Full text: Hessenland (27.1913)

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Teiche des Oberfürstentums Marburg betrug da 
mals zirka 300 Acker. Die Fangergebnisse waren 
bisweilen recht beträchtlich, so lieferten die Teiche 
des Oberfürstentums z. B. 1557. 426 Zentner 
(zu 108 Pfund) Karpfen (30515 Stück) und zehn 
Zentner Hechte. Der größte Teil dieser Fänge 
wurde von der Hofhaltung konsumiert, die da 
mals einen sehr starken Fischbedarf zeigt. Die 
Hofhaltung des Landgrafen Wilhelm in Kassel 
berechnet 1585 ihren jährlichen Durchschnittsbedarf 
an frischen Fischen auf 700 Hechte, 9000 Karpfen, 
1000 Forellen, je 1500 Pfund Barben und Speise 
fische und 150 Pfund Aale. Der dreißigjährige 
Krieg brachte auch eine starke Verwüstung der 
Fischteiche, deren Spuren erst allmählich in der 
Folge wieder beseitigt wurden. Landgraf Karl 
befaßte sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts 
wieder energisch mit der Hebung des Teich- und 
Fischereiwesens, aber bei diesen Bestrebungen ist 
nicht mehr das Interesse der Hoftafel das leitende 
Motiv, sondern das Verlangen, mehr Gewinn zu 
erzielen. Und dieses Verlangen nach Gewinn 
steigerung führt nun allmählich bei dem herr 
schenden unrationellen System, bei den mangel 
haften Verkehrsverhältnissen und infolge der im 
18. Jahrhundert mehr und mehr eintretenden Ab 
neigung gegen Fischspeise zum völligen Eingehen 
der Teiche. Zuerst versuchte man es mit Ver 
pachtung, dann aber schritt man, zumal auch die 
Untertanen zur Hebung ihres Viehstandes darum 
petitionierten, zur Austrocknung der Anlagen, zur 
Wiesenkultur. Den Ansang machten die Schmal- 
kaldener Teiche, dann kamen die großen Teiche bei 
Heskem und Frankenberg dran, letzterer genau 
500 Jahre nach seiner ersten Erbauung. Diese 
Entwicklung setzte sich im 19. Jahrhundert fort. 
Interessant ist es, daß es bei Wolfhagen und 
anderswo um 1748 zu kleinen Rebellionen führte, 
als man dem Wunsche der Bewohner, die Teiche 
zu Weideland umzugestalten, zunächst Widerstand 
entgegensetzte. 1852 gingen auch die großen Teiche 
in Niederhessen ein. Die Zentrale war dort der 
vom Teichmeister verwaltete Fischhof bei Betten 
hausen. Als dieser 1874 verpachtet wurde und 
damit auch die Stellung des Teichmeisters einging, 
hatte die alte landesherrliche Teichwirtschaft ihr 
vollständiges Ende gefunden. — Dem Vortragenden 
dankte hierauf Archivrat Rosenseld im Namen 
der Versammlung, die durch ihn auf ein nur 
wenig angebautes Gebiet geführt worden sei, für 
seinen interessanten Vortrag. - Den zweiten Teil 
des Abends füllten Verhandlungen über die 
Politik Kurhessens im Jahre 1850, 
einerseits die programmäßigen „M i t t e i l u n - 
gen" die Professor vr. Busch darüber gab, an 
drerseits die ausgiebigen bezüglichen Erörterungen 
aus dem Kreise der Anwesenden. Prof. Busch wandte 
sich gegen den Angriff, den wider seinen Vortrag 
über Bismarck und Kurhessen und den Ursprung 
des Annexionsgedankens (Skizze in den „Mit 
teilungen des Hess. G.-V.", Jahrgang 1911/12, 
S. 45 f.) I. M. in den „Hessischen Blättern" (Nr. 
3955 vom 19. März 1913) gerichtet hat, dann 
knüpfte er an eine Würdigung des Buches von 
W. Hopf, Kurhessens deutsche Politik im Jahre 
1850 (Marburg 1912), eine Besprechung des Kamp 
fes. den der Kurfürst und Hassenpflug gegen die 
unter Preußens Leitung geschlossene „Union" 
deutscher Staaten führte, wie der gleichzeitigen 
Anfänge des hessischen Verfassungsstreites. Eine 
Wiedergabe seiner Ausführungen zur Abwehr und 
zur Kritik kaun hier unterbleiben, da sie den In 
halt eines Aufsatzes in Band 47 (1913) der Zeit 
schrift des Vereins für Hess. Gesch. bilden werden, 
der in einigen Wochen ausgegeben werden wird. 
Hervorgehoben sei nur, daß der Vortragende das 
ungewöhnliche Interesse des Hopfschen Buches an 
erkannte. Es bringe neue wertvolle Materialien 
aus Hassenpflugs Nachlaß (vermittelt durch Vil 
mar) in vollständiger Wiedergabe, aber, wenn man 
nicht in der Anschauungswelt Hopfs befangen sei, 
dem seine Auffassung als Glaubenssatz gelte, komme 
man zu entgegengesetzten Ergebnissen, insbeson 
dere werde die herrschende Beurteilung der aus 
Beseitigung der Union gerichteten Politik Hassen 
pflugs bestätigt, für die Haltung Preußens gegen 
über Kurhessen gebe das Buch neue Nachrichten. 
Ohne Verständnis für die großen Zusammenhänge 
werde Hopf der Persönlichkeit Hassenpflugs nicht 
gerecht, indem er sie in Rosafarbe male; ohne 
Erfolg suche er, noch ganz in der Gedankenwelt 
des deutschen Bundes festgebannt, am Schluß die 
Haltung des Kurfürsten in der deutschen Frage 
zu verherrlichen. Für die Stellung Preußens zum 
hessischen Versassungsstreit brachte Prof. Busch 
manches aus gedrucktem Material zu dem von 
Hopf gebrauchten hinzu, das Bild Friedrich Wil 
helms IV., die Zerfahrenheit der Berliner Regie 
rung erscheine noch trüber als früher, ihr gegen 
über Hassenpflug ausgerüstet mit aller Klarheit 
und àast, er wußte, dies Preußen bellte, aber 
biß nicht. — Dem Vortragenden dankte Archivrat 
Rosenfeld für seine auch den Lesern des Hopfschen 
Buches wertvollen Ausführungen. — Weiter er 
griff Geh. Oberregiernngsrat Hassenpflug, 
ein Sohn des Ministers, das Wort, um „ohne 
Animosität" einiges auf Grund der Papiere seines 
Vaters mitzuteilen. Schon 1849 habe ihn, den 
damals preußischen Oberappellationsgerichtspräsi 
denten, der Kurfürst durch Herrn von Eschwege 
brieflich sondieren lassen, ob er grundsätzlich ge 
neigt sei, wieder einen hessischen Ministerposten 
anzunehmen. Hassenpflug habe abgelehnt in Er 
innerung der 1837 bei seiner Entlassung erfah 
renen Behandlung. Anfang 1850 war der Kurfürst 
zur Entlassung des Ministers Eberhard entschlossen 
und wünschte nur vorher des rechten Ersatzmannes 
sicher zu sein. Durch den Major von Haynau rich 
tete er einen Appell an den hessischen Patriotis 
mus Hassenpflugs, indem er ihm die schwierige 
Aufgabe, die seiner wartete, darlegen ließ. Es 
habe sich, so führt Redner aus, in den verfahrenen
	        

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