Full text: Hessenland (27.1913)

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Die Anspielung auf die ernsten Unter 
haltungen der jüngsten Zeit scheint mir eben 
falls aus den Rechnungsbelegen eine Auf 
klärung zu finden. Ende des Jahres 1832 
herrschte in Kassel die Cholera und während 
dieser Zeit hat man sich offenbar, wie aus 
einer Extrarechnung des Gastwirts hervorgeht, 
wieder wie in der ersten Zeit allabendlich 
in den Räumen der Gesellschaft versammelt, 
wohl um die Erfahrungen über den Stand 
der Epidemie auszutauschen. Ob das Paket 
Tabak und die Pfeifen, die am 29. und 31 Ok 
tober mit 6 guten Groschen in Rechnung gestellt 
sind, nur der geistigen Anregung gedient haben, 
oder ob man damals noch geglaubt hat, im 
Tabaksrauch ein Präservativ gegen die Cholera 
zu sehen, wage ich nicht zu entscheiden. 
Auch auf sozialem Gebiete hat sich der Ver 
ein betätigt. Im Jahre 1831 wurde auf An 
regung von Mangold eine Einrichtung ge 
troffen, die als „Speiseanstalt für dürftige 
Kranke und Wöchnerinnen" bezeichnet wird. 
Wir haben uns darunter aber nicht etwa eine 
wirkliche Anstalt, wie die jetzt eingegangene 
Krankenküche, vorzustellen, sondern eine Ein 
richtung nach Art der noch heute bestehenden 
Wöchnerinnen-Speisung. Es sollte sich eine 
Anzahl Hausfrauen bereit erklären, einmal 
wöchentlich einen erkrankten Armen mittags 
mit Speise zu versehen. Um einen Mißbrauch 
zu verhüten, war für die Bedürftigen eine 
Bescheinigung des Stadtphysikus oder des Ar 
menarztes nötig. 
Die Geschäfte der Gesellschaft waren bis zum 
Jahre 1830 von Mangold geleitet worden. 
Von 1831 bis 1837 war Dr. Stracke Sekretär 
und vom Jahre 1837 an Dr. Grandidier Als 
Bibliothekar war der bewährte Neuber bis 
zum Jahre 1837 tätig. In den letzten Jahren 
seiner Amtsführung müssen sich allerlei Miß 
stände bei der Zirkulation der Zeitschriften 
herausgestellt haben, auf deren Abstellung der 
im Jahr 1835 in den Verein eingetretene 
Dr. Stilling in einem langen Entwurf zu 
einer Neuordnung des Lesezirkels drängte. Das 
neun Folioseiten lange Schriftstück zeigt uns 
Stilling schon als den eifrigen und gründlichen 
Mann der Wissenschaft. Im Grunde stimmten 
ihm die meisten Mitglieder zu, nur Neuber 
ist offenbar gekränkt, pocht auf seine 20jährige 
Führung eines nicht ganz unmühsamen Ge 
schäftes und schließt mit den Worten, der 
Stillingsche Plan scheine ihm ebenso wenig 
allgemein ausführbar, als die noch nirgends 
nachgemachte Gefäßdurchschlingung. Das war 
eine kleine Bosheit gegen Stilling, der sich 
wissenschaftlich mit der Frage der Organisa 
tion der Gefäßthromben beschäftigte und zum 
Zweck der Blutstillung bei größeren Gefäßen 
statt der in der damaligen Zeit gefährlichen 
Benutzung von Unterbindungsfäden seine Ge 
fäßdurchschlingung angegeben hatte. 
Vom Jahre 1837 an hat C. Grandidier die 
Geschäfte des Sekretärs, Stilling die des Bib 
liothekars wahrgenommen. Damit waren die 
beiden eigentlichen Gründer und führenden 
Männer der ersten Zeit von ihren Ämtern zu 
rückgetreten. Lassen Sie mich deshalb mit 
diesem Zeitpunkt meine 'kleine historische Studie 
schließen. Über medizinische Großtaten habe 
ich Ihnen nicht viel berichten können, aber 
ich hielt es doch für zweckmäßig, uns einmal 
die Gründung und Jugendzeit unseres Vereins 
ins Gedächtnis zurückzurufen, umsomehr, als 
wir nur noch zehn Jahre vom hundertsten 
Geburtstag entfernt sind. 
Kasseler Theater. 
3u Schillers Geburtstag bescherte uns die Hosbühne 
eine Neueinstudierung des „Fi es ko" Es ist das 
dankbar anzuerkennen. Denn sicherlich paßt auf dieses 
Fugendwerk Tiecks Wort: „Man entdeckt in ihm die 
Fülle echten dramatischen Talents, die Fülle jenes thea 
tralischen Instinkts, der vor unsern Augen und unserer 
Phantasie alles in Leben und Tätigkeit setzt." Gewiß, 
die Einheitlichkeit ist in dem Drama gestört: Verrina 
kehrt zu Doria zurück und die Bürgertugenden in Fiesko 
wirken paradox. Aber der dramatisch vollendete Aufbau, 
die markige — nur ab und zu im Jugendeifcr verstiegene — 
Sprache, die Treffsicherheit der Rede unhf — nicht 
zuletzt — die Tendenz, die allen Frühdramen Schillers 
innewohnt, sichern dem Stück dauernd Leben und tief 
greifende Wirkung. Es ist ja modern geworden, SchÄler 
abzukanzeln wie den ersten besten Dichterling. 
Herman Grimm ihm im Goethefanatismus die dichte» 
rische Bedeutung abgesprochen und, ohne auch nur einen 
Beweis zu versuchen, seine persönliche Ehre verunglimpft 
hat seit Julian Schmidt mit seinen Absprechereien Lo 
thar Buchers Abwehr herausforderte: „Wenn ein Volk 
eine solche Versündigung . duldet, ohne den Tätern 
in jeder gebildeten Gesellschaft die Tür zu weisen, da 
verdient es seinen Verfall," — seitdem fühlt sich jeder, 
der das kritische Handbeil führen darf, berechtigt, ihm 
das Konzept zu korrigieren. Einer seiner Biographen 
durfte sein Werk mit dem Geständnis beginnen, er sei 
einer der größten Schillerhasser gewesen, und Fritz Mauth- 
ner schrieb bei Besprechung des Verses: „Den schlechten 
Mann muß man verachten, der nie bedacht, was er voll 
bringt" die bemerkenswerten Worte: „Der denkende 
Dichter, den sein Denken von der dramatischen Pracht 
der Räuber bis zu den Maskenreden der Braut von 
Messina geführt, findet das Vollbringen nur schön,
	        

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