Full text: Hessenland (27.1913)

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fleht, vortrefflichen Rufes. Bemerkt sei noch, daß 
in der historischen Erzählung von H. Brand, „Unter 
König Jöröme", „der alte würdige Zeugdruckerei 
besitzer Engelhardt vom Altmarkt" genannt wird, 
da wo Gruppen der aufgeregten Bevölkerung unse 
rer Residenz am 15. Oktober 1806 über die neuesten 
weltgeschichtlichen Ereignisse debattieren. Dann 
haben Vater und Großvater von Friedrich Engel 
hardt, dem jetzigen Inhaber, dem Kasseler Magi 
strat als Stadträte angehört. Wenn die Gründung 
des Geschäftes auch ins Jahr 1763 verlegt wurde, 
so reichen seine Anfänge doch fast 200 Jahre zu 
rück. Es ist wahrscheinlich, daß sie mit der inten 
siven Handels- und Gewerbepolitik zusammen 
hängen, die sich aus dem Merkantilsystem des 
Landgrafen Karl ergibt. Technisch und kommer 
ziell hat das Unternehmen im Laufe der anderthalb 
Jahrhunderte natürlich eine reiche Entwickelung 
durchwandelt. In der Zeit des handwerklich-zünf 
tigen Betriebes geschah der Druck mit der Hand 
form, die anfangs nur aus Holz geschnitzt war. 
So wurden die primitiven Figuren und Gruppen 
hergestellt, die wir heute noch auf alten Stücken 
sehen können, während die Pflanzenornamente in 
diesem Verfahren bereits so schön wurden, daß 
man heute wieder auf die alten Muster zurück 
kommt. Dieser umständliche Handdruck wurde im 
vorigen Jahrhundert durch einen vereinfachten, 
mechanischen Betrieb ersetzt. Es kamen die soge 
nannten Perotinen auf, das sind selbsttätige Druck 
maschinen, die nur eingestellt zu werden brauchen. 
In dieser fortgeschrittenen Technik sind die Muster 
viel komplizierter wie reichhaltiger in den Farben 
geworden. Das kommerzielle Wachstum des Ge 
schäftes entspricht dieser technischen Entwickelung. 
Als rein handwerklicher Betrieb war man vor 
allen Dingen auf den Absatz am Platz angewiesen. 
Aber bereits der dritte Inhaber, Friedrich Engel 
hardt, der zuerst fabrikationsmäßig arbeitete, ent 
sandte seine Geschäftsvertreter nach Hessen, Thürin 
gen, Süddeutschland, auch besonders nach Franken. 
Für die Güte der Geschäftsartikel ist auch bezeich 
nend, daß unter diesem dritten Inhaber schon zwei 
Medaillen auf der Kasseler Gewerbeausstellung er 
worben wurden 1829 die silberne Ehrenmünze, 
1840 die silberne Gewerbemedaille des Kurfürst 
lichen Handels- und Gewerbe-Vereins. Auf der 
Leipziger Industrie-Ausstellung erhielt die Firma 
im Jahre 1850 durch die Bronzene Medaille des 
Königs von Sachsen eine Auszeichnung, 1870 auf 
der Kasseler Industrie-Ausstellung wurde eine An 
erkennung für vortreffliche Leistungen erworben. 
Heute hat sich das Äigclhardtsche Geschäft den 
Forderungen des Großbetriebes völlig angepaßt. 
Besonders werden Stoffe für die Schürzenfabri 
kation angefertigt, deren Absatzgebiet sich haupt 
sächlich aus Ostpreußen, Schlesien und das König 
reich Sachsen erstreckt. Dabei wird jedoch immer an 
der alten soliden Blaudruckfabrikation für Kleider 
durchaus festgehalten. Hierfür kommen besonders 
die beiden Hessen, Bayern, Baden und Württem 
berg in Frage. Es bleibt noch zu sagen, daß sich 
das Geschäft gegen Ende des vorigen Jahrhunderts 
derartig entwickelt hatte, daß seine Zerlegung aus 
der alten Leipziger Straße in Kassel nach Betten 
hausen zur Notwendigkeit wurde. Friedrich Engel 
hardt, der jetzige Inhaber und Leiter, hat sich 
zuerst unter seinem Vater gebildet, um dann die 
technischen Großbetriebe, hauptsächlich in Österreich- 
Ungarn, Westdeutschland und der Schweiz kennen 
zu lernen. —r. 
