Full text: Hessenland (27.1913)

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Residenz, für deren Verlauf er auf das in den 
Archiven Niedergelegte verweist ; sie sind heute 
durch die verschiedenen Darstellungen genugsam 
bekannt. Interessant sind die Aufzeichnungen 
Sattlers über die Illumination, die von abends 
Vs9 bis morgens Vs3Uhr gedauert hat und einen 
Rückschluß auf die Dauer der übrigen Festlich 
keiten in der Stadt zuläßt. Daß alles ohne 
Unglück abgelaufen ist, findet besondere Er 
wähnung. Wie groß die Anstrengungen waren, 
die für die Illumination gemacht wurden, 
geht daraus hervor, daß er gemeinsam mit 
seinem Nachbar Heinrich Ludwig 864 Lampen 
mit je 3 Liter Baumöl am Hause brannte; 
den Mittelpunkt der Beleuchtung ihres Hauses 
bildete ein Sinnbild, das Hermann II. darstellt, 
wie er von der Jagd kommt und die Göttin 
Minerva und den Ruhm vor einem Opferaltar 
erblickt. Diese Veranstaltung verursachte ihnen 
im ganzen 129 Rtlr 4 Alb. 6 Gr- Kosten, 
so daß auf jeden 64 Rtlr 18 Alb. 3 Gr. 
entfielen. Als gewissenhafter Hausvater ver 
zeichnet er auch die Kosten, die ihm durch Be 
such vom 14.—18. Mai an Essen, Wein, Kaf 
fee und allem übrigen entstanden sind, mit 
20 Rtlr 13 Alb. 9 Gr., so daß er insgesamt 
85 Rtlr. für diese Feierlichkeiten aufgewendet 
hat, ein Betrag, der gewiß als recht hoch be 
zeichnet werden darf. 
Im einzelnen war freie Hand gelassen, 
die Feier nach den örtlichen und sonstigen 
Verhältnissen zu gestalten. Aus dem Rahmen 
der natürlich meist ähnlich verlaufenden Feiern 
hebt sich die zu Obersuhl heraus, wo der 
Kandidat Raßmann dem Ganzen das Gepräge 
gab und, nachdem er sich in feierlichem Zug 
aus seiner Wohnung hatte abholen lassen, in 
großem geschlossenen Kreis feierlich folgendes 
Lied vortrug, das von ihm nach dem Muster 
des studentischen Landesvaters, der auch die 
Weise hergab, verfertigt worden war und dessen 
3 letzte Zeilen jeweils vom Chor - ganz nach 
dem Vorbild - wiederholt wurden 
Ernste Stille! 
Jeder fülle 
Voll den Becher bis zum Rand! 
Hoch erklinge, deutsche Söhne, 
Hoch in vollem Chor ertöne 
Jetzt ein Lied dem Vaterland! 
Wilhelm lebe! 
Ihn erhebe 
Brüder unser Rundgesang! 
Fürsten, die in ihren Staaten 
Erste sind an edlen Thaten, 
Solche Fürsten leben lang! 
Wilhelm lebe! 
Ihn erhebe 
Brüder euer Rundgesang! 
Er, der ehret gute Thaten, 
Treu regieret seine Staaten, 
Der gerecht und gütig ist. 
Wilhelm lebe! 
Ihn erhebe 
Brüder euer Rundgesang! 
Der am Ruder seiner Staaten 
Steht und der durch gute Thaten 
Liebe zeigt dem Vaterland' 
Reicht zum Bunde 
Dieser Stunde 
Euch die biedre deutsche Hand! 
Schwört vor Gottes Angesichte, 
Schwört's bei diesem Sonnenlichte, 
Treu zu seyn dem Vaterland! 
Besonderes Interesse verdient wohl die Tat 
sache, daß bei diesem Fest die uns heute ge 
läufige Nationalhymne wenigstens mit ihrer 
Weise ihren Einzug ins Hessenland gehalten 
hat. Sie stammt bekanntlich aus England, 
wo sie 1745 zum erstenmal öffentlich gesungen 
worden ist. Tie Weise hat dann gegen Ende 
des 18. Jahrhunderts ihren Weg nach dem 
Festland, nach Frankreich, Holland und Deutsch 
land gefunden. Der Text wurde ursprünglich 
in weitgehender Übereinstimmung mit dem eng 
lischen übertragen, dann aber je nach Bedarf 
veränderten Verhältnissen entsprechend umge 
arbeitet. Die älteste dieser Nachdichtungen ist 
die preußische, die in engem Anschluß an eine 
in Flensburg zum Geburtstag König Chri 
stians VII von Dänemark 1790 von Heinrich 
Harries vorgenommene Umdichtung von Bal 
thasar Gerhard Schumacher für preußische Ver 
hältnisse zurecht gemacht wurde; sie übernimmt 
von den acht Strophen der Harries'schen Dich 
tung nur fünf und beschränkt sich im übrigen 
von den 8 Strophen der Harries'schen Dich 
tung nur 5 und beschränkt sich im übrigen 
darauf einige sprachliche Verbesserungen an 
zubringen und den Namen des damaligen 
Preußenkönigs Friedrich Wilhelm II einzu 
setzen. Gedruckt ist die Hymne in dieser Form 
zum erstenmal in der Spenerschen Zeitung vom 
17 Dezember 1793 mit der Bezeichnung. „Ber 
liner Volksgesang. God save the king." Un 
terzeichnet ist das Lied mit „Sr" wie Schu 
macher — der sonst dichterisch nicht hervor 
getreten ist — seinen Namen gern abkürzte. 
Gesungen wurde das Lied zum erstenmal am 
25. September 1795, dem Geburtstag Fried 
rich Wilhelms II., im Berliner Nationaltheater. 
Bei den engen Beziehungen, die zwischen 
Hessen und Preußen bestanden, kann es nicht
	        

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