer 
störte. Forstet die Haine wieder auf, pflanzt wieder 
Buchen, Eichen und Ulmen rings um das Haus, 
stellt eine Linde vor die Türe, denn dieser Ehren 
platz gebührt ihr. Sie ist der Hort des deutschen 
Gemüts, der Schutzgeist germanischer Art. Du 
Königin Linde, du Märchenbaum in deutscher Flur' 
Deutsche Dichtung und deutsches Lied haben dir 
wundersame Blütenkränze gewoben. Mit Blüten 
kränzen behängen ist dein Stamm, mit duftenden 
Blüten übersät sind deine Zweige, Blüten, die 
nimmer welken. Und wer dein Bild mitnimmt in 
die Fremde hinaus, um den ist es geschehen. Die 
Sehnsucht zieht mit ihm, das Heimweh nach deutscher 
Erde. Keine Freude fesselt ihn und kein Glück. 
Bei Tag rufst du ihn und bei Nacht, bis er zurück 
gekehrt ist zu dir. 
„Schutz den Bäumen'" Man sollte das schon 
der Jugend zu bedenken geben. Jeder Baum ist 
ein Lebewesen der Natur. Wird seine Rinde zer 
schnitten, ist seineLebenskraft geschwächt, sein Wachs 
tum unterbunden. Er verblutet. Wie die Tiere, 
so haben auch die Bäume ein Anrecht auf Schutz. 
Dann aber vor allen Dingen ist ein schön gewach 
sener Baum ein Kunstwerk. Vernichtet man ein
	        

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