Full text: Hessenland (27.1913)

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Grade behauptete. Sie gingen in dieser Hinsicht 
sogar noch über unsere Antimaterialisten hinaus, 
insofern sie der Seele nicht nur sür die Dauer 
ihrer Verbindung mit dem Leibe ein selbständiges 
Sein zuschrieben, sondern sogar eine Art Vorleben 
bei ihr annahmen. Die Seele fährt, bevor sie 
in geheimnisvoller Weise in den Menschenleib ein 
tritt, nach gemeingermanischem Glauben in Ge 
stalt von Motten, Vögeln und anderen Fliegern 
durch die Lust 4 ), vor allem aber haust sie in 
den Quellen. Wenn also die Ammenrede unsrer 
Tage will, daß die Kinderseelen aus den Brunnen 
und Teichen kommen, so ist das doch wohl mehr 
als Gerede, es ist ein Nachhall altheiligen Glaubens 
unsrer germanisch-hessischen Ahnen * 2 ). Ich bin so 
nach schon aus allgemeinen Gründen geneigt, Ge 
org Landau 3 4 * ) recht zu geben, wenn er für jeden 
hessischen Ort einen Kinder spendenden Brunnen 
oder Teich annimmt. Derselben Ansicht wie Landau 
ist offenbar Karl Lynker, wenn er schreibt „daß 
die neugeborenen Kinder aus einem Brunnen oder 
Teiche hervorgehen, hört man überall in Hessen." 4 ) 
Ebenso schreibt Pfarrer Wilhelm Oeser zu Lind 
heim i. Wetterau (als hessischer Volksschriftsteller 
unter dem Decknamen W. O. Glaubrecht weit be 
kannt und mit Recht hochgeschätzt) an den Sagen- 
sorscher I. W. Wolf „In allen Dörfern meiner 
Umgebung ist der Ort, woher die Kinder kommen, 
ein Brünulein. In vielen heißt er kurzweg der 
Kindsbrunnen und wird unter den vorhandenen 
Quellen in dem Ort oder um denselben nament 
lich gezeigt." 3 ) 
Für die Annahme, daß in ältester Zeit jeder 
hessische Ort einen „Kinderbrunnen" besaß, spricht 
aber außer Gründen allgemeiner Auffassung und 
allgemeiner Angaben noch ein besonderer Grund, 
nämlich der, daß sür Hessen, vom weiteren deut 
schen Vaterland hier absehend, eine verhältnismäßig 
stattliche Zahl bestimmter Orte mit bestimmten 
„Kinderbrunnen" namhaft gemacht werden können. 
Bei einigen werden bemerkenswerte nähere An 
gaben hinzugefügt. So fließt der Milchborn unter 
1) Eugen Mogk, (Germanische Mythologie 2 , S. 29 
2 ) So Mannhardt in Germanische Mythen S. 255 sf. 
Dagegen läßt es der so überaus vorsichtige Mogk dahin 
gestellt, „ob die über das ganze germanische Gebiet 
verbreitete Ammenrede, daß die kleinen Kinder aus 
Brunnen oder Teichen geholt werden, auf altem Glauben 
beruht oder erst späteren Ursprungs ist" (Germanische 
Mythologie S. 29 u.) 
3 ) „Gebräuche, Aberglauben und Sagen aus Hes 
sen" in Zeitschr. f. Hess. Geschichte und Landeskunde 
II, 272, neu abgedruckt in den Tourist. Mitteilungen 
l900, S. 107, 
4 ) Deutsche Sagen und Sitten in hessischen Gauen 2 , 
Nr. 117. 
3 ) I. W. Wolf, Hessische Sagen Nr. 217 Anmerkung. 
halb des Birsteiner Schloßberges, lvo der Weg nach 
Sotzbach führt, aus drei Röhren. Aus der dicken 
kommen die Buben, aus den beiden dünneren die 
Mädchen. „Wenn man das Ohr aus den Boden 
legt, hört man die Kinder im Wasser patscheln." 3 ) 
Ebenso soll man, wenn es in der Nacht recht 
still ist, im Hirzborn zu Betzenrod und im Herr 
gottsborn bei Großendorf „die noch nicht geborenen 
Kinder ganz deutlich im Born schreien hören" 4 ), 
und im Pfingstborn zu Landenhausen kann man 
tvenigstens, „wenn oben das Wasser sich kräuselt 
und man genau darauf acht hat", sehen, „wie die 
kleinen Kinder aus dem Grunde des Borns herum 
krabbeln." 3 ) 
Im Nachstehenden soll der Versuch unternommen 
sein, die bis jetzt als „Kinderbrunnen" namhaft 
gemachten Quellen planmäßig zusammenzustellen. 
Selbstredend würde es zu Dank vermerkt werden, 
wenn kundige Leser des „Hessenlandes" sich dazu 
herbeilassen wollten, das gegebene Verzeichnis zu 
vermehren?! 
Hessische „Kinderbrunnen-. 
I. In Rheinhessen 
Das Brunnenstübchen bei Westhofen, Kreis 
Worms 4 "), das Brünnchen im Balkhäuser Tal 
ber Jugenheim, Kreis Bingen 44 ); zwischen Nier 
stein und Schwabsburg, Kreis Oppenheim. 42 ) 
II. In Starkenburg 
Das Brunnenkellerchen in Eberstadt, Kreis 
Darmstadt 43 ); der Ziehbrunnen in der Hasengasse 
zu Bensheim a. Bergstraße 44 ); die drei Brunnen, 
auch Milchbrunnen oder Kinderbrunnen genannt, 
bei Darmstadt nach Reinheim zu. 43 ) 
III. In Oberhessen 
Der Hirzborn in Betzenrod, Kreis Schotten 43 ); 
der Pfingstborn bei Landenhausen, Kreis Lauter- 
3 ) Theodor Bindewald, Oberhessisches Sagenbuch S. 28. 
4 ) Bindewald S. 28/29. 
8 ) Bindewald S. 29. 
9 ) Anschrift des Verfassers. Kassel-W. Geysostr. 181. 
4 ") W. Hoffmann, „Beiträge zur Volkskunde Rhein 
hessens" in Hessische Blätter für Volkskunde X, 39. 
44 ) Wolf Nr. 17, 
42 ) „Zwischen Nierstein und Schwabsburg steht am 
Wege eine große schöne Linde, bei der ehemals ein 
Kapellchen gestanden haben soll. Da holen die Frauen 
aus der ganzen Gegend die Kinder. Wenn man das 
Ohr an die àde legt, hört man, wie die Kleinen 
unter der Erde jubeln und schreien. Andere sagen, man 
höre einen Brunnen in der Erde rauschen." (Wolf 
Nr. 15.) 
r») Wolf Nr. 211, 
44 ) Wolf Nr. 17, womit zu vergl. Nr. 15 und 16. 
43 ) Wolf Nr. 17. 
43 ) Bindewald S. 28.
	        
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