Full text: Hessenland (27.1913)

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Stimme war selbsterfunden und kunstlos, und bei 
dem klagenden Kehrreim fiel auch der Kaspar ein 
und brummte eine Art von dritter Stimme zwischen 
den Zähnen, die ein kurzes Pfeifchen hielten. Der 
Karl paffte stumm und heftig aus einer dicken Zigarre 
übelriechende Rauchwolken in die klare Nachtlust. 
ES war köstlich still und kühl aus dem leise 
ziehenden Fluß. Der Mond stand groß im Osten 
und warf ein langes, schimmerndes Netz über die 
dünkte Flut. Auf dem ansteigenden linken User 
wär däS alte Städtlein aufgetürmt. Die stolze 
Klosterkirche mit dem dicken, kuppeligen Glockenturm 
über der Vierung und den beiden schlanken, spitzen 
Dordertürmen; die alten, hohen Klosterbauten mit 
deck glänzenden Schieferdächern, die über den bröckeligen 
Klostermauern guckten; die runden Ecktürme mit den 
spitzigen Hauben, die von des Städtleins ehemaliger 
Befestigung stehen geblieben waren; die Tortürme 
an der Stadtmauer und der flache RathauSturm — 
alles reckte sich hoch und fein nach dem Sternhimmel 
Und hatte verklärte, lichte, aufstrebende Linien um 
die tiefdunkle Traumhastigkeit seiner schweren Formen 
und seine- erdenschweren Inneren. Und ein süßer, 
sommernächtiger Duft wehte herüber über den silbernen 
Fluß von den knorrigen Akazien unter der Kloster 
mauer und aus den Klostergärten und aus den 
Wiesen um das Städtlein, wo das erste Heu zum 
Trocknen lag. 
Das Lied war aus, und der Kaspar trieb mit 
ein paar kräftigen Stößen den Nachen ans Land. 
Die Mädchen sprangen heraus und gingen langsam 
hinan; dann kam auch der Karl ans Land und sah, 
die Hände in den Hosentaschen, zu, wie der Kaspar 
den Nachen auf den Sand zog und mit der Kette 
an einen großen Stein festmachte. Dann gingen 
die Burschen hinter den Mädchen her. Die achteten 
nicht daraus, aber als der Weg zwischen Kloster- 
mauer und Friedhof unheimlich dunkel einbog, gingen 
sie langsamer, bis die Burschen dicht hinter ihnen 
waren. Die Mädchen flüsterten miteinander, und 
die Burschen rauchten schweigend. 
An des Fuhrmanns Burkhardt Häuschen blieb 
die Anna stehen und sagte „Gute Nacht beisammen." 
Die Christine und der Kaspar erwiderten den 
Gruß und gingen nebeneinander weiter. Der Karl 
blieb vor der Anna stehen. Die steckte die Hände 
unter die Schürze und zog die Schultern hoch und 
guckte den Karl an mit ihren hellen Augen, in denen 
immer ein zufriedenes Lächeln stand über ihr jung- 
frifcheS, arbeitsfrohes Dasein. Der Karl sah ver 
sonnen weg, dahin, wo die andern im Dunkel ver 
schwunden waren. 
„Wo warst Du jetzt heut?" fragte die Anna nach 
einer langen Stille. 
Der Karl zögerte. 
„Auf'm Rathaus", sagte er dann. 
„Warum dann?" 
Der Karl schwieg. 
Nach einer ziemlichen Weile meinte die Anna: 
„Was hast jetzt Du auf'm Rathaus verlor'n?" 
Und als der Karl weiter schwieg 
„No also. - gut' Nacht." 
„Wart' emal", sagte er und rauchte stärker. 
,»No — ?" fragte sie. 
„Aus Johanni wird geheirat'" erklärte er be- 
stimmt. 
„Wer heirat'?" 
„Mir zwei." 
„Biste verrückt?" 
„Anna, guck' emal —" 
Aber die Anna machte die Haustür aus und 
knallte sie im Verschwinden herzhaft zu. 
Der Karl betrachtete die alte unverschlossene Haus 
tür lange und schwermütig, dann streifte er am 
Gartenzaun entlang, wo die Bohnen blühten, und 
schlich nach Hause. 
* * 
* 
Unter der offenen Stubentür stand Karls Mutter 
und stemmte die bloßen, dürren Arme in die mageren 
Seiten. Sie guckte völlig sprachlos aus ihrem harten 
Gesicht auf den Herrn Bürgermeister, dem sie eben 
ein Viertelchen aus den blanken Eichentisch hingestellt 
hatte. Der Herr Bürgermeister wiederholte seine 
Worte: 
„Ja. also zwischen zehn und elf war er droben 
und wollt' alles festmachen." 
„Jeffes, Jeffes, der Karl!" zeterte die Frau, 
„denk' mal, Vatter!" 
- In einem alten, ledernen Großvaterstuhl, inmitten 
von schneeweißen Bettkiffen, saß ein Mann, der noch 
jugendlich aussah und der aus denselben schwer 
mütigen Kinderaugen guckte wie fein Karl. Seine 
Krücken lehnten neben ihm, und seine Beine waren 
dick verwickelt, denn er hatte sich beim Feldzug 
ins Franzosenland im naffen Biwack vor Metz einen 
hoffnungslosen Rheumatismus geholt. 
„Wie er nur drauf kommt, der Karl?" meinte 
er grübelnd und guckte fragend wie ein Kind nach 
der sauberen, zerarbeiteten, verblühten Frau. 
„Wie er drauf kommt? Aus so Posse? Weil 
Du'm alle Wille läßt", fing Karls Mutter an zu 
kreischen. Und dann zeterte sie drauf los. daß 
selbst der Herr Bürgermeister nicht hätte zu Wort 
kommen können. Wie sie schaffen müffe Tag und 
Nacht, und wie der Karl groß geworden wäre, 
sozusagen ohne Vater und Mutter. Und jetzt habe 
er. seit er aus der Schul' kam, den ganzen Wirt- 
schastsbetrieb unter sich, weil s i e doch genug, über 
genug zu rackern habe mit dem Hauswesen und
	        

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