Full text: Hessenland (27.1913)

aber wird es mit ehernen Lettern für alle 
Zeiten verzeichnet sein, daß dieser hochbedeu 
tende und kerndeutsche Mann, als ein unver 
dientes, hartes Geschick ihn zu vernichten drohte, 
in Kassels Mauern zuerst sicheren Schutz vor 
dem Unwetter und im Hessenlande eine neue 
Stätte erfolgreichster und weitreichendster Wirk 
samkeit fand. 
Kleine Kasseler Erinnerungen an die Leipziger Schlacht. 
Von Otto Gerland. 
Die erste Nachricht von der verlorenen Schlacht 
dürfte ans eine Art telegraphischen Weges nach 
Rassel gelangt sein. Oberhalb der Königstraße am 
Wilhelmshöher Tore stand damals eine Alarmkanone. 
Nicht weit davon, in dem früheren du Ry'schen Hause 
in der oberen Karlstraße, das dem neuen Rat 
hanse hat weichen müssen, wohnte mein Großvater, 
der damalige .Hofrat, spätere Medizinaldirektor 
Grandidier Am 18. Oktober abends saßen dessen 
Kinder, darunter meine damals 10 Jahre alte Mutter, 
in dein nach dem Wilhelmshöher Tore zu gerichteten 
Hinterzimmer bei ihnen am Tisch saß die Ein 
quartierung, ein französischer Kaisergardist, während 
die Eltern ausgegangen waren. Plötzlich ertönte 
ein Schilf; ans der erwähnten Kanone, so daß meine 
Mutter und deren Geschwister sehr erschraken. Der 
Gardist suchte sie zu beruhigen, indem er sagte 
Ne craignez pas, mes enfants. Man vermutete, 
daß der Schilf; ein von Leipzig her durch eine Reihe 
von Zwischenstationen vermitteltes Zeichen von dem 
kaiserlichen Bruder an den König in Kassel ge 
wesen sei. Letzterer verschwand ja auch nach wenigen 
Tagen, die inzwischen von ihm inszenierten Paraden 
und dergl. dürften nur als eine Maskierung des 
Aufbruchs und des Fortschleppens der zu rettenden 
Habe anzusehen gewesen sein. 
Man wollte ferner am 18. Oktober 1813 beob 
achtet haben, daß die in der damaligen Fasanerie in 
der Karlsaue untergebrachten Goldfasanen während 
des ganzen Tages eine große Aufregung an den 
Tag gelegt hätten, die man sich nicht erklären konnte. 
Man brachte dies nachher damit in Verbindung, daß 
durch den furchtbaren Kanonendonner der Völker 
schlacht eine nicht für die Menschen, wohl aber für 
die sehr feinfühligen Goldfasanen noch wahrnehm 
bare Erderschütterung hervorgerufen worden sei. 
Die Explosion des Mainzer Pnlverturms 1857 wurde 
auch bis in die Nähe von Kassel verspürt. 
-»*«« 
Hessische Folterbänke, Nichtschwerter und Nichtstühle. 
Von E Wenzel, Magdeburg. Mit einer Zeichnung vom Verfasser. 
Die Anwendung der Folter als Mittel des pein 
lichen Halsgerichts war germanischem Volksempfin 
den fremd, man kannte in Deutschland nur die 
Feuer- und Wasserprobe, während das römische 
Recht die Anlvendnng der Folter gegen Sklaven 
und bei Majestätsbeleidigungen auch gegen Freie 
gestattete Mit dem römischen Recht kam die in 
ihren Resultaten recht zweifelhafte Folter im 14. 
Jahrh, nach Deutschland, nachdem sie in Italien 
schon lange bestanden hatte Die peinliche Halsge 
richtsordnung Kaiser Karls V suchte zwar die An 
lvendnng der Folter zu beschränken, ließ sie aber 
doch zu, und so sehen wir im ganzen 16. und 17. 
Jahrh, überall in deutschen Landen die Folter aus 
gedehnte Verwendung finden. Lange genug hat es 
gedauert, bis man die Folter als höchst fragwür 
diges Mittel erkannte, einen Sünder zum Geständ 
nis zu bringen. Im Anfang des 18. Jahrh, be 
stand schon eine ganze Literatur für und wider die 
Tortur Preußen schaffte die Tortur 1740 und 
1754, Hessen 1785 durch Edikt vom 29. November, 
Gotha gar erst 1822 ab. 
So zahlreich nun die Nachrichten über peinliche 
Prozesse und vorausgegangene Folterungen sind, 
so gering an Zahl sind die uns überkommenen 
Werkzeuge. Das noch vorhaitdene wenige Material 
habe ich auf nebenstehender Abbildung zusammen 
gestellt. 
Da sehen wir im Hintergrund eine eiserne Streck 
bank, die jetzt im Museum zu Fulda steht. Sie 
stammt aus dem 1568 errichteten Fuldaer Stock 
haus, an dessen Stelle jetzt das Judenbad steht. 
Außer dieser Folterbank besitzt das Museum vom 
Stockhaus noch einen Türbogen mit der Zahl 1568 
sowie eine eiserne Zellentür mit einer Speiseklappe. 
Während im Keller eine Reihe zu je zwei heiz 
baren Zellen längs eines Korridors lagen, befand 
sich im Erdgeschoß die Folterkammer. Die Folter 
bank ist so eingerichtet, daß der Unglückliche an 
Händen und Füßen an den Ringen am Ende der 
Holme gefesselt werden konnte, um dann die Tortur 
über sich ergehen zu lassen. 
Im allgemeinen unterschied man fünf Grade der 
tortura oder guas 8 tio criminalis: 1 Dem der 
Schuld Verdächtigen wird mit der Folter gedroht, 
2. die nicht zum Geständnis zu bewegende Person 
wird in die Folterkammer geführt, 3. sie wird ge 
bunden; 4. sie wird erhöht, d. h. an den Armen 
aufgehängt, 5. sie wird geschlagen oder durch an 
den Füßen befestigte Gewichte gestreckt oder der 
Strick zum Aufhängen wurde stark geschüttelt. 
Andre Formen der Tortur als das Strecken mit 
der Winde oder Streckleiter waren der trockene Zug, 
wobei dem Delinquenten die Füße am Boden fest 
gemacht und die Arme rückwärts hochgezogen wur 
den, was meist Lähmungen zur Folge hatte, weiter
	        

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