Full text: Hessenland (27.1913)

9mb 392 SML, 
Marienborn, Kreis Mainz 51 52 * * 55 * 59 * ), wo jetzt ein wunder 
tätiges Marienbild diese Wirkung hervorbringt, 
vielleicht auch dem alten wundertätigen Brunnen 
am ehemaligen Cyriakusstifte zu Neuhausen, einem 
Stadtteil von Worms^) und dem St. Juliansborn 
zu Guntersblum, Kreis Oppenheim. 33 ) 
Wenn nach dem Bisherigen die „Kinderseelen" 
in der Luft und im Wasser eine Art Vorleben 
führen, so müssen sie hier in Beziehung treten zu 
den „Totenseelen", denen ja der Volksglaube eben 
da eine Art Nachleben zuweist. Und gehen wir, 
was hier zulässig, auf die nordischen Quellen zu 
rück und finden, daß diese von einer ganzen Reihe 
wiedergeborener Totenseelen zu künden wissen 34 ), 
so mögen wir füglich zweifeln, ob nicht im Glauben 
unsrer Vorfahren letztlich Toten- und Kinderseelen 
dasselbe waren, d. h. ob nicht alle Totenseelen 
im Luft- und Wasserreich ihrer etwaigen Wieder 
geburt harrten. Lassen doch die Sagen zur Zeit 
des großen Seelenfestes in den Zwölfnächten neben 
den Totenseelen auch die Seelen der ungeborenen 
Kinder im Sturm durch die Lüfte fahren. Beide 
Seelengruppen sind dabei anfangs führerlos. Die 
schaffende Phantasie empfindet aber begreiflicher 
maßen bald das Bedürfnis, diesem Mangel ab 
zuhelfen, ihnen einen Führer zu setzen. Unter 
den Führern bzw. Führerinnen des „wütenden 
Heeres" erscheint im deutschen Volksglauben des 
späten Mittelalters und der Gegenwart, im be 
sonderen in Mitteldeutschland, eine „Frau Holda 
oder Holle" Als Herrin des Seelenvolkes, mit 
dem sie im Hörselberg bei Eisenach, im Kyfshäuser, 
in» Unterberg bei Hasloch am Main, vor allem 
aber im König der hessischen Berge, im Meißner, 
haust, verwahrt sie auch die Kinderseelen, die von 
ihr den gebärenden Menschenweibern zukommen. 33 ) 
Sie verleiht ferner Eheglück und macht die Frauen 
gesund und fruchtbar 3 «), sie steht Wöchnerinnen 
bei und trocknet ihnen die Windeln. 3 ?) 
Wer ist letztlich diese „Kindermutter", die sich 
„Frau Holle" nennt? Die älteren Forscher und, 
ihnen folgend, auch die Bearbeiter der „Hessischen 
Volkskunde" (Band II der Hessischen Landes- und 
51 ) W. Hoffmann, „Beiträge zur Volkskunde Rhein 
hessens" in Hessische Blätter f. Volkskunde XI, S. 7. 
52) wie 51 (daß N. ein Teil von W. ist, ent 
nehme ich Meyers Ortslexikon des D. R. II). 
50) wie 51. 
54 ) s. die interessanten Belege bei Mogk S. 29. 
55) Lynker S. 17 und 18. 
5 s> ) Lynker S. 47. 
5?) Kühn, Sagen aus Westfalen II, 4. 
Volkskunde, herausgegeben von C. Heßler), soweit 
letztere überhaupt die Frage berühren5»), sehen in 
ihr die Personifikation alter germanischer Gott 
heiten (der Freia, Fria, „Hulda" u. a.). Diese 
Auffassung, obgleich durch die gewaltige Autorität 
eines Jacob Grimm geschirmt, läßt sich nicht 
mehr halten. Die für sie angeführten Belege sind 
jetzt zum Teil als unverläßlich, zum Teil sogar 
als falsch erwiesen. 3 «) Was zunächst den Namen 
Holda oder Holle angeht, so weist dieser hin auf 
hold, Mehrzahl holden, das schon frühzeitig — 
neben dem älteren unhold — die elbischen Wesen, 
aber auch««) die Seelen Verstorbener bezeichnet. 
Hold, lveibliche Form holda (bei Bischof Burchard 
von Worms, Dekrete als Akk. holdam 61 62 * ) gehört 
etymologisch zum ahd. helan, „verbergen" «2) und 
berührt sich so mit dem an. hei, unsrem „Hölle" 
Die Holden wären danach die im Verborgenen 
ihr Wesen Treibenden, die Unterirdischen. Aus 
der Schar dieser Holden, der Gesamtheit der Seelen 
und Elben, hat dann die schaffende Volksphantasie, 
zum Teil unter dem Einfluß fremden Volks 
glaubens, mindestens aber erst in später, vielleicht 
sogar erst in christlicher Zeit, eine Führerin heraus 
gestaltet und ihr den Namen der Gesamtgattung 
als Eigennamen beigelegt. Einmal so weit ent 
wickelt, konnte diese dann im Bewußtsein des 
Volkes mählich die von ihr geführten Artgenossen 
zurückdrängen und sich zur Frau Holda oder Holle 
unsrer Märchen und Sagen fortbilden.« 3 .) 
Waldeckische Kinderbrunnen. 
Der Lindenborn bei Sengefelb 64 65 66 ); der Kamer- 
born am Widdehagen bei Rhena« 3 ); der Glocken 
born zu Twiste.««) 
5«) z. B. S. 608, 616, 619. 
59) Man vergl. Mannhardt, Antike Wald- und Feld 
kulte. Vorwort S. XIII und Fr. Kauffmann in Paul 
und Braune, Beiträge zur Gesch. d. deutschen Sprache 
und Literatur XVIII, 145 ff. 
GO) so bei Kuhn, Westfälische Sagen II, 124 und in 
nordischen Sagen s. Mogk S. 49. 
Gi) s. Grimm, Myth. 4 III, 404 ff. und Paul und 
Braune, Beiträge usw. XVIII, 150. 
62) bedeutet also nicht, wie Adolf Wuttke, der deutsche 
Bolksaberglaube der Gegenwart 3 S. 26 meint, „die 
Freundliche". 
« 3 ) vgl. Mogk. S. 49/50. 
64 ) L. Curtze, Bolksüberlieferungen aus dem Fürstent. 
Waldeck 1860 S. 196. 
65) Curtze S. 197. 
66) Curtze S. 197.
	        
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