Full text: Hessenland (27.1913)

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frühes Grab. 
Leis schluchzt der Herbstwind um die Friedhofmauern, 
Wie bang verzagt ; 
Ein Regen rinnt in winddurchweinten Schauern; 
Horch, wie es klagt. — 
Tin frisches Grab am Rand von stummen Hügeln. — 
Dumpf niederwärts 
Sank heule früh mit todesmatten Flügeln 
Ein junges Herz. 
Es sah den Himmel noch so sonnenoffen: 
Der Regen rinnt; 
Roch war's so voll von frohem Zukunfishoffen 
Leis weint der Wind. 
Gottfried Buchmann. 
Wie das Christkind kam. 
Von Heinrich Berlelmann. 
Spätsommernachmittag. Das Dorf lag still. 
Nur hin und wieder kündete Peitschenknallen das 
Nahen des vollen Erntewagens. Der rauschte 
dann dicht an der Kirchhofsmauer unter der Linde 
hin. Dahinter faßen wir, Mergards Lorenz und ich. 
Mit Scherben hatten wir eine eingesunkene 
Gruft verliest. Das war unsere Stube. In den 
Spalten des verfallenen Mauerwerks stand reich 
licher Vorrat an Brot und Kuchen, frisches Gebäck 
aus feinstem Lehm mit rotem Zucker, zu Mehl 
geschlagenem Ziegelgestein, bestreut. Eben wurde 
das Dach vollendet, das lustige, grüne, aus Holunder 
und Hainbuche der nahen Hecke. 
Wir saßen still aneinandergeschmiegt wie Ge- 
schwister und sahen andächtig nach oben. 
Aus der hohen Lindenkrone fiel ab und zu ein 
welkes Blatt hernieder. Wir lauschten darauf 
und zählten. „Das muß unser Geld fein“, sagte 
Lorenz, und seine mageren Hände haschten nach 
dem Goldlaube. 
„Auf Christtag", fuhr er fort, „wünsche ich mir 
Bretter, lauter Breiter, daraus baue ich uns ein 
Häuschen, so ein richtiges, weißt du, das ein Dach 
hat." 
Cr strich sich bei den Worten die langen, gelben 
Strähne aus der Stirn und sah mich mit seinen 
tiefliegenden blauen Augen ernsthast an. 
Bauen lag dem Lorenz im Blute. Sein Groß- 
vater war ein Zimmermann gewesen. Gb er 
nun Stein oder Stock, Laub oder Erde in die 
Finger bekam, er mußte daraus etwas bauen. 
Und hatte er nichts als einen Kiesel, dann malte 
er ein Haus in den Sand. 
„Dann wünsche ich mir einen Farbekasten", 
enviderte ich. „Wir können dann die Wände 
hübsch tümt malen." — Das schien ihm zu ge- 
fallen, Venn er schlug in die Hände und lachte, 
lachte so laut, daß er ins Husten kam und lange 
Zeit gebrauchte, bis er wieder zu sich selber kam. 
„Wenn ich einmal Zimmermann bin und du 
Bauer, baue ich dir ein neues Haus, ein ganz 
großes, schöner wie euer altes. Und ein Erker 
kommt oben darauf mit einem Taubenschlag." 
Ich war damit nicht einverstanden, denn schöner 
als unser liebes Haus konnte doch keins im 
Dorfe sein. 
Es wäre jetzt zwischen den beiden Höhlenbe 
wohnern sicherlich zu einem Streit gekommen, 
dessen Ende unbedingt in plötzlicher Aufhebung 
der Gütergemeinschaft bestanden haben würde, 
wenn dies nicht eine Stimme von oben verhindert 
hätte. Und diese Stimme rief: „Das Christkind, 
das Christkind!" — 
Wie schnell konnten wir durch das mühsam 
gerichtete Dach emporsteigen! Und durch die Hecke 
ging's wie der Blitz den Kirchberg hinunter, als 
trügen wir Feuer unter den Sohlen. Erst auf 
der Brücke machten wir halt und wagten zurück 
zublicken. Der Kirchenjunge war's gewesen, der 
uns den Schrecken eingejagt. Da oben stand er 
nun und lachte uns aus. Ja, der hatte gut lachen. 
Alle Tage ging er am Stübchen des Christkinds 
droben unter den Glocken vorbei. Der mochte 
wohl gut Freund mit ihm sein. Aber wir Kleinen, 
wir bangten immer, so oft sein Name genannt 
wurde, bangten und freuten uns doch zugleich. 
Einmal nahm mich der Kirchenjunge mit hin 
auf. Als ich aber auf der zweiten Treppe die 
große Uhr ticken hörte, riß ich entsetzt mich los 
von seiner Hand und kehrte um. 
Nun lugten wir hinauf. Aus dem zweiten 
Schalloch stieg blauer Dunst. Also war das Christ 
kind am Backen. Du lieber Gott, was für eine 
Menge das auch nötig hatte! Da war es höchste 
Zeit, daß es anfing. Wie hätte es sollst mögen 
fertig werden! 
Wir setzten uns auf den Brückenrand und 
stritten über den Geschmack gebackener Hasen,
	        

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