Full text: Hessenland (27.1913)

«ML, 350 SE, 
festen Schritt auf dem Heimalboden gemacht! Sie 
eignen sich wohl eher zum — Ausgleiten auf dem 
Parkett 
Katharina (hochmütig). Nur, wer nicht 
heimisch ist auf dem Parkett, fürchtet das Aus 
gleiten ! 
Hans Viktor (achselzuckend). Man sagt, daß 
gar manche „Einheimischen" es nicht bloß nicht 
fürchten, sondern — ersehnen! 
Katharina. Man sagt vieles, was ftir den, 
der es sagt, gefährlicher ist, als für den, von dem 
es gesagt wird! 
Hans Viktor (macht eine leichte Verbeugung). 
Mademoiselle weiß darüber gewiß genau Bescheid! 
Katharina. Warum glauben Sie das? Es 
ist dies mein erstes Jahr bei Hofe. 
HansViktor. Aber Mademoiselle hat gewiß 
schon manches dort gelernt ! Unsere deutschen Schönen 
zeichnen sich durch große Gelehrigkeit dem Aus 
ländischen gegenüber aus! 
Katharina. O'est évitant! Was amüsant, 
lernt sich rasch! Unsere deutschen Kavaliere sollten 
sich ein Beispiel daran nehmen! 
Hans Viktor. Man gibt sich die größte 
Mühe. Aber jede Nachahmung streift ein wenig 
an die Karikatur, finden Sie nicht, Mademoiselle? 
Unsere breiten Schultern und marschfesten Beine 
passen schlecht zu den zierlichen Compliments. 
Katharina. Bah — mit ein wenig gutem 
Willen läßt sich viel erreichen, doch daran manquiert 
es meist (sieht nach dem Hintergrund). Gb dieser 
fripon mit dem Rad zurecht kommt? 
Hans Viktor. Befiehlt Mademoiselle, daß 
ich nachschaue? 
Katharina. Lai88ez, laissez! Er wird es 
wohl annoncieren, wenn er endlich fertig ist! Wenn 
nur meine Rosen bis dahin nicht sanieren! Wir 
haben ein Rosen fest heute in Napoleonshöhe! 
Hans Viktor. Ah ein Rosenfest! Da darf 
freilich keine unserer lieblichen Blüten ausbleiben! 
Seine Majestät liebt die Rosen gar sehr! 
Katharina. Freilich! Ist es nicht ein sublimer 
Gedanke, gerade jetzt, wo tout le monta von 
diesen russischen Terreurs, von Bataillen und Deser 
tionen spricht, da läßt ein königlicher Wink tausende 
von Rosen sprießen — und sie duften und lächeln 
alle 668 misères hinweg . 
Hans Viktor. Magnifique — en effet ' Ich 
bewundere diesen sublimen Gedanken, wie ich diesen 
Rosenstrauch bewundere (er deutet auf den Rosen 
busch am Weggraben). Sehen Sie, Mademoiselle: 
Alle die Felder liegen brach und wüste, doch er 
blüht und duftet und schmückt sich. (Katharina nickt 
und lächelt und macht einige Tanzschritte.) Made 
moiselle sind gewiß empressiert, ihren Tänzer zu 
begrüßen? Wer ist der Glückliche, der Made 
moiselle zum Rosentanz führt? Le baron de Marin- 
ville? Oder monsieur Pichon? Mademoiselle zieht 
doch gewiß die französischen Hofherrn vor, nicht 
wahr? 
Katharina. Certainement ! Sie sind solche 
exzellente Tänzer und brillante Causeurs! Es ist 
nun einmal der Geschmack des weiblichen Ge 
schlechtes, auch bei dem wertvollsten Edelstein auf — 
Schliff und Fassung zu sehen! 
Hans Viktor. Ach, Mademoiselle — auch 
hierin wechselt die Mode! Wer bürgt dafür, daß 
unsere Damen nach einigen Jahren noch denselben 
Schliff, dieselben Fassung wie heute goutieren. Alles 
Neue reizt — umsomehr als es aus dem Lande 
der Mode kommt! Aber wenn das Neue alt 
geworden, erkennt man plötzlich feine Fehler und 
wendet sich ab . dem wieder neu Gewordenen 
zu! Und das deutsche Hirn denkt ein wenig lang 
sam, Mademoiselle - deshalb bringt die deuffche 
Zunge eben nicht jene gleitenden, gleißenden 
Redensarten zustande, die — kaum gesprochen — 
schon vergessen sind Wie nun, wenn sie sich 
mühsam die galante Causerie angequält hätte, bloß 
um zu erfahren, daß plötzlich die alte Schwerfälligkeit 
wieder Mode sei? 
Katharina (spöttisch lachend). Ah, Monsieur, 
Sie glauben wohl gar — — ? 
Hans Viktor . . que les femmes sont 
variables — rien de plus! 
Katharina (achselzuckend). Soit ! Aber es könnte 
keinem unserer Landsleute schaden, die Kunst der 
aimablen petits mots zu lernen — sie sind so 
amüsant, verpflichten zu nichts — und man kommt 
recht weit damit, wie man sieht Während 
668 grands mots-là,, in denen langatmiger Wille 
vor lauter Reden nicht zur Tat kommt, enttäuschen 
und ennuyieren! 
Hans Viktor. Mademoiselle hat nicht das 
Aussehen, als ob sie viel Ennuyantes im Leben 
erfahren habe — es sei denn dieser aecident mit 
dem Wagen, der sie zwingt, mit einem ungewandten 
Landsmann de grands mots zu wechseln! 
Katharina (lächelnd). Vraiment! Un français 
aurait librement profité de la situation ! und würde 
mich haben vergessen lassen, daß meine Rosen und 
meine Füße den Tanz ersehnen! (Sie steht auf. 
reicht ihm die Fingerspitzen.) Tenez! Sie kennen 
den Rosentanz? 
Hans Viktor (verwirrt, abwehrend). Den 
Rosentanz? Ich? Tan — zen — : jetzt — hier — ? 
Katharina. Warum nicht? Die Melodie soll 
ja wohl das Erblühen der Rosen auf der Heide 
ausdrücken: voiei les roses — hier die Heide. — 
Eine kleine Probe, venez, venez! (Sie beginnt
	        

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