Full text: Hessenland (27.1913)

26 
dem Ausschank und dem kranken Mann. Und daß 
es gewiß ein Kreuz und Elend sei mit dem Bub", 
der immer schon so tue, als wär' er Herr im Hof 
und in denZStällen, weil nun mal leider Gottes 
keine Geschwister da wären. Und jetzt kriegt er's 
auch noch mit Heiratsgedanken! Wo er doch kaum 
achtzehn wär' und die Anna auch! 
Schließlich mußt' sie doch mal verschnaufen, und 
der Herr Bürgermeister kam zum Wort. 
„Ja, also was ich sagen wollt'! Mir scheint, 
die Sach' hat^schon ihre Richtigkeit," — er lächelte 
verschmitzt, „des jung' Volk wird schon wisse, warum's 
so pressiert." 
Karls Mutter schlug augenblicklich die Hände 
überm Kops zusammen. 
«Jesses, Jesses, Herr Burgemeister, meine Se dann 
wirklich? Gott im hohe Himmel, so e Schand! 
S o Kinner! Nei, nei, des glaub' ich net vom Karl!" 
Die^Frau * geriet völlig aus dem Häuschen und 
schaffte sich so gründlich in ihren sittlichen Eifer 
hinein, daß sie ganz vergaß, wie sie selber vor 
achtzehn Jahren die Hoffnung auf den Karl statt 
lich vor sich hergetragen hatte, als sie mit seinem 
Vater zur Trauung ging. 
Draußen im Flur kamen schwere Schritte. 
Da fuhr die Frau herum-. 
„Karl, Karl — er geht in die Küch' — Karl, 
komm' emal her. Sag emal ums Himmels Wille, 
was is dann des jetzt? Da, geh' her und sag' 
emal, ob's wahr is, daß die Anna e Kind von 
Dir kriege sollt'?" 
Der Karl war herbeigekommen und stand unter 
der Tür. Er hatte nur ein wollenes Hemd und 
Lederhosen an, und seine Brust war offen und rot- 
braun gebrannt. Er steckte die Hände in die Hosen 
taschen und guckte seine Mutter, seinen Vater und 
den Bürgermeister der Reihe nach stumm und ernst 
hast an, als wenn er von weit her käme und nicht 
wüßte, um was es sich handeln könnte. Es war 
eine Weile ganz still in der kleinen, blanken Wirts 
stube, die nach Schnaps und Seife roch, obwohl 
die beiden Fenster offen standen, daß sich die frischen 
Vorhänge im Zugwind blähten. Leise klang die 
eintönige Melodie des ländlichen Arbeitstages durch 
die Mittagsstille. 
„No, so antwort' doch, Karl," drängte die Mutter, 
„sag', ob's wahr is?" 
„Was dann?"» forschte der Karl. 
„Daß die Anna e Kind kriegt von Dir — ?" 
Da machte der Karl eine kurze Wendung und 
ging davon. 
„Was kreischst Du^en auch so an, Mutter," 
sagte der Vater traurig aus seinen Kissen heraus. 
„Jetzt kann kein Mensch mehr etwas aus em raus 
bringe." 
Die Mutter greinte und zeterte, und der Herr 
Bürgermeister trank dazu sein Biertelchen. Dann 
ging sie in die Küche, und der weißbärtige Alte 
machte sich davon auf sein Oberseld. Karls Vater 
blieb still in seinen Kiffen und horchte versonnen 
auf die lockenden Töne des Frühlings da draußen. 
* * 
* 
Abends stand der Karl am Gartenzaun und 
wartete auf die Anna. Er guckte in den stillen 
Garten und ab und zu pfiff er ein paar eintönige 
Takte. 
Der Garten lag in einer silbernen Dämmerung, 
die aus den verwehenden Schimmern der unter 
gegangenen Sonne und aus den ersten Strahlen 
des Mondes gewoben war wie ein Zauberschleier. 
Und darunter war ein stilles heimliches Leben von 
Keimen und Sprossen, von Vogelliebeslauten wie 
lauter seliges, verhaltenes Jubilieren der srühlings- 
trunkenen Natur. 
Der Karl zog an einer kalten Zigarre und 
guckte verträumt in den Garten. So große, er 
wartungsvolle Kinderaugen hatte er, wie die braunen 
Aurikeln auf den Beeten. Er wartete ganz ver 
sonnen, ohne Ungeduld, fast ohne Regung und ganz 
hingenommen von all dem sehnsüchtigen Leben um 
ihn her, aus die Anna, und merkte gar nicht, daß 
er sehr lange wartete. 
Dann kam sie und war auch im Mondglanz so 
frisch und farbig wie der Morgen. Noch einmal 
ganz frisch gewaschen und glatt gekämmt war sie, 
und sah lächelnd auf den Karl. 
„No, bleibe mer da stehn", fragte sie gleich, nach 
dem der Karl sie mit einem verträumten Blick 
regungslos begrüßt hatte. 
„Warum dann net?" sagte er. 
„Die Annern werde schon warte." 
«Ich geh' heut net zu de Annern." 
„Meinetwege," machte sie und steckte die Hände 
unter die Schürze, „dann sag' aber auch, was De 
hast." 
Das Mädchen lehnte sich mit dem Rücken leicht 
gegen den Zaun, aus den der Karl beide Arme 
gestützt hatte. Sie betrachtete ihn von der Seite, 
immer lächelnd, mit einem unbewußten Gemisch 
von belustigter Überlegenheit und mütterlichem Gut 
sein. Und anzusehen war sie, wie eine Kirsche 
aus dem Garten, so verheißungsvoll und doch noch 
so unreif in ihrer herben Mädchenhaftigkeit. 
Der Karl nahm sich Zeit. Aber endlich sagte 
er, ganz aus seinen Gedanken heraus: 
«Jetzt schwätze schon die Leut' drüber." 
„Uber was dann?" 
Er antwortete nicht gleich. 
„Daß ich aus'm Rathaus war."
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.