Full text: Hessenland (27.1913)

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Die Mutter schüttelte traurig den Kopf: „Der 
Lorenz baut sich kein Häuschen, mein Junge." 
Sie neigte sich zu mir und lttlßte mich. 
„Doch, Mutter, doch, er will ja Zimmermann 
werden. Einen Farbenkasten muß es mir bringen." 
„Das wird es wohl schon", tröstete sie und 
ging hinaus. 
Ich folgte ihr auf dem Fuße in die Küche. 
Das Trinchen war in einem Eifer beim Spülen 
der Steinplatten. Hoch vom Zinnbrett lachten in 
langer Reihe blitzblank gescheuerte Näpfe und 
Schüsseln mit strahlenden Festtagsgesichtern. Ich 
ging der Mutter nicht vom Rock. „Mutter, Mutter, 
sieh nur, es wird richtig finster!" — 
„Trinchen, reich ihm nur den großen Napf da 
herunter." 
Damit zog ich nun davon so stolz und froh, als 
sollte ich ein Königreich in Besitz nehmen. Durch 
Gang und Stube jubelte ich in die Kammer, wo 
die Ettern schliefen. 
Auf den Tisch in der Ecke stülpte ich feierlich 
den Napf, lief hinaus, um auf den Zehen sogleich 
noch einmal umzukehren. Ich war nicht mehr 
ganz sicher, ob ich dm Napf auch wirklich um 
gestülpt hatte, dmn nur in die gestülptm Näpfe 
legte das Christkind über Nacht feine Gaben. 
(Schluß folgt.) 
Aus Heimat und fremde. 
Hessischer 'G e s ch i ch t s v e r e i n. In der 
Kasseler Monatsversammlung am 17. Novem 
ber fand zunächst die Neuwahl eines Mitgliedes 
des Redaktionsausschusses an Stelle des ausschei 
denden Bibliotheksdirektors Pros. vr. Stein 
haufen statt. Auf Vorschlag des stellvertretenden 
Vorsitzenden, Rechnungsdirektor W o r i n g e r , 
wurde Landesbibliothekar vr. Hopf einstimmig 
gewählt. Herr vr. Hopf hielt sodann einen glän 
zenden Vortrag über „Feldmarschall Fürst Wrede 
und die Schlacht bei Hanau", über den wir an 
anderer Stelle dieses Heftes berichten. 
Die Jahrhundertfeier des Marburger Ver 
eins am 19. November war von Mitgliedern und 
Gästen außerordentlich zahlreich besucht. Nachdem 
der Vorsitzende Archivrat vr. R o s e n f e l d daran 
erinnert, daß am 21. November 1813 Kurfürst 
Wilhelm 1. nach siebenjährigen: Exil wieder in 
Kassel eingezogen sei, stellte Professor vr. Busch 
in einem mit starkem Beifall aufgenommenen Vor 
trag den Verlauf des Befreiungskrieges des Jahres 
1813 in großen Zügen dar. — Zur Erinnerung 
an die Zeit der Fremdherrschaft, des Westfälischen 
Königreichs, war eine kleine Ausstellung im Saale 
veranstaltet, von vielfältigen geschriebenen und ge 
druckten Schriftstücken, Erinnerungsblättern an her 
vorragende Persönlichkeiten und sonstigen Andenken 
an die b^oße Zeit, dargeboten teils durch Güte 
der Archivleitung, teils durch das Entgegenkommen 
Privater. Diese Ausstellung zog noch lange viele 
Beschauer an. 
Am 1 Dezember fand in Kassel ein wissen 
schaftlicher Unterhaltungsabend statt. 
Rechnungsdirektor W o r i n g e r berichtete über das 
Ende der Truppen des Königreichs Westfalen und 
über den Auszug der Marburger Studentenschaft 
nach Gladenbach im Februar 1815, General Eisen 
traut über das neueröffnete Eschweger Heimat 
museum und über die Römheldschen Ausgrabungen 
im Eschweger Talbecken. Im weiteren Verlauf des 
Abends wies er noch auf die Neuerscheinungen des 
Elwertschen Verlags, namentlich auf das Urkunden 
buch der Kasseler Klöster, die Jubiläumsgabe der 
Historischen Kommission zur Tausendjahrfeier, hin. 
Rechtsanwalt D e l l e v i e sprach über eine Episode 
aus der Zeit des Belagerungszustandes in Kassel 
im Herbst 1850. An der anschließenden Diskussion 
beteiligte sich namentlich der Senior des Vereins, 
Geheimrat Fritsch. Der Vorsitzende konnte schließ 
lich noch die erfreuliche Mitteilung machen, daß 
die Mitgliederzahl jetzt annähernd 2000 betrage, 
und ankündigen, daß beabsichtigt werde, die „Zeit 
schrift" künftig jährlich zweimal erscheinen zu lassen. 
Der Eschweger Verein konnte am 21. No 
vember sein jetzt in der Schloßkapelle des Land 
grafenschlosses untergebrachtes reichhaltiges Heimat 
museum einweihen. Nach einer Ansprache des 
Vorsitzenden, Rechnungsrat Hartdegen, sprach 
Professor vr. R ö m h e l d über „vorgeschichtliche 
Funde in der Eschweger Gogend"in diesem Sommer. 
Bei dem Baggern in der Holzapfelschen Kiesgrube 
sind eine Reihe wertvoller Funde gemacht worden 
ein Frauenkamm, Hirsch- und Rehgehörnstücke, 
Topfscherben und der Teil eines menschlichen 
Schädels. Auf dem Acker „Vor den Steinritschen" 
bei Aue wurde eine zweite slavische Dorfstelle und 
in der Nähe „An der Teichwiese" eine Wohn 
stätte aus der la Töne-Zeit festgestellt. An diesen 
Arbeiten beteiligte sich auch Lehrer Frölich zu 
Aue. Im Parke des Schlosses Wolfsbrunn hat 
man eine Herdgrube aufgedeckt. Die Abdrücke des 
Geflechtes der Hüttenwände in dem gebrannten 
Lehmverputz waren noch gut erhalten. Förster 
Strott zu Schmelzhütte hat im Höllental einen 
Leistenkeil aus der frühen Bronzezeit gefunden. 
Er gehört mit zu den ältesten Stücken der Samm 
lung. Die germanischen Wohngruben bei Nieder 
hone lieferten Schleifsteine, Tierschädel, Schlitt 
schuhe aus Knochen, Scherben, Feuersteine usw. 
Eine germanische Begräbnisstätte befindet sich auf 
dem Brückeberg an der Straße von Niederhone 
nach Oberhone. In zweitägiger Arbeit wurden drei 
Gräber freigelegt und zwei Urnen, die Knochen 
reste und geschmolzene Bronzestücke enthielten, ge-
	        

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