Musste Hungen der Kasseler Bibliotheken. 
Es war ein dankenswerter Entschluß des Direktors der 
Murhardschen Bibliothek Professor vr. Stein 
haufen. aus Anlaß der Jahrtausendfeier einmal die in 
diesem Umfang nirgends anzutreffende Sammlung der 
Bibliothek von Plänen und Gefamtanfichten der Stadt 
Kassel wie einzelner Stadtteile und Gebäude im Saale 
der Bibliothek auszustellen. Und so hatte man denn in 
der Woche nach dem großen Fest Gelegenheit, neben mehr 
oder weniger bekannten bildlichen Darstellungen die seltensten 
Stücke bequem und übersichtlich beisammen zu sehen. Nur 
einiges kann aus der großen Fülle dieser einzigartigen 
Ausstellung hier hervorgehoben werden. Da fanden wir 
unter den Ansichten die Gesamtansicht Kassels in dem lauch 
farbig vertretenen) Kupferstich aus Hogenberg und BruiereS 
0rbi8 terrarum in der Ausgabe von 1574, weitere Gesamt- 
anfichten aus 1591 und 1598 lDilich), 1593, 1595,1596, 
um 1600 nach 1604. 1605. ca. 1620 (Meißner). 1632 
(Bertius). 1638 und 1640 (Merian). 1720, 1761, 1790 
(Weife). 1800 1830 (Stieh), 1836, vom Mergardschen 
Garten vor dem Leipziger Tor aus gesehen, höchst seltenes 
Blatt ca. 1840, von Wolfsanger auS gesehen, nach der 
Zeichnung von G. Engelhard, und aus neuerer Zeit noch 
eine ganze Anzahl z. T. außerordentlich seltener Blätter. 
Von den Einzeldarstellungen heben wir besonders I. H. 
Tischbeins Gemälde des alten LandgrafenfchlosseS hervor, 
nach dem für die Ausstellung der LandeSbibiiothek jetzt 
eine Kopie hergestellt wurde, und weiter als höchste Selten 
heit ein die Aue als Insel darstellendes Gemälde. In dieser 
Reichhaltigkeit nirgends wieder anzutreffen ist sodann die 
Sammlung von Einzeldarstellungen, die uns manchen ver 
schwundenen Bau wenigstens im Bilde festhalten, so daS 
1891 niedergerissene Dechaneigebäude am MartinSplah, 
die verschwundenen Häuser am Meßplatz, das 1888 ab 
gebrochene Haus vor dem Kloster Nr. 3, in dem General 
Allix 1807 wohnte, die Fuldabrücke (1795, C. Sieber), 
Grundriffe und Ansichten der Kattenburg. ein entzückendes 
Aquarell von I. Krauskopf: Blick von den Kolonnaden 
auf Kattenburg und Aue, den Hanauischen Park. die 
Gnadengasse, ein Gemälde von Emilie von der Embde: Blick 
vom Hotel Prinz Friedrich Wilhelm auf die Gärten der 
Wolfsschlucht und KönigSstraße. Pläne von Privatumbauten 
mit der eigenhändigen Genehmigung des letzten Kurfürsten, 
eine ganze Anzahl von Stichen Kobolds und MayrS und 
anderer, darunter eine Reihe Urnen. Auch die Sammlung 
der Pläne ist reichhaltig vertreten von dem recht zweifel 
haften Plan von 1311 an; aus diesen Plänen, z T. 
Originalen, seien diejenigen von 1540.1564,1642, 1697, 
1720 (Oberneustadt. J.G. Krug!). 1742, 1757, 1758 und 
1766 hervorgehoben. Den Beschluß bildet eine in dieser 
Vollständigkeit wohl auch unerreichte Sammlung von etwa 
130 verschiedenen Ansichten WilhelmShöhes auS allen Zeiten. 
Allgemein bedauert wurde, daß die Ausstellung wegen der 
in diesem Saale beginnenden Vorlesungen der Gesellschaft 
für Kunst und Wissenschaft so früh wieder geschloffen 
werden mußte. Sie gehörte zu den wertvollsten Dar 
bietungen der verflossenen Jubiläumstage.
	        

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