Full text: Hessenland (27.1913)

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Zuletzt fällt es in hohem Msturz über die Peptuns- 
grotte mit der Statue des Gottes so herab, daß 
man von der Grotte unter dem Wasserschleier durch 
schaut, und endet in einem großen Bassin. Das ist 
das einzige, was von Guernieris Plan zur Aus 
führung kam, etwa ein Drittel der ganzen Länge. 
Er beabsichtigte die Kaskade in zwei weiteren Ab 
sätzen bis zu dem Schloß herabzuführen. Am 
Fuße des ersten Absatzes sollte ein großes rundes 
Wasserparterre mit einem Brunnenpavillon in der 
Mitte angelegt werden, der zweite Absatz endet in 
einem mächtigen Theaterhalbrund auf einer Ter 
rasse, die als ein breites Band den ganzen Park 
durchquert und noch mit verschiedenen anderen 
Brunnenbassins geschmückt ist. Das Schloß am 
Fuße der dritten Kaskade ist in völlig italienischem 
Stil gedacht, mit ^iaräini Ztzorsti nach hinten 
heraus, während nach vorne aus einer offenen 
Säulenhalle florentinische, halbrunde Rampen 
treppen in ein reiches Schmuckparterre herabführen. 
Der Park selbst sollte außer durch die Terrassen 
nur durch regelmäßige Avenuen unterbrochen wer 
den. Aber während der 18 Jahre der Ausführung 
hatte sich dieser Plan stark verändert und erweitert. 
Ganz konnte sich der Landgraf dem französischen 
Einfluß doch nicht entziehen. Seit dem Jahre 1715 
hatte er von einem Harlemer Maler, Johannes 
van Nichole, acht große Prospekte des Weißen 
steines und Karlsberges, wie die Anlagen damals 
noch hießen, aufnehmen lassen, die die beabsich 
tigten Pläne jener Zeit festhalten. Danach sollten 
unterhalb der Kaskade sich breite Terrassen mit 
Parterres, Brunnen, kleinen Wasserfällen um ein 
großes, Versailles nacheiferndes Schloß herum 
legen, so daß die italienische Kaskade nur wie eine 
Hintergrundkulisse in den Park eingeschnitten hätte. 
Aber von allen diesen gigantischen Plänen ist nichts 
zur Ausführung gekommen. Karls Tod 1730 unter 
brach die Arbeit, und als seine Nachfolger wieder 
seiner Schöpfung ihr Interesse zuwandten, war der 
englische Einfluß so stark geworden, daß die Kas 
kadenanlage als für sich abgeschlossenes Werk den 
so vielfach veränderten Park krönt. Der Gedanke 
einer Gigantomachie liegt diesem Werk zugrunde, 
und wie der Überwinder-Herkules ruhend auf den 
zerschmetterten, ohnmächtig sich aufbäumenden 
Feind herabschaut, so schaut diese ganze Anlage 
nieder auf die vielen kleinlichen Neuschöpfungen, 
die in dem weiten Park zerstreut sind, und die 
einer sentimentalen Zeit in verschiedenen Bau 
perioden ihre Entstehung verdanken. Die Wil 
helmshöhe, die ihren Namen erst unter Kurfürst 
Wilhelm I., dem Erbauer des heutigen Schlosses, 
erhielt, steht für sich in dieser Zeit, nicht allein 
durch Größe und Geschlossenheit der Anlage, son 
dern als ein Wahrzeichen, was italienischer Geist 
in der Gartengestaltung des nördlichen Deutsch 
lands noch damals hervorbringen konnte. 
Feldmarschall Fürst Wrede und die Schlacht bei Hanau. 
In der letzten Monatsversammlung des K a s se l e r 
Geschichtsvereins sprach Bibliothekar vr. H o p f über 
„F e l d m a r s ch a l l Wrede und die Schlacht 
bei Han au" Wir geben in knappen Zügen den 
Inhalt des klaren und gediegenen, mit starkem 
Beifall aufgenommenen Vortrags wieder. Hundert 
Jahre waren am 30. Oktober vergangen, seit vor 
den Toren von Hanau jene Schlacht geschlagen 
wurde, in der die letzte Möglichkeit gegeben war, 
dem von Leipzig nach dem Rhein zurückflutenden 
französischen Heer in deutschen Landen ein Massen 
grab zu bereiten. Dieses Ziel ist bekanntlich nicht 
nur uicht erreicht worden, sondern der Verlauf der 
z>veitägigen Schlacht, durch die der französische 
Rückzug nicht aufgehalten wurde, gab sogar den 
Franzosen ein gewisses Recht, ihrerseits von einem 
Erfolg zu reden und damit die Wiederaufnahme 
des Kampfes auf französischem Boden durch ein 
wertvolles moralisches Moment wirksam vorzu 
bereiten. 
Es wäre müßig, sich in Vermutungen darüber 
ergehen zu wollen, welchen Verlauf wohl die Welt 
geschichte genommen hätte, wenn hier tatsächlich 
Napoleons Truppen der Rückzug verlegt und der 
Korse vielleicht zum zweiten Mal innerhalb Jahres 
frist ohne Heer hätte über den Rhein nach Frank 
reich zurückkehren müssen. Es muß genügen, fest 
zustellen, daß ein anderer Ausgang nicht wohl 
möglich war, nachdem der bayrische Oberbefehls 
haber Feldmarschall Fürst Wrede eine Aufstellung 
gewählt hatte, die allen taktischen Regeln wider 
sprach. Die Straße von Gelnhausen, auf der das 
Anrücken der Franzosen erfolgen mußte, führte bis 
auf 11 / 2—2 Kilometer an die Stadt heran durch 
einen dichten Wald; zwischen dem Waldrand und 
der Stadt floß die damals stark angeschwollene 
Kinzig, über die nur zwei im Osten und im Nord 
osten der Stadt liegende, ungefähr 3 bis 31/2 Kilo 
meter von einander entfernte Brücken hinüber 
führten. Hier hatte Wrede seine Truppen derart 
aufgestellt, daß sie durch den Lauf der Kinzig in 
zwei Teile zerrissen wurden, die nicht einmal in 
der Lage waren, einander nötigenfalls Hilfe zu 
bringen, denn dazu mußten sie unter allen Urw- 
ständen die enge Lamboi-Brücke überschreiten, wo 
ein energisches Vorgehen des Gegners leicht die 
ernstesten Schwierigkeiten bereiten konnte. Außer 
dem gestattete der dichte Lamboi-Wald das un 
bemerkte Heranrücken der französischen Truppen 
bis hart an die bayrische Stellung und vergrößerte 
die gefährliche Lage durch die Möglichkeit über 
raschender Angriffe auf den einen oder den andern 
Flügel. Dazu waren Wredes Truppen durch den 
anstrengenden Anmarsch ermüdet, während auf 
französischer Seite die erprobtesten Truppen, die 
sich der Bedeutung des Kampfes wohl bewußt
	        

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