Full text: Hessenland (27.1913)

reichlich fließende Blut des Gerichteten auf, um > geklärten 19. Jahrhunderts, wo die medizinische 
es durch einen kräftigen Dauerlauf mit ihrem Blut Wissenschaft u. a. die Menschheit auch mit dem 
zu vermischen. So geschehen in der Mitte des auf- | sogenannten Haarseil beglückt hat. 
Der Iranzosenbaum. 
Karl Ferdinand zu Pferde stieg, 
Erfocht im siebenjähr'gen Krieg 
Mit braven Hessen manchen Sieg 
Dem großen Friedrich von Preußen. 
Da kam mit unsres Feindes Heer 
Von Frankreichs sonn'gem Süden her 
9n unser Hessenland auch er, 
Der junge, braune Franzose. 
So lustig war er immerdar, 
Kaum war er alt die zwamig Fahr, 
Wußt kaum, was Hessen, Preußen war, 
Sollt' kämpfen gegen sie beide. 
Der Krieg, der Krieg ist blut'ger Ernst, 
Ach, daß du das beizeiten lernst 
Und dich vom Übermut entfernst, 
Du lust'ger, junger Franzose! 
Doch nein, ein froher Kamerad 
Blieb er den Seinen früh und spat, 
Zog singend mit, die gold'ne Saat 
9m Felde zu fouragieren. 
So lieblich lag das Hessenland. 
Ein jeder Baum voll Früchte stand, 
Rasch erntet er mit kecker Hand 
Die reife Gabe des Herbstes. 
Da pfeift die Kugel aus dem Wald, 
Geflüchtet sind die andern bald, 
Nur ihm gebot sie ew'gen Halt, 
Dem armen jungen Franzosen. 
9n fremde Erde man ihn scharrt, 
Doch, ob ihm auch kein Denkmal ward, 
9m nächsten Jahr sproßt jung und zart 
Ein Birnbaumreis aus dem Grabe. 
Draus wuchs ein Baum mit Ästen breit, 
Der trägt im Lenz so lust'ges Kleid, 
Rauscht noch hinein in uns're Zeit 
Den Sang vom jungen Franzosen. 
Kassel. Ella Gonnermann. 
9m Kastell und Zeughaus. 
Wie sehr der Vorstand des Hessischen Geschichts- 
vereins durch das Programm des 30. August den 
Wünschen seiner Mitglieder entsprochen hatte, be 
wies die außerordentlich große Anzahl von Damen 
und Herren, die sich zur festgesetzten Zeit vor dem 
Tor des Kastells in der Mühlengasse versammelt 
hatte. Kaum vermochte der geräumige Hos alle 
zu fassen, als der bekannte treffliche Kenner Alt- 
Kassels,Rechnungsdirektor Woringer, in fesselnden 
Bildern die wechselnden Geschicke dieses Baues 
schilderte. 
Wer mit der Geschichte des Kastells nicht ver 
traut ist, könnte es für einen alten Teil der frühe 
ren Stadtbefestigung halten. Dem ist aber nicht 
so. Das Gebäude diente ursprünglich friedlichen 
Zwecken und erhielt seine kriegerische Gestalt erst 
lange nach seiner Erbauung. Schon unter Philipp 
dem Großmütigen diente es als Jagdzeughaus 
und Wohnung des fürstlichen Oberjägermeisters 
und hatte eben darum den Namen „Jägerhaus" 
Ein Stadtplan von 1640 zeigt es uns als einen 
mit vier Flügeln einen stattlichen Hof einschließen 
den Bau. 1686 wurde der Flügel an der Fulda 
abgerissen und neu aufgebaut. Aber schon 1766 
diente das Jägerhaus nicht mehr den Zwecken der 
Jagd, nachdem das Jagdzeughaus nach Waldau 
verlegt worden war. Im siebenjährigen Kriege 
benutzten es die Franzosen während ihrer drei 
maligen Besetzung Kassels als Fouragemagazin, 
1763 wurde es als Lazarett für die Kasseler Gar 
nison eingerichtet, aber wenige Jahre später lies; 
Landgraf Friedrich II., der in seinem durch den 
siebenjährigen Krieg verarmten Lande das Hand 
werk wieder zur Blüte zu bringen suchte und na 
mentlich dem Tuchmachergewerbe seine Unter 
stützung lieh, im Jägerhaus eine Tuchfabrik an 
legen, weshalb es eine Zeitlang den Namen 
„Fabrikhaus" führte. Bald darauf wurde es da 
neben als MontierungSmagazin für die hessischen 
Truppen verwandt und enthielt auch die Laza 
rette des 1. Bataillons Garde und des Gardekorvs. 
Eine völlige Umgestaltung erfuhr der Bau unter 
Wilhelm IX., der einen Teil des „Fabrikhanses" 
abreißen ließ, den Rest mit Wall und Graben be 
festigte, mit einer Zugbrücke versah und unter 
dein Namen „Kastell" zum StaatSgefängniS be 
stimmte. Während der verschiedenen Aufstände 
gegen die französische Fremdherrschaft in den 
Jahren 1806/07 und 1809 füllten sich die Zellen 
des Kastells mit politischen Gefangenen, von denen 
sechs, der Fähnrich von .Hasserodt, der Wacht 
meister Hohnemann, Oberst Emmerich, Professor 
Sternberg und die althessischen Soldaten Günther 
und Muth aus dem Forst, dort, wo jetzt die Forst 
eiche steht, erschossen wurden. Auch von den im 
Kastell gefangen gehaltenen Deserteuren wurden
	        

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