Full text: Hessenland (27.1913)

tmiL, 310 v-E. 
seine Vorlesungen abzuhalten wagte. Frei und 
natürlich, aus den Prunk des Gelehrtenlateins 
verzichtend, redete er zu seinen Hörern, die 
ihm auch aus diesem Grunde ihr Herz ent 
gegenbrachten. Außerdem wandte er die größte 
Mühe an, um klar und verständlich zu lehren 
und zu schreiben, und die zünftige Philosophie 
warf ihm wohl gerade deshalb mitunter eine 
„Verflachung der Metaphysik zum gemeinen 
Menschenverstände" vor Tatsächlich lesen sich 
seine Schriften trotz ihrer altertümlichen Sprache 
sehr leicht im Vergleich zu denen mancher 
modernen Neukantianer, bei deren Lektüre man 
gleichsam durch die Nacht tappt und überall 
anstößt. Nur durch die deutsche Begriffsbil 
dung, die Wolfs schuf, drang seine Lehre auch 
in einem bis dahin unerhörten Maße in das 
Volk ein, viel stärker, als dies heute der Fall 
ist, wo mancher mit Recht schon vor der Ter 
minologie einer mit „ismussen" gespickten Wis 
senschaft wie vor einem schlangenhäuptigen 
Ungeheuer zurückschaudert. Durch ihn ange 
regt gründete man an verschiedenen Orten 
unseres Vaterlandes Gesellschaften, deren Be 
stimmung es war, ihre Mitglieder tiefer in die 
Philosophie einzuführen, Jahrzehntelang ha 
ben diese sogenannten Alethophilen, die Wahr 
heitsfreunde, in seinem Sinne gewirkt. So 
hat dieser eine Gelehrte einen hervorragenden 
Anteil an der Verstandesbildung seiner Lands 
leute und der Erweckung wissenschaftlichen 
Sinnes im Volke gehabt und kann, wie einst 
Melanchthon, verdientermaßen ein praeeeptor 
Gennaniae genannt werden. 
Eine solche Persönlichkeit von weittragend 
ster Bedeutung haben wir also in dem Manne 
zu erblicken, den im Jahre 1723 ein Macht 
spruch des damaligen Absolutismus wie ein 
Blitzstrahl traf und jählings aus seinem Wir 
kungskreis herausschleuderte. Um diese erstaun 
liche Tatsache verständlich zu machen, müssen 
wir etwas weiter zurückgreifen und den Gegen 
satz zweier Richtungen, deren Anschauungen 
damals einander entgegenwirkten, im Zusam 
menhang mit der ganzen Zeitlage uns ver 
gegenwärtigen es war in mancher Beziehung 
ein ähnlicher Kamps wie die allbekannte Fehde, 
in der später Lessing mit Götze, dem Haupt- 
vertreter der Rechtgläubigkeit, die Waffen 
kreuzte. Wolfs, ein geborener Schlesier, der 
(Schluß 
zunächst in seinem Heimatlande gewirkt hatte, 
war im Jahre 1707 zunächst nur als Mathe 
matiker und Physiker an die junge preußische 
Universität Halle berufen worden, wandte sich 
aber an der neuen Stätte seiner Tätigkeit seit 
1709 mit wachsender Hingabe der Philosophie 
zu und behandelte unter starkem Beifalle ihre 
Hauptzweige in seinen Vorlesungen. Was er 
da vortrug, entfernte sich weit voll den her 
kömmlichen Bahnen auf diesem Gebiete und 
erregte ungewöhnliches Aufsehen. Halle war 
damals die Pflanzstätte und der Wohnsitz des 
Pietismus, und die Vertreter dieser Richtung, 
so achtungsvoll sie auch als Menschen und 
Christen waren, nahmen bald, in viel engeren 
Vorftellungskreisen befangen, trotz ihrem Wi 
derstand gegen die Orthodoxie, an Wolffs phi 
losophischer Tätigkeit in stärkstem Maße An 
stoß und setzten alle Hebel in Bewegung, um 
diesen gefährlichen Freidenker und Jrrlehrer 
wenigstens auf das neutrale Gebiet der Mathe 
matik zurückzudrängen, wo er keinen Schaden 
anrichten konnte. Insbesondere erschien diesen 
ängstlichen Gemütern, zu denen auch der sonst 
so vortreffliche Aug. Hermann Francke gehörte, 
die Annahme der „prästabilierten Harmonie", 
die'Wolfs im Anschluß an Leibnitz vortrug, als 
eine wahre Wurzel greulicher Verderbnis' die 
Beweise für das Dasein Gottes und den Unter 
gang der Welt glaubten sie unter anderem 
hierdurch in Frage gestellt, und vor allem der 
Dekan der theologischen Fakultät, Herr Jo 
achim Lange, meinte die zukünftigen Geist 
lichen des Landes vor solchen Versuchungen 
ihrer dogmatischen Fertigkeit bewahren zu 
müssen, zumal da in der Tat ein Rückgang des 
theologischen Eifers unter der studierenden 
Jugend offenkundig zu Tage trat und die Ein 
wirkung Wolffs deutlich genug ihre Spuren 
zeigte. Selbst Francke, der am eigenen Leibe 
die Folgen des Gegensatzes zur Orthodoxie 
kennen gelernt hatte, dachte doch über Wolfs 
nicht anders und berichtet in einem Briefe über 
diese Angelegenheit, „er habe die realen Be 
weise von seinen gottlosen Lehren aus dem Be 
kenntnis seiner Discipul in Händen gehabt und 
eine greuliche Korruption der Gemüter" an 
diesen gefunden, mit inbrünstigen Gebeten soll 
er kniefällig um Beseitigung dieser Finsternis 
zu Gott gefleht haben! 
folgt.) 
—
	        

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