Full text: Hessenland (27.1913)

ften von Fülgraff vom 2. Linien-Jnfanterie- 
Regiment eingegangen wäre und diesem durch 
Mitteilung der nötigen Unterlagen die Mög 
lichkeit gegeben hätte, die Beanstandung - es 
handelte sich überhaupt nur um 4 Klafter Holz, 
für die möglicher Weise 30 bis 40 Rtlr. hätten ab 
gezogen werden können - genau zu untersuchen 
und nötigenfalls den Schuldigen zur Ersatz 
leistung heranzuziehen. Er lehnte dies Ver 
fahren aber rundweg ab, da es ihm nicht so 
sehr darauf ankommen könne, zur Feststellung 
der etwa Verantwortlichen mitzuwirken, als 
darauf, Ersatz für die geleistete Mehrlieferung 
zu erhalten. Die Folge davon war, daß Oberst 
von Fülgraff, der sich bisher wiederholt ent 
gegenkommend erwiesen hatte, diese seine Hal 
tung änderte und von nun an streng auf der 
Erfüllung aller sich aus der „Instruktion" 
ergebenden Verpflichtungen bestand. 
Nicht mehr Glück hatte von Canstein mit 
dem Versuch, den Maire von Oberkaufungen 
dafür verantwortlich zu machen, daß er sich 
überhaupt auf die beanstandete Mehrlieferung 
eingelassen habe. Denn dieser war ihm in 
tatkräftigem Auftreten und sachlicher, ge 
schickter Berichterstattung entschieden überlegen. 
In bestimmter und gelegentlich recht derber 
Sprache wies er den Versuch, die angeblichen 
Überschreitungen der Gemeinde Oberkaufungen 
aufzubürden, entschieden zurück und legte die 
Notwendigkeit der verausgabten Beträge dar; 
in außerordentlich geschickter Weise wußte er 
in eingehender Einzelberechnung den Nachweis 
zu führen, daß er mit der größtmöglichen 
Sparsamkeit verfahren sei, und daß jeder Ver 
such, die notwendigen Lieferungen in anderer 
Weise zu beschaffen, eine Vermehrung der Un 
kosten hätte mit sich bringen müssen. Und es 
war ein voller Erfolg, als der Generalsekretär 
der Präfektur von Nordenflycht dahin ent 
schied, daß das Verfahren des Kantons-Maire 
von Oberkaufungen eher Beifall als den von 
Canstein verlangten Tadel verdiene. Außer 
dem hatte auch der Kriegsminister schon früher 
entschieden, daß die für die Hospitäler gelten 
den Bestimmungen der „Instruktion" auch für 
die Regiments-Krankenstuben in Anwendung 
zu bringen seien und demnach die Lieferung 
für die Heizung während 8 Monaten geleistet 
werden müsse. Somit blieb von Canstein nichts 
weiter übrig, als sich wohl oder übel damit 
abzufinden, daß die Verpflichtung, für die 
Regiments-Krankenstuben die nötigen Räum 
lichkeiten bereit zu stellen, sie einzurichten und 
zu unterhalten, der Stadt Kassel in dem einen 
Jahr 1811 neben all den sonstigen Beschwer 
den, Plackereien und Verdrießlichkeiten einen 
Kostenaufwand von mehr als 600 Rtlr. ver 
ursacht hatte. 
Für die Gesamtrechnung der Stadt konnte 
dieser Betrag wohl nicht allzu schwer ins Ge 
wicht fallen, und die Auflage selbst kann zu 
nächst nicht als besonders schwere bezeichnet 
werden. Was sie aber in der Ausführung 
so empfindlich und drückend machte, war die 
aus den bestehenden Verhältnissen entspringende 
kaum zu überwindende Schwierigkeit die ver 
langten Räume zu beschaffen; lagen doch z. B. 
im Mai 1811 in der Stadt eine Schwadron 
Garde-du-Corps, ein Regiment Garde-Che- 
vaux-legers, ein Bataillon Garde-Grenadiere, 
ein Bataillon Gardejäger, ein Bataillon 
Gardejägerkarabiniers, ein Regiment Linien- 
Jnfanterie, Artillerie und Train, zusammen 
rund 6900 Mann! Dazu kam, daß die Hand 
habung dieser Bestimmung, jedes Entgegen 
kommen von seiten der Behörden vermissen 
ließ. Und so mag auch dieses kleine Glied in 
der Kette der Lasten und Bedrückungen jener 
Jahre dazu beigetragen haben, die gerade um 
die Wende der Jahre 1811/12 hervortretende 
Erbitterung in der Bevölkerung zu nähren und 
zu steigern. Diese tiefgehende Verstimmung 
war auch dem leichtlebigen Hof nicht verborgen 
geblieben, und mit welcher Sorge man hier 
die Bewegung verfolgte, zeigen die Worte in 
einem Bericht Jerömes vom 5. Dezember 1811. 
„Die Gärung ist auf dem Höhepunkte, und 
wenn der Krieg ausbricht, werden alle Gegen 
den zwischen Rhein und Oder den Herd einer 
allgemeinen Insurrektion bilden." Und er 
verrät gewiß offenen Blick und klare Einsicht, 
wenn er sich weiter dahin ausspricht „Die 
Hauptursache dieser gefährlichen Bewegung ist 
nicht allein der Haß gegen die Franzosen und 
der Unwille gegen das Joch der Fremdherr 
schaft, sie liegt noch weit mehr in den un 
glücklichen Zeiten, in dem gänzlichen Ruin 
aller Klassen, in dem übermäßigen Druck, den 
die Abgaben, die Kriegskontributionen, der 
Unterhalt der Truppen, die Durchzüge der 
Soldaten und die unausgesetzt sich wieder 
holenden Belästigungen aller Art ausüben. 
Es sind Ausbrüche der Verzweiflung von den 
Völkern zu besorgen, die nichts mehr zu ver 
lieren haben, weil man ihnen alles genommen 
hat." 
So nahe war freilich das gefürchtete Ende 
noch nicht, und es mußten noch die viel 
schwereren Lasten und Opfer des Jahres 1812
	        

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