Full text: Hessenland (27.1913)

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nie werde ich ihre liebe Stimme vergessen! An 
ihrem Geburtstag — weißt Du noch? Wir tanzten 
ihr den Rosentanz vor . . . (er reicht ihr die Hand, 
die sie lächelnd nimmt — sie tanzen dann) 
Ha.ns Viktor (während der letzten Tour, träu 
merisch).' Es war Sommer — die Rosen blühten — 
wie heute. — Deine Hand ruhte in der meinen — 
wie heute. — Und Deine Mutter sang . (er 
bleibt stehen). Wo ist der Duft? Wo ist der Klang? 
Katharina (leise). Meine Mutter starb vor 
vier Jahren 
Hans Viktor (schmerzlich). Sie starb! Ja — 
alles Gute und Schöne floh aus dem Land ! Nein — 
nicht alles: Du bist noch hier! (Sieht sie prüfend 
an). Und Du gehst zu Hofe? Wo ist Dein Vater? 
Katharina. Weißt du nicht, daß er su moment 
Stellvertreter des Iustizministers ist, dessen Stellung 
er in Bälde einnehmen wird? 
HansViktor. Unmöglich! (Besinntsich.) Man 
nennt den Baron von Greifenhorst dafür. 
Katharina. Mais c'est lui! 6^est mon père. 
Der König verlieh ihm diesen Namen! (Aus eine 
Bewegung HanS Viktors, achselzuckend.) Was willst 
Du? Sollte er auf die Rückkehr des Kurfürsten 
warten, der sein Land ohne einen Schwertstreich 
den Franzosen überließ? Sollte er grollend in 
Preußen bleiben, wohin er sogleich geflohen, in 
der Hoffnung, daß das Heil von hier käme? Das 
Heil kam von anderer Seite! Um feine Güter 
nicht zu verlieren, mußte mou père hierher zurück 
kehren, mußte in den Dienst des neuen Herrschers 
treten — et le voilà: baron et ministre. 
Hans Viktor (bitter). Und feine Tochter 
schmückt die Rosenfeste Seiner Majestät zu Na- 
poleonshöhe! Wie sagte der Kaiser in Dresden 
zu seinem Bruder Jérôme? „Vos nobles sont de 
la canaille —“ 
Katharina (geringschätzig). Encore les grands 
mots ! Mon ami — — gedenkst Du des blonden 
Jünglings, der beim Eintreffen der Nachricht von 
der Niederlage bei Jena die letzten spärlichen 
Gktoberblumen unseres Gartens ausriß und mit 
bitteren Tränen in den Boden stampfte? (Pathetisch 
parodierend.) „Kleine Blume sprieße mehr in 
Deutschlands Gauen, bis diese Schmach gerächt 
ist!" Te soQviens-tu? Wie manches mal blühten 
die Blumen seitdem! Und der Jüngling trägt 
die Uniform der Ierüme-Husaren — — ! 
Hans Viktor (reißt den Mantel ab — er ist 
in ein schwarzes glattes Gewand gekleidet — ähnlich 
dem der Lützowsoldaten). Er trägt sie nicht mehr 
(erschrocken für sich). G Gott! Ich verriet mich! 
Katharina (Atemlos). Hans Viktor ? 
Hans Viktor. Cathèrine — ich bin auf dem 
Wege zur — — Freiheit! 
Katharina (schreit auf). Deserteur! 0 mon 
Dien, Hans Viktor! Sie werden Dich erschießen! 
Sie werden Dich und jeden, der Deinen Namen 
trägt, für ehrlos erklären! 
HansViktor. Mögen sie! Meine Ehre richtet 
das Vaterland! Ehrlos wäre ich, wmn ich seinen 
Hilfsschrei nicht hören wollte — wenn ich seine 
bittere Not auf Rosenfesten vergäße! Ma baronesse 
Catherine de Greifenhorst : wollen Sie den Deserteur 
verraten? Sie brauchen bloß den Kutscher zu 
rufen — — 
Katharina. Ciel! Wenn er jetzt käme! Tu 
den Mantel um! In welche Gefahr begibst Du 
Dich! Hier zu stehen! Menuett zu tanzen! Fort 
doch, fort! (Sie versucht, ihn fortzudrängen, er saßt 
ihre Hände und zieht diese an seine Brust.) 
Hans Viktor. So lebt also doch noch so 
viel deutsches Empfinden in Dir, Mädchen, daß 
Du den Freund nicht seinen Häschern auslieferst? 
Ruht in Deiner Seele doch noch ein Funke, der 
zur heiligen Flamme auf dem Altar des Vater 
landes angefacht werden kann? Wenn sie mich 
heute oder morgen ergreifen und an die Mauer 
stellen, an der sie die Deserteure erschießen — wirst 
Du eine Träne für einen von diesem „Gesindel" 
haben? 
Katharina. Wie Du grausam bist, Hans 
Viktor! Wie Du mir die Dornen dieser harm 
losen Rosen ins Herz drückst! Kannst Du Dich 
nicht in die Seele des Mädchens versetzen, das 
verwundert zusieht, wie sein Vaterland zerstückelt, 
verteilt wird, ohne daß seine natürlichen Schützer 
Miene machen, es zu verteidigen? Kannst Du mir 
einen Vorwurf daraus machen, wenn meine acht 
zehn Jahre mehr Gefallen an Siegern als an Be- 
siegten finden? Dazu, wenn diese Besiegten sich 
selbst an den Triumphen, an den Festen der Sieger 
berauschen? Jugend will anbeten — will sich be 
geistern. — Zeige mir, was der Anbetung, der 
Begeisterung wert ist, und ich will jauchzend an 
diesem Altar niederknien! Wo ist der Sturm, 
der durch die Lande, durch die Herzen braust? 
Wo die allgemeine Erhebung, von der immer die 
Rede ist? Von Zeit zu Zeit hören wir von einzelnen 
Schwärmern, die des Aufruhrs Fahne entrollen 
— — eine Fahne, die bald darauf ihr Leichen 
tuch wird . . . Und ich soll jubeln, wenn mein 
Freund — mein Bruder — diese Fahne aus den 
Grüften Holm will — — ? 
Hans Viktor (steht stumm, bewegt — dann 
gepreßt) Verzeih, wenn ich Dir weh tat, Katha 
rina — Du hast recht! Meine Vorwürfe warm 
unangebracht. Nein, noch kann ich Dir nicht dm 
Lenzsturm der allgemeinm Erhebung zeigm — 
noch kann ich Dich nicht zu dem Altar sührm, da
	        

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